Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Klimaschutz: EU-Länder vergeben leichtfertig Chancen beim Emissionshandel

10.11.2006
Das Fraunhofer ISI hat untersucht, wie die EU-Staaten in die nächste Runde des Emissions-handels ab 2008 starten wollen. Fazit: Die Industrie erhält EU-weit zu viele Emissionsrechte und die Regeln der meisten Mitgliedstaaten - auch Deutschlands - sind zu lax und setzen falsche Innovationsanreize.

Wie sinnvoll setzen die EU-Länder das Instrument Emissionshandel zum Klimaschutz ein? Dieser Frage ging das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe in Zusammenarbeit mit dem Centre for Energy and Environmental Markets (CEEM) der Universität von New South Wales (Australien) nach. Fazit: Abgesehen vom vorbildlichen Allokationsplan Großbritanniens müssen die meisten Länder noch ihre Hausaufgaben machen, um das Effizienzpotenzial des Emissionshandels zu nutzen und somit ihre im Kyoto-Protokoll vereinbarten Ziele zum Klimaschutz möglichst günstig zu erreichen.

Das Fraunhofer ISI und CEEM haben die Pläne von 18 Mitgliedstaaten der EU für die nächste Periode des europäischen Emissionshandels von 2008 bis 2012 unter die Lupe genom-men. Nach Berechnungen der ISI-Experten nehmen die Länder beim Klimaschutz die Industrie zu wenig in die Pflicht. "Eine großzügige Zuteilung von Emissionsrechten, vor allem in den neuen Mitgliedsstaaten, führt dazu, dass kaum Minderungen der Treibhausgase notwendig sein werden", erläutert ISI-Wissenschaftlerin Karoline Rogge. "Auch Deutschland sollte ambitionierter sein und dem Emissionshandelssektor weniger Emissionsrechte zuteilen".

Besonders kritisch sehen die ISI-Ökonomen, dass Neuanlagen in ganz Europa Emissionsrechte gratis erhalten. Dabei bekommt in Deutschland ein neues sauberes Erdgaskraftwerk bedeutend weniger Emissionsrechte je produzierter Kilowattstunde Strom als ein Kohlekraftwerk. "Diese Art der Subventionierung neuer Anlagen zementiert bestehende Erzeugungsstrukturen, setzt falsche Innovationsanreize und widerspricht der Logik des Emissionshandels", betont ISI-Experte Joachim Schleich.

Außerdem bemängeln die Autoren, dass sich die Zuteilung an Rechten für bestehende Anlagen in der Mehrheit der Mitgliedstaaten - so auch in Deutschland - erneut am vergangenen Kohlendioxidausstoß orientiert. Das hat zur Folge, dass große Verschmutzer eher glimpflich davon kommen. Anders in England: Dort wird an alle Kraftwerke der gleiche, ehrgeizige Maßstab angelegt. "Auch die Chance, bis zu zehn Prozent der Emissionsrechte in einer Versteigerung zu vergeben und damit den Mechanismen des Marktes zu vertrauen, wird in keinem der Staaten voll ausgeschöpft und ist im deutschen Vorschlag wiederum nicht vorgesehen", bemängelt CEEM-Wissenschaftlerin Regina Betz.

Welche künftigen Minderungsziele sich die Europäische Union beim Ausstoß von Treibhausgasen setzen wird, ist noch offen. In der Kyoto-Periode 2008 bis 2012 wollen die 15 alten Mitgliedsstaaten acht Prozent weniger Treibhausgase als in der Basisperiode 1990 emittieren. Bis 2020 sind 30 Prozent weniger Emissionen im Gespräch, bis 2050 sogar minus 80 Prozent. Wie diese Ziele erreicht werden sollen, wird aktuell auf der Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen in Nairobi verhandelt. Die Bundesregierung will Klimaschutz ins Zentrum ihrer EU-Ratspräsidentschaft im kommenden Jahr stellen, und setzt dabei auf eine ökologische Innovations- und Industriepolitik. Im Prinzip wäre der Emissionshandel dafür bestens geeignet.

Die Studie "An Early Assessment of National Allocation Plans for Phase 2 of EU Emission Trading" kann unter folgender Internetaddresse heruntergeladen werden:

http://www.isi.fhg.de/n/Projekte/pdf/NAP2_assessment.pdf

Kontakt:
Karoline Rogge
Telefon: 0721 / 6809 - 126
E-Mail: karoline.rogge@isi.fraunhofer.de
Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI untersucht Marktpotenziale technischer Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Die interdisziplinären Forschungsgruppen konzentrieren sich auf neue Technologien, Industrie- und Serviceinnovationen, Energiepolitik und nachhaltiges Wirtschaften sowie auf die Dynamik neuer Märkte und die Innovationspolitik.

Bernd Müller | idw
Weitere Informationen:
http://www.isi.fraunhofer.de
http://www.isi.fhg.de/n/Projekte/pdf/NAP2_assessment.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue internationale Studie: Immuntherapie für Kinder mit akuter Leukämie
13.07.2018 | Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

nachricht Sicherer Auto fahren ohne Grauen Star: Geringeres Unfallrisiko nach Linsenoperation
12.07.2018 | Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Optische Kontrolle von Herzfrequenz oder Insulinsekretion durch lichtschaltbaren Wirkstoff

17.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Umweltressourcen nachhaltig nutzen

17.07.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Textilien 4.0: Smarte Kleidung und Wearables als Innovation

17.07.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics