Ein Drittel weniger Leben auf der Erde

© GFZ, Jens Kallmeyer <br>Satellitenmessung des Nährstoffgehalts in den Ozeanen. Die Punkte markieren die Stellen, an denen Proben genommen wurden. Im Südpazifik befindet sich eine große Zone, in der praktisch keine Nährstoffe messbar sind. <br>

Die lebende Biomasse auf der Erde ist deutlich geringer als bisher angenommen. Bisherige Annahmen über die Menge an lebenden Organismen auf unserem Planeten müssen um etwa ein Drittel reduziert werden. Dieses Ergebnis stellt eine deutsch-amerikanische Gruppe von Geoforschern in der jüngsten Ausgabe der „Proceedings of the National Academy of Science“ (PNAS) vor.

Schätzungen gingen bisher davon aus, dass insgesamt etwa Tausend Milliarden Tonnen Kohlenstoff in allen lebenden Organismen auf der Erde gespeichert ist, davon etwa 30 % in den einzelligen Mikroorganismen im Meeresboden und 55% in Landpflanzen. Die Forschergruppe um Dr. Jens Kallmeyer vom Deutschen Geoforschungszentrum GFZ/Universität Potsdam stellte nun fest: Statt etwa 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff stecken nur etwa vier Milliarden Tonnen in den Mikroorganismen im Meeresboden. Damit sinkt die Menge des global in allen Lebewesen gespeicherten Kohlenstoffs um etwa ein Drittel.

Die früheren Abschätzungen beruhten auf der Untersuchung von Bohrkernen, die hauptsächlich aus Bohrungen in der Nähe von Küsten oder in sehr nährstoffreichen Gebieten gewonnen wurden. „Etwa die Hälfte der Weltmeere sind aber extrem nährstoffarm, daher wurde schon seit etwa 10 Jahren vermutet, dass die Biomasse im Meeresboden stark überschätzt wird“, erklärt Dr. Jens Kallmeyer seinen Forschungsansatz, „Allerdings gab es keine Daten zur Bestätigung dieses Verdachts.“ Kallmeyer hat daher zusammen mit Kollegen von der Universität Potsdam und der University of Rhode Island, USA, Proben aus Sedimentbohrkernen fernab von Küsten und Inseln gesammelt.

Die sechsjährigen Forschungsarbeiten zeigen, dass in diesen Meeresgebieten, die aufgrund ihrer Nährstoffarmut auch „Wüsten der Meere“ genannt werden, bis zu hunderttausendmal weniger Zellen gefunden werden als in vergleichbaren Bohrkernen in Küstennähe.

Mit diesen frischen Daten berechneten die Wissenschaftler die Biomasse in marinen Sedimenten neu und kamen auf die genannten, drastisch niedrigeren Werte.

Trotz des hohen logistischen und finanziellen Aufwands für marine Bohrexpeditionen gibt es mehr Daten über die Verteilung der lebenden Biomasse im Meeresboden als über ihr Vorkommen an Land. „Unsere neuen Ergebnisse zeigen, dass es erforderlich ist, auch die anderen Zahlen, wie z.B. für die Menge an Kohlenstoff in tiefen Sedimenten an Land neu zu berechnen,“ sagt Jens Kallmeyer. Gerade die Erforschung der sogenannten „Tiefen Biosphäre“, also des Lebens, das sich in mehreren Kilometern Tiefe im Gestein der Erdkruste findet, steckt in vielen Bereichen noch in den Kinderschuhen. Die nun vorliegenden Zahlen tragen dazu bei, ein genaueres Bild der Verteilung der lebenden Biomasse auf der Erde zu bekommen.

Jens Kallmeyer et al.: “Global distribution of microbial abundance and biomass in subseafloor sediment”, PNAS, www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1203849109

Abb. in druckfähiger Auflösung finden sich unter:
http://www.gfz-potsdam.de/portal/gfz/Public+Relations/M40-Bildarchiv/Bildergalerie+NewBioMass
Franz Ossing
Helmholtz Centre Potsdam
GFZ German Research Centre for Geosciences
Deutsches GeoForschungsZentrum
– Head, Public Relations –
Telegrafenberg
14473 Potsdam / Germany
e-mail: ossing@gfz-potsdam.de
Tel. ++49 (0)331-288 1040
Fax ++49 (0)331-288 1044

Media Contact

Franz Ossing GFZ Potsdam

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften

Die Geowissenschaften befassen sich grundlegend mit der Erde und spielen eine tragende Rolle für die Energieversorgung wie die allg. Rohstoffversorgung.

Zu den Geowissenschaften gesellen sich Fächer wie Geologie, Geographie, Geoinformatik, Paläontologie, Mineralogie, Petrographie, Kristallographie, Geophysik, Geodäsie, Glaziologie, Kartographie, Photogrammetrie, Meteorologie und Seismologie, Frühwarnsysteme, Erdbebenforschung und Polarforschung.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Erfolg für Magdeburger Wissenschaftler*innen mit einem „Brutkasten“ für die Lunge

Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft für Thoraxchirurgie 2020 geht an Chirurg*innen der Universitätsmedizin Magdeburg Die Arbeitsgruppe „Experimentelle Thoraxchirurgie“ der Universitätsmedizin Magdeburg unter der Leitung von Dr. Cornelia Wiese-Rischke wurde für die…

Mehr als Muskelschwund

Forschungsnetzwerk SMABEYOND untersucht Auswirkungen der Spinalen Muskelatrophie auf Organe Spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine erblich bedingte neurodegenerative Erkrankung. Dabei gehen die motorischen Nervenzellen im Rückenmark und im Hirnstamm allmählich zugrunde,…

Molekulare Bremse für das Wurzelwachstum

Die dynamische Änderung des Wurzelwachstums von Pflanzen ist wichtig für ihre Anpassung an Bodenbedingungen. Nährstoffe oder Feuchtigkeit können je nach Standort in höheren oder tieferen Bodenschichten vorkommen. Daher ist je…

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close