Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Pilotprojekt zur Bekämpfung lebensbedrohlicher Immundefekte bei Neugeborenen gestartet

08.10.2012
Forschung am Translationszentrum für Regenerative Medizin (TRM) Leipzig heißt: Ergebnisse aus dem Labor zügig in den klinischen Alltag überführen. Aktuelles Beispiel ist das Pilotprojekt SCREEN-ID – "Suche den Immundefekt". Ziel ist es, angeborene lebensbedrohliche Störungen der Immunabwehr unmittelbar nach der Geburt zu erkennen. Dafür entwickelte das TRM einen neuartigen Bluttest, der jetzt in Kooperation mit dem ImmunDefektCentrum Leipzig (IDCL) des Klinikums St.
Georg praktisch erprobt wird.
Finanziell unterstützt wird das gemeinsame Vorhaben der Forscher um Dr. Stephan Borte und der Mediziner um Prof. Dr. Michael Borte durch das Sächsische Ministerium für Soziales und Verbraucherschutz (SMS). Eltern haben somit die Möglichkeit, neugeborene Kinder kostenlos am Projekt "SCREEN-ID" teilnehmen zu lassen.

Frage: In Deutschland werden Neugeborene seit mehr als 30 Jahren flächendeckend auf angeborene Stoffwechseldefekte untersucht. Nun soll die Suche auf angeborene Störungen der Immunabwehr ausgeweitet werden. Was nützt dieses Screening den Kindern und ihren Eltern?

Prof. Michael Borte (ImmunDefektCentrum Leipzig): Die Idee hinter SCREEN-ID ist ähnlich wie die beim regulären Neugeborenenscreening auf Stoffwechseldefekte. Nur wenn betroffene Kinder rechtzeitig entdeckt werden, also bevor sie lebensbedrohlich erkranken oder dauerhafte Schäden erleiden, haben wir bestmögliche Behandlungschancen. Da Neugeborene von der Mutter eine "Leihimmunität" während der Schwangerschaft übertragen bekommen, wirken die Kinder bei Geburt zunächst gesund. Da erkrankte Kinder selbst aber kaum oder gar nicht Krankheitserreger bekämpfen können, kommt es zu schwersten Infektionen, sobald diese Leihimmunität "aufgebraucht" ist. Wir möchten Kindern mit schweren angeborenen Immundefekten größere Überlebenschancen durch eine frühzeitige Diagnose und Behandlung bieten und damit auch langwierige und für Kind und Eltern psychisch belastende Aufenthalte im Krankenhaus vermeiden.

Frage: Kürzlich haben Sie in der US-amerikanischen Fachzeitschrift "Blood" eine neuartige Methode publiziert, mit der sich zwei Formen schwerer angeborener Immundefekte gleichzeitig diagnostizieren lassen. Warum haben Sie Ihre Forschung gerade auf diese Störungen des Immunsystems gerichtet?

Dr. Stephan Borte (TRM Leipzig): Unser Immunsystem, also das Verteidigungsnetzwerk des menschlichen Körpers, funktioniert in der täglichen Abwehr von Krankheitserregern normalerweise so gut, dass uns seine überlebenswichtige Bedeutung kaum bewusst ist. Im Zentrum unserer Forschung standen zwei Funktionen von weißen Blutkörperchen, die dem Immunsystem neben "Schlagkraft" und "Lernfähigkeit" auch eine "Erinnerungsfunktion" verleihen. Fehlen solche Abwehrzellen schon bei Geburt, spricht man von schweren angeborenen Immundefekten, die unbehandelt bereits im ersten Lebensjahr zum Tod führen können. Derzeit ist nicht völlig klar, wie häufig solche Immundefekte auftreten.

Schätzungen gehen von einem betroffenen Kind auf 20.000 bis 30.000 Geburten aus. Rückblickende Untersuchungen der letzten Jahre haben aber ergeben, dass viele Patienten mit diesen Immundefekten überhaupt nicht erkannt worden sind und damit auch nicht in Statistiken auftauchen. Die Erkrankungsschwere und die mangelnde Möglichkeit einer Früherkennung haben mich angespornt, einen Bluttest so zu entwickeln, dass wir diesen auch schon bei Neugeborenen einsetzen können.

Frage: Ihre Erfahrungen aus der klinischen Praxis stützen dies ...?

Prof. Michael Borte: Symptome im Rahmen angeborener Immundefekte werden leider bis heute oft verkannt oder sind vielen Ärzten nur ungenügend bekannt. Durch die Verbreitung von klinischen "Warnzeichen" für Immunstörungen sowie durch ausgereiftere Diagnostikmethoden und verbesserte Behandlungsoptionen wurden Häufigkeit und Bedeutung dieser Erkrankungen inzwischen offensichtlicher. Der enorme Zuwachs diagnostizierter Patienten an unserem Zentrum allein in den vergangenen zwei Jahren belegt dies. Diese Erfahrungen machen Mut, einen Schritt weiter zu gehen, um bereits kurz nach der Geburt schwere Defekte der Immunabwehr auszuschließen. Wenn hierbei ein verlässlicher Labortest eingesetzt werden kann, der routinetauglich ist und damit auch im allgemeinen Neugeborenenscreening hierzulande seinen Platz finden könnte, dann stehen die Chancen gut, Betroffenen noch besser zu helfen. An unserem ImmunDefektCentrum am Klinikum St. Georg Leipzig ist uns hierbei besonders die langfristige, individualisierte Betreuung wichtig, die wir sowohl Kindern und Jugendlichen und seit Dezember 2010 auch Erwachsenen mit angeborenen Immundefekten anbieten.

Frage: Das heißt, sowohl aus der Sicht des Forschers als auch aus der Sicht des Klinikers ist es dringend geboten, die neuartige Testmethode in die reguläre Praxis zu überführen?
Dr. Stephan Borte: Medizinische Forschung sollte darauf abzielen, tatsächlich in der klinischen Praxis bei Diagnose, Prognosestellung und Behandlung der uns anvertrauten Patienten innovativ zu sein. Umgekehrt wird aber auch eine Vielzahl klinischer Fragestellungen aus dem Alltag in die Forschung transportiert, um Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Bei SCREEN-ID haben wir erfolgreich in beide Richtungen gedacht und hoffen nun durch die Pilotphase mit der neuen Testmethode wertvolle Erfahrungen für diesen Translationsprozess und für zukünftige Projekte zu sammeln.

Prof. Michael Borte: Eine Früherkennung von Patienten mit angeborenen Immundefekten ist ähnlich wie die Früherkennung von Patienten mit seltenen Stoffwechseldefekten im etablierten Neugeborenenscreening in mehrfacher Hinsicht sinnvoll. Erstmals kann durch die uns zur Verfügung stehenden effektiven Behandlungsmethoden ein Überleben ohne gravierende Beschränkungen der Lebensqualität, also eine Entwicklung wie bei einem immungesunden Kind, garantiert werden. Dies hat auch eine enorme gesundheitsökonomische Relevanz, denn durch Früherkennung und frühe Therapie lassen sich kostenintensive Folgebehandlungen vermeiden. Entscheidend ist aber die Tatsache, dass betroffene Kinder, die rechtzeitig diagnostiziert und behandelt werden, eine ungestörte Entwicklung nehmen können. Wir erhoffen uns aus dieser äußerst sinnvollen Kooperation mit dem TRM der Universität Leipzig auch durch unser Pilotprojekt so belastbare Daten zu generieren, dass wir letztendlich den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) überzeugen können, dieses Screening auf primäre Immundefekte in das erweiterte Neugeborenenscreening aufzunehmen.

Das Translationszentrum für Regenerative Medizin (TRM) Leipzig wurde im Oktober 2006 mit dem Ziel gegründet, neuartige Diagnostik- und Therapieformen der regenerativen Medizin zu entwickeln, zu evaluieren und in die klinische Anwendung zu überführen. Die Arbeit des Zentrums wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und den Freistaat Sachsen gefördert. Die Forschung in der regenerativen Medizin, einem relativ jungen Zweig der Biomedizin, ist auf die Heilung bzw. funktionelle Wiederherstellung erkrankter Gewebe und Organe durch die Anregung körpereigener Regeneration oder durch biologischen Ersatz.

Daniela Weber

Weitere Informationen:
Prof. Dr. med. Michael Borte
Direktor ImmunDefektCentrum Leipzig (IDCL) Director Jeffrey Modell Diagnostic and Research Centrum for Primary Immunodeficiencies am Klinikum St. Georg gGmbH Leipzig
Telefon: +49 341 909 3604
E-Mail: Michael.Borte@sanktgeorg.de
www.sanktgeorg.de

Dr. med. Stephan Borte
Translationszentrum für Regenerative Medizin Leipzig
Telefon: +49 341 97 25 503
E-Mail: stephan.borte@trm.uni-leipzig.de

Susann Huster | idw
Weitere Informationen:
http://www.trm.uni-leipzig.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Erkenntnisse zur Schlaganfall-Rehabilitation: Entspannung besser als Laufbandtraining?
19.09.2019 | Universität Greifswald

nachricht Forscher entwickeln "Landkarte" für Krebswachstum
19.09.2019 | Universität Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 'Nanochains' could increase battery capacity, cut charging time

How long the battery of your phone or computer lasts depends on how many lithium ions can be stored in the battery's negative electrode material. If the battery runs out of these ions, it can't generate an electrical current to run a device and ultimately fails.

Materials with a higher lithium ion storage capacity are either too heavy or the wrong shape to replace graphite, the electrode material currently used in...

Im Focus: Nervenzellen feuern Hirntumorzellen zum Wachstum an

Heidelberger Wissenschaftler und Ärzte beschreiben aktuell im Fachjournal „Nature“, wie Nervenzellen des Gehirns mit aggressiven Glioblastomen in Verbindung treten und so das Tumorwachstum fördern / Mechanismus der Tumor-Aktivierung liefert Ansatzpunkte für klinische Studien

Nervenzellen geben ihre Signale über Synapsen – feine Zellausläufer mit Kontaktknöpfchen, die der nächsten Nervenzelle aufliegen – untereinander weiter....

Im Focus: Stevens team closes in on 'holy grail' of room temperature quantum computing chips

Photons interact on chip-based system with unprecedented efficiency

To process information, photons must interact. However, these tiny packets of light want nothing to do with each other, each passing by without altering the...

Im Focus: Happy hour für die zeitaufgelöste Kristallographie

Ein Forschungsteam vom Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD), der Universität Hamburg und dem European Molecular Biology Laboratory (EMBL) hat eine neue Methode entwickelt, um Biomoleküle bei der Arbeit zu beobachten. Sie macht es bedeutend einfacher, enzymatische Reaktionen auszulösen, da hierzu ein Cocktail aus kleinen Flüssigkeitsmengen und Proteinkristallen angewandt wird. Ab dem Zeitpunkt des Mischens werden die Proteinstrukturen in definierten Abständen bestimmt. Mit der dadurch entstehenden Zeitraffersequenz können nun die Bewegungen der biologischen Moleküle abgebildet werden.

Die Funktionen von Biomolekülen werden nicht nur durch ihre molekularen Strukturen, sondern auch durch deren Veränderungen bestimmt. Mittels der...

Im Focus: Happy hour for time-resolved crystallography

Researchers from the Department of Atomically Resolved Dynamics of the Max Planck Institute for the Structure and Dynamics of Matter (MPSD) at the Center for Free-Electron Laser Science in Hamburg, the University of Hamburg and the European Molecular Biology Laboratory (EMBL) outstation in the city have developed a new method to watch biomolecules at work. This method dramatically simplifies starting enzymatic reactions by mixing a cocktail of small amounts of liquids with protein crystals. Determination of the protein structures at different times after mixing can be assembled into a time-lapse sequence that shows the molecular foundations of biology.

The functions of biomolecules are determined by their motions and structural changes. Yet it is a formidable challenge to understand these dynamic motions.

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

92. Neurologie-Kongress: Mehr als 6500 Neurologen in Stuttgart erwartet

20.09.2019 | Veranstaltungen

Frische Ideen zur Mobilität von morgen

20.09.2019 | Veranstaltungen

Thermodynamik – Energien der Zukunft

19.09.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Ferroelektrizität verbessert Perowskit-Solarzellen

20.09.2019 | Energie und Elektrotechnik

HD-Mikroskopie in Millisekunden

20.09.2019 | Biowissenschaften Chemie

Kinobilder aus lebenden Zellen: Forscherteam aus Jena und Bielefeld 
verbessert superauflösende Mikroskopie

20.09.2019 | Medizintechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics