Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Frühe Diagnose hat Vorteile für Alzheimer-Patienten

07.11.2003


Gedächtnisambulanz der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg untersucht jährlich 300 Patienten / Frühe Hirnveränderungen erstmals mit MRT nachgewiesen


Im MRT sichtbar: Bei einem leichten intellektuellen Leistungsverlust kommt es zur geringen Volumenabnahme im Schläfenlappen (parahippokampaler Gyrus). / Foto: Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg.



Wenn Gedächtnis und Interesse an gewohnten Tätigkeiten nachlassen, kann dies ein Warnzeichen für eine beginnende Alzheimer-Demenz sein. Wissenschaftler der Sektion Gerontopsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg weisen darauf hin, dass trotz fehlender Heilungssaussichten eine frühe Diagnose wichtig ist, da sich der Betroffene und seine Angehörigen rechtzeitig mit ihrer Erkrankung und seinen Folgen auseinandersetzen und eine medikamentöse Behandlung schwere Symptome hinauszögern und begleitende Beschwerden lindern kann.



Mit modernen Verfahren lässt sich die Diagnose heute immer früher stellen: Die Heidelberger Forscher konnten erstmals zeigen, dass die Magnetresonanztomographie (MRT) bereits in einem frühen Stadium, bevor schwere Leistungseinbußen auftreten, spezifische Veränderungen im Schläfenlappen des Großhirns sichtbar macht. Diese Ergebnisse wurden im "American Journal of Psychiatry" veröffentlicht.

Sprechstunde der Sektion Gerontopsychiatrie seit 12 Jahren

Schon seit 12 Jahren bietet die Sektion Gerontopsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg Sprechstunden für Patienten mit nachlassender geistiger Leistungsfähigkeit an. In dieser Woche konnte die Heidelberger Gedächtnisambulanz neu renovierte und patientenfreundlich gestaltete Räume im Westflügel der Psychiatrischen Universitätsklinik beziehen. "Die Ambulanz ist Bestandteil der Sektion für Gerontopsychiatrie, die bereits vor fast 25 Jahren durch Prof. K. Oesterreich gegründet wurde", berichtet Prof. Dr. Johannes Schröder, Leiter der Sektion und Leitender Oberarzt der Psychiatrischen Klinik (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Christoph Mundt).

Etwa 300 Patienten und ihre Angehörigen suchen die Ambulanz im Jahr auf. Zunächst werden Beschwerden, Probleme und Auffälligkeiten gemeinsam besprochen, dann folgen neuropsychologische Tests, die Orientierung, Sprachfähigkeit und das Denk- und Erinnerungsvermögens des Betroffenen überprüfen. Ausgeschlossen werden andere Ursachen eines Leistungsverfalls wie mangelhafte Durchblutung, Stoffwechselstörungen oder eine Depression, die allerdings eine Alzheimer-Demenz auch begleiten können.

Befundmuster ermöglicht die Diagnose Alzheimer-Demenz

"Die Diagnose ergibt sich aus dem Mosaik verschiedener Befunde", erklärt Prof. Schröder. Zunehmend spielen molekularbiologische Tests und moderne bildgebende Verfahren eine Rolle. So wird, falls diagnostisch erforderlich, bei einem kurzen stationären Aufenthalt Nervenflüssigkeit (Liquor) aus dem Rückenmarkskanal entnommen und auf verschiedene Proteine getestet. Denn die Ursache der Alzheimer-Erkrankung, die Ablagerung von überschüssigem Eiweiß (Amyloid) zwischen den Gehirnzellen, hinterlässt ihre Spuren im Liquor. Darin kann auch das sogenannte tau-Protein nachgewiesen werden, das die Früherkennung ebenfalls erleichtert.

Zweite Säule der Alzheimer-Frühdiagnostik ist die Untersuchung mit MRT, denn durch die Amyloidablagerungen sterben die Hirnzellen ab und die Gehirnsubstanz schrumpft. Davon sind nur bestimmte Hirnregionen betroffen. Während die Fähigkeiten für Bewegungen und Sehen verschont bleiben, sind Gedächtnis, Sprache und Orientierung oft beeinträchtigt. "Vor allem der mittlere Schläfenlappen, wo das Gedächtnis im sogenannten Hippocampus und den umgebenden Großhirnwindungen verankert ist, wird frühzeitig geschädigt", sagt Prof. Schröder. Dies konnte er mit seinem Kollegen Privatdozent Dr. Marco Essig und Professor Dr. Johannes Pantel nachweisen. Sie untersuchten insgesamt 71 Personen, die entweder unter leichtem geistigen Leistungsverlust litten oder neuropsychologisch unauffällig waren.

Volumenabnahme im Schläfenlappen bereits bei leichtem Leistungsverlust

"Das untersuchte Gehirnareal im Schläfenlappen, der parahippokampale Gyrus, hatte bei den leicht auffälligen Personen ein um 7 bis 12 Prozent geringeres Volumen als bei den Kontrollpersonen", erklärt Prof. Schröder. Alzheimer-Patienten zeigen hier eine deutlich geschrumpfte Hirnregion.

Patienten, bei denen das Befundmuster eine frühzeitige Diagnose sehr wahrscheinlich macht, können von der Einnahme bestimmter Medikamente profitieren. So sorgen Acetylcholinesterase-Hemmer und Memantine dafür, dass bestimmte Botenstoffe im Gehirn wie Acetylcholin oder Glutamat erhöht bzw. verringert vorhanden sind, was die Leistungsfähigkeit des Gehirns zu erhalten scheint. Noch unsicher ist dagegen die Wirksamkeit der Statine, die derzeit erfolgreich zur Senkung des Cholesterinspiegels eingesetzt werden. Bislang unbestätigte Studien haben gezeigt, dass Patienten, die diese Medikamente einnehmen, seltener an einer Alzheimer-Demenz erkranken.

Literatur:
Pantel J, Kratz B, Essig M, Schröder J: Parahippocampal Volume Deficits in Subjects With Aging-Associated Cognitive Decline. American Journal of Psychiatry 2003, 160:379-382.
(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

Kontakt:
Prof. Dr. Johannes Schröder: 06221 / 56 5468 (Sekretariat)

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.med.uni-heidelberg.de/aktuelles/

Weitere Berichte zu: Alzheimer-Demenz Gedächtnis Gerontopsychiatrie MRT Schläfenlappen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Mit dem Nano-U-Boot gezielt gegen Kopfschmerzen und Tumore
19.07.2018 | Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Verminderte Hirnleistung bei schwachem Herz
18.07.2018 | Universitätsklinikum Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Europaweit erste Patientin mit neuem Hybridgerät zur Strahlentherapie behandelt

19.07.2018 | Medizintechnik

Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum

19.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Automatisiertes Befüllen von Regalen im Einzelhandel

19.07.2018 | Verkehr Logistik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics