Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fremdenfeindliche Täter: Prävention muss früh, individuell und an Emotionen ansetzen

12.04.2002


Fremdenfeindliche Gewalttäter sind das Ergebnis typischer Entwicklungsprozesse. Das zeigen neueste Studien des Deutschen Jugendinstituts und der Universitäten Jena und München.

  1. Vielfach wuchsen diese Gewalttäter in zerbrochenen Familien mit einem kalten, gewalttätigen Erziehungsklima und in Heimen auf, wo sie Gewalt als Hauptmittel zur Regulierung alltäglicher Situationen erfuhren und sich aneigneten. Auffällig sind die starken Emotionen der Angst, Ohnmacht, Wut und Trauer, die sie als Kinder erlebten und in Aggressivität umsetzten. Rechtsextreme Einstellungen werden in dieser Phase noch kaum angenommen.
  2. Die schulische Sozialisation war durch zunehmendes Leistungsversagen, Aggressivität, Schulabbruch und Delinquenz gekennzeichnet (neun von zehn Gewalttäter fielen bereits in der Grundschule durch Gewaltanwendung auf).
  3. Im Jugendalter kam der Gruppensozialisation in fremdenfeindlichen und rechtsextremen Cliquen die stärkste Bedeutung zu. Die meist schon seit der Kindheit vorhandene Aggressivität richtete sich jetzt nicht mehr nur gegen Mitschüler und Lehrer, sondern zunehmend gegen Minderheiten (ethnisch Fremde, Punks, "Linke" usw.).

Und wie steht es allgemein mit fremdenfeindlichen, antisemitischen und rechtsextremistischen Tatverdächtigen und Tätern, die Asylbewerber zusammenschlagen, "Linke" verprügeln, Hakenkreuze schmieren oder Nazi-Parolen brüllen? Im Verlauf der 1990er Jahre änderte sich ihre Struktur wenig, wenn man den verfügbaren Polizeidaten trauen darf. Immer noch ist danach der größte Teil männlich, ledig und zwischen 15 und 24 Jahren alt. Zugenommen hat der Anteil der weiblichen Tatverdächtigen. Wenn junge Frauen wegen entsprechender Delikte verurteilt wurden, waren deren Gewalttaten so brutal wie die der männlichen Täter.
Die große Mehrzahl der Tatverdächtigen waren Schüler, Auszubildende oder Erwerbstätige. Arbeitslose waren gegenüber der Normalbevölkerung zwar deutlich überrepräsentiert, aber vier Fünftel waren nicht arbeitslos. So erscheint Arbeitslosigkeit als eine wichtige, aber nicht die wichtigste Bedingung, die Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus begünstigt. Der Anteil der Tatverdächtigen, der bereits wegen politischen oder nichtpolitischen Straftaten vorher der Polizei bekannt war oder verurteilt wurde, hat zugenommen. Das spricht für früh beginnende und lang andauernde Kriminalitätskarrieren und eine große Überschneidung fremdenfeindlicher und rechtsextremistischer Taten mit der allgemeinen Delinquenz. In der großen Mehrzahl der Fälle handelt es sich um Gruppentaten. Sie sind nach Ansicht der Polizei relativ selten von außen organisiert, sondern eher spontan. Starker Alkoholkonsum ist immer noch eine erhebliche Vorbedingung oder Begleiterscheinung fremdenfeindlicher und rechtsextremistischer Taten.

Was folgt aus den Ergebnissen für die Prävention? Emotional auffälligen Kindern (besonders zu Wutanfällen neigende, sehr ängstliche und traurige Kinder) verlangen individuell differenzierte und frühe Hilfen für ihre emotionale und soziale Entwicklung. Hierzu sind aufsuchende Familienhilfen und Maßnahmen im Kindergarten und in der Grundschule notwendig. Allerdings sind Kindergärtnerinnen und Lehrer von ihrer Ausbildung her dafür kaum gerüstet. Die Schulen haben die breiteste Möglichkeit, nicht nur auf die kognitive, sondern auch auf die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder einzuwirken - weil die Schule die einzige Einrichtung ist, die alle Kinder durchlaufen müssen, während freiwillige Angebote oft die Gefährdeten nicht erreichen. Das geschieht aber höchst unzureichend. Offenbar werden - siehe auch die Ergebnisse der PISA-Studie - in weiten Bereichen nicht nur die kognitiven Kompetenzen der Schüler zu wenig gefördert. Für die Förderung der emotionalen und sozialen Kompetenzen sind die Lehrer nach ihren eigenen Aussagen zu wenig ausgebildet, und sie haben zu wenig Unterrichtszeit dafür.

... mehr zu:
»Emotionen »Prävention »Täter

Jugendhilfeangebote kommen oft viel zu spät, sie sind auf die 16-18jährigen konzentriert. Dagegen mangelt es an attraktiven Offerten für die Zeit der Pubertät - in dieser Phase schlossen sich die meisten Täter fremdenfeindlichen Cliquen an, die sie offenbar interessanter fanden. Die Offerten der Jugendhilfe müssen deutschen und nichtdeutschen Jugendlichen gelten, gefährdete Jugendliche beider Gruppen rüsten gerne zu gegenseitigen Kämpfen. Politische Aufklärung und historische Bildung erreichen meist nur politisch interessierte, liberale Jugendliche, aber kaum die wirklich Gefährdeten. Bei ihnen ist - möglichst schon in der Kindheit - auf emotionale Persönlichkeitsdefizite, Alkoholismus und Aggressionsneigung einzugehen. Denn die in Politik und Öffentlichkeit populäre Rede von den "politischen" Gewalttaten ist häufig missverständlich. Oft erscheinen die "rechtsextremen" Motive der Täter wie nachgeschobene Rationalisierungen ganz anderer Probleme, von emotionalen Belastungen und allgemeiner Aggressivität.
Die Möglichkeiten der Polizei zur frühen Vorbeugung sind begrenzt. Aber sie kann Kindern und Jugendlichen, die Delikte begehen, die von ihnen überschrittenen Grenzen zum Strafrecht deutlich machen, auch durch Verweis auf Sanktionen. Das kann durch speziell für den Umgang mit delinquenten Kindern und Jugendlichen ausgebildete Polizistinnen und Polizisten erfolgen. Schärfere Strafen nützen wenig, durch die häufig starken tatbegleitenden Affekte wird gar nicht mehr an mögliche Strafen gedacht. Es muss vorher Flagge gezeigt werden.

Die Autoren der Studien sehen einen Mangel an interdisziplinärer Grundlagenforschung zur gesamten Lebensgeschichte der gefährdeten Kinder und Jugendlichen jenseits von politischen Konjunkturen und kurzfristigen Forschungsaufträgen. Ebenso fehle es an der längerfristigen Evaluation (jenseits kurzfristig verpuffender Wirkungen) von Praxisansätzen in diesem Bereich.

Die Ergebnisse beruhen auf Studien über (1) alle Polizeiakten zu fremdenfeindlichen, antisemitischen und rechtsextremistischen Tatverdächtigen in Deutschland im Jahre 1997 (6229 auswertbare Fälle), (2) eine größere Zahl einschlägiger Gerichtsurteile (217 Urteile zu 352 Angeklagten für 1997/98), (3) verurteilte fremdenfeindliche Gewalttäter (115 fremdenfeindliche Gewalttäter und eine Kontrollgruppe von 36 Nichtkriminellen).
Die beiden ersten Untersuchungen führte eine Forschungsgruppe um PD Dr. Klaus Wahl vom Deutschen Jugendinstitut e.V. (München) im Auftrag des Bundesministeriums des Innern durch. Die dritte Untersuchung erfolgte gemeinsam durch Forschungsteams um Prof. Dr. Wolfgang Frindte (Universität Jena) und Klaus Wahl (Deutsches Jugendinstitut und Universität München). Diese Studie wurde von der Volkswagenstiftung finanziert. Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden jetzt veröffentlicht:

Klaus Wahl (Hrsg):


Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rechtsextremismus. Drei Studien zu Tatverdächtigen und Tätern. Berlin: Bundesministerium des Innern 2001
- Reihe: Texte zur Inneren Sicherheit, Band III/2001. Kostenlos zu beziehen bei: ibro Funk- und Marketing Kastanienstr. 1, 18184 Roggentin, Tel.: 038204/66543, Fax: 038204/66219, E-Mail: bmi@ibro.de

Weitere aktuelle Publikationen des Deutschen Jugendinstituts zu diesem Thema:
DISKURS - Studien zu Kindheit, Jugend, Familie und Gesellschaft, Jahrgang 11, 2001, Heft 2
(Heftthema: Bunte Gesellschaft - braune Gewalt" mit Forschungs- und Praxisbeiträgen). ISSN 0937-96144 (nur über Buchhandel).

Klaus Wahl, Christiane Tramitz, Jörg Blumtritt:
Fremdenfeindlichkeit: Auf den Spuren extremer Emotionen.
Opladen: Leske + Budrich 2001. ISBN 3-8100-3137-2 (nur über Buchhandel)

Kontakt:
Deutsches Jugendinstitut e.V.
PD Dr. Klaus Wahl
Nockherstraße 2, 81541 München, Telefon 089/62306-128, E-Mail wahl@dji.de

Barbara Keddi | idw
Weitere Informationen:
http://cgi.dji.de/cgi-bin/projekte/output.php?projekt=46

Weitere Berichte zu: Emotionen Prävention Täter

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Der ängstliche Nao - Wenn Menschen emotional auf Roboter reagieren
14.08.2018 | Universität Duisburg-Essen

nachricht Mit stochastischer Spieltheorie zu mehr Kooperation
05.07.2018 | Institute of Science and Technology Austria

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Mischung macht‘s: Jülicher Forscher entwickeln schnellladefähige Festkörperbatterie

Mit Festkörperbatterien sind aktuell große Hoffnungen verbunden. Sie enthalten keine flüssigen Teile, die auslaufen oder in Brand geraten könnten. Aus diesem Grund sind sie unempfindlich gegenüber Hitze und gelten als noch deutlich sicherer, zuverlässiger und langlebiger als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien. Jülicher Wissenschaftler haben nun ein neues Konzept vorgestellt, das zehnmal größere Ströme beim Laden und Entladen erlaubt als in der Fachliteratur bislang beschrieben. Die Verbesserung erzielten sie durch eine „clevere“ Materialwahl. Alle Komponenten wurden aus Phosphatverbindungen gefertigt, die chemisch und mechanisch sehr gut zusammenpassen.

Die geringe Stromstärke gilt als einer der Knackpunkte bei der Entwicklung von Festkörperbatterien. Sie führt dazu, dass die Batterien relativ viel Zeit zum...

Im Focus: It’s All in the Mix: Jülich Researchers are Developing Fast-Charging Solid-State Batteries

There are currently great hopes for solid-state batteries. They contain no liquid parts that could leak or catch fire. For this reason, they do not require cooling and are considered to be much safer, more reliable, and longer lasting than traditional lithium-ion batteries. Jülich scientists have now introduced a new concept that allows currents up to ten times greater during charging and discharging than previously described in the literature. The improvement was achieved by a “clever” choice of materials with a focus on consistently good compatibility. All components were made from phosphate compounds, which are well matched both chemically and mechanically.

The low current is considered one of the biggest hurdles in the development of solid-state batteries. It is the reason why the batteries take a relatively long...

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Dialog an Deck, Science Slam und Pong-Battle

21.08.2018 | Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Auf dem Weg zur personalisierten Medizin

21.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

In Form gebracht

21.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

Superauflösende Mikroskopie - Neue Markierungssonden im Nanomaßstab

21.08.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics