Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Pflanzenschutzmittel gefährden Fledermäuse

27.08.2012
Fledermäuse sind eine hochbedrohte Tiergruppe, um deren Erhalt sich viele Menschen bemühen. Die gesamte Tiergruppe steht in Europa unter Schutz.

Zehn von 19 in Deutschland beheimateten Fledermausarten werden bereits auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten geführt. Umso bedenklicher ist es, dass beim EU-weiten Zulassungsverfahren von Pflanzenschutzmitteln die Auswirkungen auf Fledermäuse nicht überprüft werden. Eine Studie der Universität Koblenz-Landau zeigt nun, dass die Pestizidbelastung der Nahrung zu Langzeiteffekten bei Fledermäusen führen kann.

Bevor die EU einem Pflanzenschutzmittel die Marktzulassung erteilt, wird es einer gesetzlich vorgeschriebenen Risikoabschätzung unterzogen. Anhand verschiedener Szenarien werden die Risiken für verschiedene Organismen geprüft – akute Auswirkungen als auch Langzeiteffekte wie beispielsweise Auswirkungen auf die Vermehrung. Bisher wird zwar untersucht, ob neue Pflanzenschutzmittel Vögel und Säugetiere schädigen, die Fledermaus taucht in dieser Richtlinie zur Risikobetrachtung bei der Zulassung von Pestiziden aber nicht auf.

Studien weisen bereits darauf hin, dass Fledermäuse besonders empfindlich auf Pestizide reagieren. Dass die bedrohten Tiere bei der Risikoabschätzung selbst nach der Novellierung der gültigen Regelungen in 2009 nach wie vor schlichtweg ignoriert werden, hängt laut Dr. Carsten Brühl und Peter Stahlschmidt vom Institut für Umweltwissenschaften Landau mit einem Datenmangel zusammen. „Die meisten Untersuchungen zu Fledermäusen fanden in Naturschutz- oder Waldgebieten statt“, erklärt Stahlschmidt. „Bislang ist nicht untersucht worden, ob Fledermäuse für ihre Nahrungsaufnahme überhaupt in Kulturlandschaften aktiv sind. Und das, obgleich mehr als die Hälfte der Fläche der BRD landwirtschaftlich genutzt wird.“ In einer vorangegangenen Untersuchung konnten die Wissenschaftler auf intensiv bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen insgesamt 14 Fledermaus-Arten nachweisen.

In ihrer aktuellen Studie nahmen die Landauer Ökotoxikologen auf einer Obstbaumplantage die Nahrung der Fledermäuse genauer unter die Lupe. Zwei Wochen lang nach Ausbringen des kommerziellen Pflanzenschutzwirkstoffes Fenoxycarb, der das Wachstum von Insekten hemmt, maßen die Wissenschaftler die chemischen Rückstände auf Fliegen und Faltern. Die höchsten Rückstände fanden sie bei Insekten und Spinnen, die auf den Blättern der Obstbäume saßen, weniger belastet waren die Fluginsekten. Auf dieser Datenbasis berechneten sie - wie sie bei einer Risikoabschätzung üblich sind - stufenweise verschiedene Szenarien für Fledermäuse, die sich in der Plantage ernähren. Im errechneten Bestfall, in dem die Tiere ihre Nahrung teilweise auch in unbelasteten Gegenden aufnehmen können, waren Langzeiteffekte bei einer der sechs in der Berechnung verwendeten Fledermaus-Arten nicht auszuschließen, im schlechtesten Falle bei drei Arten. Am stärksten betroffen waren die Arten, die zur Nahrungsaufnahme auf Obstbäumen sitzende Insekten und Spinnen absammeln.

Das tatsächliche Risiko könnte sogar noch höher liegen als errechnet, vermutet Stahlschmidt. Weil für die Fledermaus keine Sensitivitätsdaten vorliegen, verwenden die Berechnungsformeln im Bewertungsverfahren die Toxizitätsdaten der Hausmaus und kalkulieren einen Sicherheitsfaktor von 5 mit ein. „Die Fledermaus ist aber aufgrund ihrer ökologischen Eigenschaften wie einer langen Lebenszeit und geringen Nachkommenschaft mit meistens einem Jungtier ein sehr empfindlicher Organismus“, so Stahlschmidt. Daher könne wahrscheinlich sogar ein Empfindlichkeitsunterschied größer als 5 zwischen der Hausmaus und der Fledermaus liegen. Das könnte bedeuten, dass auch bei den Arten, die nur die weniger belasteten Fluginsekten bevorzugen, ein nicht akzeptables Risiko vorliegt.
Es muss sich also dringend etwas ändern, wenn die bedrohten Flugsäuger nachhaltig geschützt werden sollen. „Die verantwortlichen Stellen müssen aktiv werden“, unterstreicht Stahlschmidt. „Das aktuelle Zulassungsverfahren für Pestizide muss auf Fledermäuse ausgeweitet werden und weitere Forschungsarbeiten zur Empfindlichkeit der Säugergruppe gegenüber Pestiziden sind umgehend notwendig“, so der Wissenschaftler weiter.

