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Wirtschaftsstandort Deutschland "aufpolieren"

12.04.2002


Schlechte Noten für Attraktivität - DIHK-Umfrage

Die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Deutschland muss aufpoliert werden: "Gerade mal Befriedigend" benoten ihn die deutschen Unternehmen. Selbst Frankfurt am Main als regionaler Standortprimus ist kein "Einser-Kandidat"; er erhält nur eine "Zwei Minus". Um den Standort Deutschland im internationalen Konzert wieder voranzubringen, müssen, so die Ergebnisse unserer Umfrage, deshalb

- die viel zu hohen Sozialbeiträge und die Steuern gesenkt werden, - der verkrustete Arbeitsmarkt entschlackt werden, - das Bildungssystem modernisiert werden - und eine moderate Lohnpolitik muss diese Reformen ergänzen.

Diese Forderungen spiegeln sich in den Kommunen wider:

- runter mit den hohen Abgaben und Gebühren, - schlankere Verwaltungen, - schnellere Entscheidungen der Behörden.

Dies sind die Schlaglichter unserer Umfrage, bei der mehr als 20.000 Unternehmen geantwortet haben. Mit dieser Umfrage wird im Jahr der Standortpolitik der IHK-Organisation erstmals auch ein Ranking der Standortattraktivität der IHK-Bezirke Deutschlands vorgestellt.

Mehr Netto für alle

An erster Stelle ihrer Prioritätenliste für den Standort Deutschland, so die Umfrage im Einzelnen, steht für die Unternehmen die Senkung der Sozialbeiträge und der Steuern. 82 Prozent der Unternehmen sehen in einer Absenkung dieser Lasten die dringlichste Maßnahme. Die viel zu hohen Sozialbeiträge in Deutschland belasten den Faktor Arbeit in erheblichem Maße. Die Beitragssätze zu den Sozialversicherungen übertreffen weiterhin deutlich die 40-Prozent-Marke - entgegen den Versprechen der rot-grünen Bundesregierung. Die hohe Steuerbelastung resultiert nicht nur aus der hohen Einkommensteuer, der Körperschaftsteuer und der Gewerbesteuer, sondern auch aus der Umsatzsteuer, der Ökosteuer, der Versicherungssteuer, der Grundsteuer, der Kfz.-Steuer und einer Vielzahl weiterer Verbrauchssteuern. Die Unternehmen beklagen zudem den bürokratischen Aufwand, der ihnen vom Staat mit vielen Vorschriften der Sozialgesetzgebung auferlegt wird - ein herausragendes Beispiel aus den letzten Jahren sind die Vorschriften bei geringfügig Beschäftigten.

Arbeitsmarkt flexibilisieren

An zweiter Stelle auf der Prioritätenliste steht die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, d. h. des Arbeits- und Tarifrechts. Gut 60 Prozent sehen hier Änderungen als dringend erforderlich an. Mit dem Abschluss von Arbeitsverträgen gehen die Unternehmen Bindungen ein, die sich nur schwer wieder lösen lassen. Deshalb sind die Unternehmen bei ihrem Einstellungsverhalten zurückhaltend. Selbst in guten Zeiten wird der Arbeitsmarkt deswegen kaum spürbar entlastet. Auch den Tarifvereinbarungen mangelt es an der erforderlichen Flexibilität. Unternehmen können ihre Lohn- und Gehaltszahlungen nicht schnell genug an ihre Auftrags- und Ertragslage anpassen. Wenn Unternehmen - im Sinne von Bündnissen für Arbeit auf betrieblicher Ebene - die Tarife flexibel und betriebsindividuell anpassen könnten, wären Schieflagen, Insolvenzen und damit verbundene Entlassungen eher vermeidbar. Bei guter Ertragslage könnten so auch die Arbeitnehmer durch Gewinnbeteiligung stärker am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens teilhaben.

Löhne moderat anpassen

42 Prozent der Unternehmen meinen, dass eine moderate Lohnpolitik zu den dringlichsten Maßnahmen gehört, die Attraktivität des Standortes Deutschland zu erhöhen. In den Regionen und Branchen mit hoher Tarifbindung ist dieser Anteil weit höher: So beträgt er im Süden insgesamt 50 Prozent, im Textilgewerbe und in der Kfz-Industrie 55 Prozent und in der Metallerzeugung und -verarbeitung 65 Prozent. Angesichts der schwächeren konjunkturellen Entwicklung erhält die Forderung vieler Unternehmen nach einer moderaten Lohnpolitik in diesem Jahr ein besonderes Gewicht.

Spezifische Standortprobleme

Industrie und Dienstleister sehen in einem breiteren Angebot an Fachkräften ein wichtiges Element der Standortverbesserung. Vor allem Dienstleister mahnen zudem ein moderneres Bildungssystem an. Im Handel ist die Abgaben- und Bürokratiebelastung für über 85 Prozent der Betriebe das dringlichste Problem. Kleinere Unternehmen sehen in besonderem Maße den Zugang zu Finanzierungsmitteln als Standortmanko.

Frankfurt am Main - der Primus

Top-Standort in Deutschland ist nach der Einschätzung der Unternehmen der IHK-Bezirk Frankfurt am Main. Aber selbst dieser am besten bewertete Standort ist nach Ansicht der dort ansässigen Unternehmen kein "Einser-Kandidat": Mehr als eine Note von 2,4 erhält er nicht. Auf Platz zwei liegt der Nachbar Offenbach; Platz drei teilen sich Fulda und Aschaffenburg. Unter den "Top-Ten" befinden sich alle Metropolen Deutschlands - mit Ausnahme der Hauptstadt Berlin, die auf Rang 59 landet. Das beste Standort-Ranking in Ostdeutschland hat Rostock und liegt insgesamt mit Rang 28 auch vor vielen westdeutschen IHK-Bezirken. Auch Leipzig liegt noch im Mittelfeld. Schlusslicht bildet der IHK-Bezirk Cottbus.

In der vergleichsweise schlechten Standortbewertung durch ostdeutsche Unternehmen kommt vor allem ein überwiegend negatives Image der Region zum Ausdruck. Besser schneiden die ostdeutschen IHK-Bezirke ab bei Einzelindikatoren wie der Verfügbarkeit von Gewerbeflächen, zum Teil aber auch bei der Bewertung der Verkehrsinfrastruktur.

Aufholjagd in vollem Gange

Ein Lichtblick, der hoffnungsfroh für die Standortattraktivität Deutschlands stimmt, ist die "Aufholjagd", die in vielen IHK-Bezirken den Wettbewerb der Standorte prägt. So haben in den letzten drei Jahren insbesondere Bremen, Offenbach und Rostock erheblich "Boden gutgemacht". Eine deutliche Tendenz zum Positiven ist auch in Osnabrück, Dortmund und sogar auch beim Primus Frankfurt am Main zu erkennen.

Schwachpunkte: Abgaben und Behörden

Häufigste Schwäche in den Regionen sind die kommunalen Steuern, Abgaben und Gebühren. Diesem Standortfaktor geben die Unternehmen nur die Durchschnittsnote 3,7 - das ist das schlechteste Ergebnis. In dieser schlechten Bewertung bringen die Unternehmen ihren Ärger darüber zum Ausdruck, dass viele Kommunen Abgaben und Gebühren wiederholt erhöhen und ihre Leistungen weiter reduzieren.

Daneben bemängeln Unternehmen die geringe Leistungsfähigkeit der kommunalen Behörden. Diese Standortschwäche wird intensiv als Last empfunden. Entscheidungen dauern den Unternehmen vielfach zu lange. Sie haben den Eindruck, dass sich kommunale Beamte häufig bei ihren Entscheidungen übertrieben stark absichern. Entsprechend lange dauern Genehmigungsprozesse. Für Unternehmen, die auf ihren Märkten mitunter sehr schnell agieren müssen, erweist sich diese Schwerfälligkeit kommunaler Behörden als großes Hemmnis im Wettbewerb.

Als Standortschwäche wird vielfach die mangelnde Verfügbarkeit von Gewerbeflächen angegeben. Verbesserungswürdig ist auch die Verkehrsinfrastruktur. Die regionalen Bildungseinrichtungen erfüllen die von den Unternehmen gestellten Anforderungen nicht optimal. Hier heißt die Note "drei plus". Das ist zwar eine recht ansehnliche Note, aber im internationalen Vergleich ist Deutschland auf eine Spitzenposition im Bildungsbereich angewiesen.

Stärke: Nähe zu Partnern und Kunden

Die meist genannte Standortstärke in den IHK-Bezirken ist die Nähe zu Lieferanten, Kooperationspartnern und Kunden. Ein besonderer Vorteil des Standorts Deutschland sind große Märkte, eine hohe Kaufkraft und eine Vielzahl von Ballungszentren.

Das Umfrageergebnis macht deutlich, welche Standortstärke Deutschland daraus bezieht, dass es durch eine Vielzahl von wirtschaftlichen Zentren geprägt ist. Zumeist befinden sich die Standorte von Lieferanten und Partnern sowie auch vieler Kunden in geringer Entfernung von den Unternehmen. Die Umfrage schreibt damit der Politik ins Stammbuch, die tradiert vorhandenen Wirtschaftsstärke - dazu zählt vor allem der Mittelstand - zu pflegen und weiterzuentwickeln.

Dr. Stephan Wimmers | ots
Weitere Informationen:
http://www.ihk.de

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