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Diabetiker sind eher Bewegungsmuffel

23.08.2001


Warum sich anstrengen, wenn’s auch gemütlich geht? In diesem Sinne werden Bewegungsmuffel garantiert ohne zu Zögern den Aufzug ansteuern, anstatt sich die Treppe hinauf ins Dachgeschoss zu schleppen. Keine Frage, dass derjenige, der sich erst einmal auf körperlich träge Verhaltensmuster im Alltag eingeschworen hat, für gut gemeinte Empfehlungen, es doch einmal mit dem Joggen zu versuchen oder sich sonst irgendwie sportlich zu betätigen, nur ein müdes Lächeln übrig haben wird. Mit Sport haben aber gerade auch diejenigen in der überwiegenden Mehrzahl nicht viel im Sinn, für die Bewegung nicht nur allgemein gesund, sondern sogar Therapie ist. Gemeint sind die bis zu vier Millionen Diabetiker in Deutschland.

Wie eine Studie des Instituts für Sportmedizin des Universitätsklinikums Münster (UKM) ergeben hat, messen Zuckerkranke dem Sport signifikant weniger Bedeutung zu als Nichtdiabetiker. Und das obwohl ihnen die große Bedeutung von Bewegung im Hinblick auf die Behandlung ihrer Erkrankung hinreichend bekannt sein dürfte. Stellt doch Bewegung neben Insulin, Medikamenten, Diät und Schulung eine der fünf Säulen der Diabetes-Therapie dar. Nach Worten von Prof. Dr. Klaus Völker, Direktor des Instituts für Sportmedizin, könnten sogar zirka 80 Prozent der Patienten ihre Zuckerkrankheit allein durch Bewegung und Diät in den Griff bekommen. Gleichwohl macht diese Erkrankung aus einem Sportmuffel noch lange keinen überzeugten Schwimmer oder Inlinescater.

Im Gegenteil. "Die Diagnose Diabetes hat kaum eine Auswirkung auf das Bewegungsverhalten", berichtet Völker über die ernüchternden Ergebnisse der Studie, die auf einer umfangreichen Befragung von über 200 so genannten Typ- II-Diabetikern ab dem 40. Lebensjahr sowie einer Kontrollgruppe von 47 Nichtdiabetikern beruht. Obwohl auch als "Alterszucker" bezeichnet, leiden zunehmend auch jüngere Menschen, selbst Kinder, an Typ-II-Diabetes, der mit einem Anteil von über 90 Prozent die größte Gruppe der Diabetiker ausmacht. "Zu fett, zu faul, zu früh" titelte einmal das Deutsche Ärzteblatt einen Beitrag über diese große Volkskrankheit und brachte damit die Ursachen für die zunehmende Verbreitung auf den Punkt.


Dass die allgemeine Sterblichkeit bei Diabetikern doppelt so hoch ist wie bei Nichtdiabetikern, motiviert die Zuckerkranken gleichwohl kaum, ihr Leiden durch ausreichende Bewegung in Schach zu halten. Bei weit über 80 Prozent der im Rahmen der Studie Befragten hat sich das Sportverhalten seit Auftreten der Erkrankung nicht geändert, 9,4 Prozent der Befragten haben dem Sport nach der Diagnose sogar ganz abgeschworen, während die Gruppe derjenigen, die erst seit ihrer Erkrankung Sport treiben, mit 7,1 Prozent verschwindend klein ist. Entsprechend gering schnitt die Bewegung auch beim Vergleich der fünf Behandlungsformen ab: Gegenüber den Therapiesäulen Insulin, blutzuckersenkende Medikamente, Diät und Schulung, die ausnahmslos von rund 50 Prozent der Befragten befolgt werden, fällt die Bewegung mit ihrem Anteil von gerade einmal 17,1 Prozent gegenüber allen anderen Therapieformen deutlich ab.

Gesundheitliche Bedenken sind es indes keinesfalls oder zumindest kaum, die Zuckerkranke davon abhalten, sich in einer Gymnastikgruppe anzumelden oder einen Tennisschläger zu kaufen. Die große Mehrheit erklärte ihre sportliche Trägheit schlicht damit, keinen Spaß am Sport oder keine Zeit zu haben. Am mangelnden Spaß ist aber wohl auch das Übergewicht vieler Diabetiker schuld. "80 Prozent der Typ-II-Diabetiker sind übergewichtig", betont Prof. Völker.

Dies wurde auch in der münsterschen Studie nachdrücklich bestätigt: Mit rund 17 Prozent der Befragten brachte weniger als jeder fünfte Diabetiker ein Normalgewicht auf die Waage, rund 45 Prozent hatten Übergewicht, bei mehr als jedem Dritten ergab der sogenannte Body-Mass-Index sogar eine Adipositas (Fettleibigkeit). Neben einer günstigen Beeinflussung der Zuckerkrankheit und einer Vorbeugung möglicher Folgen, wie beispielsweise Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenschädigungen, Amputationen und Nachlassen der Sehkraft, kann Sport demnach auch dazu beitragen, dass die Pfunde purzeln, die ihrerseits einen großen gesundheitlichen Risikofaktor darstellen.

Neben der mittlerweile abgeschlossenen Untersuchung über das Sport- und Bewegungsverhalten von Diabetikern und deren Einstellung gegenüber sportlichen Aktivitäten läuft am Institut für Sportmedizin des UKM derzeit noch eine weitere, eher praktisch orientierte Studie zum Thema Sport und Diabetes. So werden beispielsweise an zirka 20 Probanden spezielle Untersuchungen durchgeführt, um die Standsicherheit zu überprüfen. Bei vielen Zuckerkranken kommt es nämlich im Verlauf ihrer Erkrankung zu so genannten Polyneuropathien. Im Zuge dieser mit Durchblutungsstörungen der Beine einhergehenden Erkrankung peripherer Nerven ist die Fußsensibilität oft stark beeinträchtigt, was wiederum die Bewegungssteuerung beziehungsweise die Feinmotorik beeinträchtigt und damit letztlich zu einem erhöhten Verletzungsrisiko führt. Aus dieser Tatsache erklärt sich auch, dass bei Zuckerkranken das Risiko, an den Folgen von Verletzungen zu sterben, gegenüber Nichtdiabetikern mehr als dreimal so hoch ist.

Zur Messung des Gleichgewichtes beziehungsweise der Standsicherheit stehen die Probanden auf einem Bein auf einer Kraftmessplatte. Die Körperschwankung wird auf einen Rechner übertragen. Anhand charakteristischer Kurven lässt sich unter anderem auch die Druckverteilung im Fuß ermitteln. Während der Druck beim gesunden Fuß verteilt ist, werden bei vielen Diabetikern im vorderen Bereich des Fußes Spitzendrucke registriert. Dadurch können sich an dieser Stelle leicht die typischen Fußgeschwüre bilden, wodurch wiederum die Fußstatik verändert wird. Ergänzt werden diese Druck- und Gleichgewichtsuntersuchungen durch immunologische Parameter und diverse weitere Untersuchungen etwa zum Stoffwechselverhalten und zur Herzfrequenz.
Um die Auswirkung von Sport auf die Symptome der Zuckerkrankheit in der Praxis zu überprüfen, treiben die Studienteilnehmer unter Anleitung von Mitarbeitern des Instituts für Sportmedizin seit nunmehr etwa einem Dreivierteljahr regelmäßig einmal in der Woche anderthalb Stunden gezielt Sport. Das Programm umfasst nach einer Aufwärmphase und gymnastischer Vorbereitung gezielte Übungen zur Kräftigung und Koordination der Beweglichkeit sowie ein Gleichgewichts- und Ausdauertraining. Was dieses Programm den einzelnen Diabetikern gebracht hat, wird die Nachuntersuchung der Probanden zeigen.

Vor dem Hintergrund der großen Zahl an Diabetikern in Deutschland und der großen Bedeutung von Bewegung im Hinblick auf die weitere Entwicklung dieser Erkrankung, plädieren Mediziner mit Nachdruck für entsprechende Diabetiker-Sportgruppen. Ein langsamer Einstieg in sportliche Aktivität fällt Zuckerkranken in einem solchen Rahmen sicher schon aus psychologischen Gründen leichter als etwa in einem regulären Sportverein - zumal wenn noch das leidige Problem Übergewicht hinzu kommt. Gleichwohl fristen solche Gruppen hierzulande noch ein Schattendasein. Gegenüber rund 1100 Herzsportgruppen gibt es in Nordrhein-Westfalen nach Angaben Völkers gerade einmal etwas über 100 Diabetiker-Sportgruppen.

Jutta Reising | idw
Weitere Informationen:
http://medweb.uni-muenster.de/institute/spmed/

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