Die Studie „Bats at risk? Bat activity and insecticide residue analysis of food items in an apple orchard”, Peter Stahlschmidt and Carsten A. Brühl ist in der internationalen Fachzeitschrift “Environmental Toxicology and Chemistry erschienen und online abrufbar unter:

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/etc.1834/abstract

Kontakt:

Universität Koblenz-Landau
Institut für Umweltwissenschaften Landau
Dr. Carsten Brühl / Peter Stahlschmidt
Fortstraße 7
76829 Landau
Tel.: (06341) 280-31310
E-Mail: bruehl@uni-landau.de
E-Mail: stahlschmidt@uni-landau.de

Pressekontakt:

Universität Koblenz-Landau
Kerstin Theilmann
Referatsleiterin Öffentlichkeitsarbeit
Fortstraße 7
76829 Landau
Tel.: (06341) 280-32219
E-Mail: theil@uni-koblenz-landau.de

Bernd Hegen | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-koblenz-landau.de
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/etc.1834/abstract

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Wissenschaftler der TU Freiberg entwickeln Verfahren zur Entfernung von Mikroplastik aus Abwasser
16.01.2020 | Technische Universität Bergakademie Freiberg

nachricht Tierische Hinweise: ForscherInnen der Universität Graz beobachten anhand von Milben den Klimawandel
15.01.2020 | Karl-Franzens-Universität Graz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Miniatur-Doppelverglasung: Wärmeisolierendes und gleichzeitig wärmeleitendes Material entwickelt

Styropor oder Kupfer – beide Materialien weisen stark unterschiedliche Eigenschaften auf, was ihre Fähigkeit betrifft, Wärme zu leiten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung (MPI-P) in Mainz und der Universität Bayreuth haben nun gemeinsam ein neuartiges, extrem dünnes und transparentes Material entwickelt und charakterisiert, welches richtungsabhängig unterschiedliche Wärmeleiteigenschaften aufweist. Während es in einer Richtung extrem gut Wärme leiten kann, zeigt es in der anderen Richtung gute Wärmeisolation.

Wärmeisolation und Wärmeleitung spielen in unserem Alltag eine entscheidende Rolle – angefangen von Computerprozessoren, bei denen es wichtig ist, Wärme...

Im Focus: Miniature double glazing: Material developed which is heat-insulating and heat-conducting at the same time

Styrofoam or copper - both materials have very different properties with regard to their ability to conduct heat. Scientists at the Max Planck Institute for Polymer Research (MPI-P) in Mainz and the University of Bayreuth have now jointly developed and characterized a novel, extremely thin and transparent material that has different thermal conduction properties depending on the direction. While it can conduct heat extremely well in one direction, it shows good thermal insulation in the other direction.

Thermal insulation and thermal conduction play a crucial role in our everyday lives - from computer processors, where it is important to dissipate heat as...

Im Focus: Fraunhofer IAF errichtet ein Applikationslabor für Quantensensorik

Um den Transfer von Forschungsentwicklungen aus dem Bereich der Quantensensorik in industrielle Anwendungen voranzubringen, entsteht am Fraunhofer IAF ein Applikationslabor. Damit sollen interessierte Unternehmen und insbesondere regionale KMU sowie Start-ups die Möglichkeit erhalten, das Innovationspotenzial von Quantensensoren für ihre spezifischen Anforderungen zu evaluieren. Sowohl das Land Baden-Württemberg als auch die Fraunhofer-Gesellschaft fördern das auf vier Jahre angelegte Vorhaben mit jeweils einer Million Euro.

Das Applikationslabor wird im Rahmen des Fraunhofer-Leitprojekts »QMag«, kurz für Quantenmagnetometrie, errichtet. In dem Projekt entwickeln Forschende von...

Im Focus: Fraunhofer IAF establishes an application laboratory for quantum sensors

In order to advance the transfer of research developments from the field of quantum sensor technology into industrial applications, an application laboratory is being established at Fraunhofer IAF. This will enable interested companies and especially regional SMEs and start-ups to evaluate the innovation potential of quantum sensors for their specific requirements. Both the state of Baden-Württemberg and the Fraunhofer-Gesellschaft are supporting the four-year project with one million euros each.

The application laboratory is being set up as part of the Fraunhofer lighthouse project »QMag«, short for quantum magnetometry. In this project, researchers...

Im Focus: Wie Zellen ihr Skelett bilden

Wissenschaftler erforschen die Entstehung sogenannter Mikrotubuli

Zellen benötigen für viele wichtige Prozesse wie Zellteilung und zelluläre Transportvorgänge strukturgebende Filamente, sogenannte Mikrotubuli.

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

11. Tagung Kraftwerk Batterie - Advanced Battery Power Conference am 24-25. März 2020 in Münster/Germany

16.01.2020 | Veranstaltungen

Leben auf dem Mars: Woher kommt das Methan?

16.01.2020 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - März 2020

16.01.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Chemiker lassen Bor-Atome wandern

17.01.2020 | Biowissenschaften Chemie

Infektiöse Proteine bei Alzheimer

17.01.2020 | Biowissenschaften Chemie

Miniatur-Doppelverglasung: Wärmeisolierendes und gleichzeitig wärmeleitendes Material entwickelt

17.01.2020 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics