Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Peergroups - Fluch und Segen für die schulische Laufbahn

08.04.2008
In einem Projekt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg untersuchen Erziehungswissenschaftler Peergroups im Hinblick auf ihren Einfluss auf die schulische Laufbahn. Dabei haben sie verschiedene Muster herausgearbeitet. So hängen intensive Freundschaften mit den schulischen Leistungen in verschiedener Hinsicht zusammen. Das kann sowohl positive als auch negative Konsequenzen für die Kinder haben.

Das Projekt "Peergroups und schulische Selektion - Interdependenzen und Bearbeitungsformen" wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und läuft seit Juni 2005 als Teilprojekt des Forschungsverbundes Mikroprozesse schulischer Selektion am Zentrum für Schul- und Bildungsforschung (ZSB).

Unter der Leitung von Prof. Dr. Heinz-Hermann Krüger untersuchen hallesche Erziehungswissenschaftler in einer Längsschnittstudie, die auf sechs Jahre angelegt ist, welche Bedeutungen die Zugehörigkeit zu Gruppen mit Gleichaltrigen für den Verlauf schulischer Bildungsbiografien hat. Sie berücksichtigen dabei sowohl schulische als auch außerschulische Peereinbindungen und -aktivitäten. Peers verstehen sie als informelle Gleichaltrigengruppen, die sie in verschiedenen Kontexten untersuchen.

Darunter fallen Beziehungsformen wie lose Netzwerke, Cliquen oder auch intensive Zweierfreundschaften. "Dabei wollen wir den Einfluss auf erfolgreiche beziehungsweise weniger erfolgreiche Schulkarrieren analysieren", erklärt Sina Köhler, Diplompädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projektes.

Die Jugendforschung konzentrierte sich bislang hauptsächlich auf außerschulische jugendkulturelle Szenen und Cliquen. Die Schulforschung interessierte sich vor allem für unterrichtsrelevante Aspekte. "Durch die Verbindung dieser Ansätze versuchen wir, das Verhältnis zwischen Freizeitaktivitäten und dem schulischen Leistungsverhalten in den Focus zu nehmen."

Die erste Datenerhebung haben die halleschen Forscher mit Elfjährigen in Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen an fünf verschiedenen Schulen durchgeführt. Dabei haben sie 158 Schüler aus unterschiedlichen Schulformen befragt, einem Gymnasium in nichtstaatlicher Trägerschaft, zwei ländlichen Sekundarschulen, einer Integrierten Gesamtschule und einer Hauptschule mit einem recht hohen Anteil von Lernenden mit Migrationshintergrund. So erhielten sie einen ersten Überblick, wie die Kinder mit Gleichaltrigen in Beziehungen stehen und fragten nach Freundschaftsbeziehungen, Schulleistungen sowie sozialer Herkunft.

Von den 158 Kindern haben die Wissenschaftler 52 noch einmal genauer untersucht, indem sie qualitative Interviews durchführten. Diese Schüler hatten viele bzw. nur wenige Freunde, unterschiedliche schulische Leistungen oder verschiedene Hobbys. Von den 52 Befragten haben die Erziehungswissenschaftler noch einmal zehn Kinder in ihre Peerwelt begleitet, um zu schauen, wie ihre Freizeitaktivitäten gestaltet sind und welche schulischen Orientierungen Gleichaltrigengruppen haben. Dabei haben die Forscher Gruppendiskussionen mit den schulischen und außerschulischen Freunden der Befragten durchgeführt und später mit den Einzelinterviews verglichen. Dadurch wollten sie prüfen, ob die Aussagen der Befragten mit denen ihrer Freunde übereinstimmen.

"Zwischen den Freundschafts- und Freizeitmustern sowie den schulischen Orientierungen konnten wir so einen Zusammenhang herstellen", sagt Sina Köhler. Ebenso wurde auch die Eingebundenheit der Kinder in soziale Milieus berücksichtigt, die in einem Zusammenhang mit den Freizeitaktivitäten, den Bildungsaspirationen und den Peerbeziehungen stehen. Resultat der Auswertung ist diesbezüglich, dass die Kinder und ihre Freunde aus sehr ähnlichen familialen Herkunftskontexten stammen. Das skizzierte Interdependenzverhältnis wurde in verschiedener Art und Weise herausgearbeitet, sodass insgesamt fünf Muster gebildet werden konnten. Diese zeigten, dass Freundschaften unterschiedliche Bedeutungen haben können. "Peers können entweder eine Chance oder ein Risiko für Schüler sein", so Sina Köhler. Wenn das Thema Schule innerhalb der Freundschaften oft thematisiert werde, hänge der schulische Werdegang stark damit zusammen. So könnten sich Schüler zum einen durch ihre Freundschaften motivieren, zum anderen gebe es eben auch Kinder, die sich gemeinsam gegen die Schule abgrenzen.

Die Datenerhebungen finden alle zwei Jahre bei denselben Schülern statt. Dadurch wollen die halleschen Forscher herausfinden, wie sich die Schulkarrieren der Befragten verändern und aufzeigen, was es an Schulverläufen und Freundschaftsbeziehungen gibt. Die nächste Erhebung mit den mittlerweile 13-Jährigen, wird derzeit durchgeführt. In zwei Jahren erfolgt dann die letzte Erhebung.

"Dabei ist es interessant weiterzuverfolgen, ob sich zum Beispiel die Leistungsorientierten andere Freundeskreise suchen oder sich ihren Freunden anpassen und ihre Leistungsorientierung zurücknehmen", führt Sina Köhler aus. Es sei möglich, dass sich neue Muster herausbilden, bei denen zum Beispiel Peeraktivitäten und -orientierungen schulische Misserfolge kompensieren oder umgekehrt zum Gefährdungspotential für bisher erfolgreiche schulische Bildungsbiografien werden.

Bis jetzt haben die Forscher keine Peers gefunden, die bei den Befragten zu einem schulischen Abstiegsmuster geführt haben. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist der Bedeutungszuwachs von Freundschaften in der Pubertät. "Wir vermuten im Laufe der Jahre einen intensiveren Peereinfluss auf die Schüler", sagt Maren Zschach, ebenfalls Diplompädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in diesem Projekt. "Bei den Elfjährigen spielte die Familie noch eine große Rolle." Dementsprechend zeigte sich anhand der Unterstützung beim Übergang in die Sekundarstufe I, dass die Einstellungen bzw. Orientierungen der Eltern zur Schule von großer Bedeutung sind.

Text: Nicole Kirbach

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Heinz-Hermann Krüger
Projektleiter
Tel.: 0345 55 23850
E-Mail: krueger@paedagogik.uni-halle.de
Sina Köhler
Tel.: 0345 55 23825
E-Mail: sina.koehler@zsl.uni-halle.de
Maren Zschach
Tel.: 0345 55 23855
E-Mail: zschach@paedagogik.uni-halle.de

Carsten Heckmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-halle.de

Weitere Berichte zu: Erziehungswissenschaft Gleichaltrig Peer Peergroup

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Ohne Berufsausbildung fünfmal so hohe Arbeitslosenquote
15.10.2019 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

nachricht Mittelstädte wachsen nicht nur im Süden
15.10.2019 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die schnellste Ameise der Welt - Wüstenflitzer haben kurze Beine, aber eine perfekte Koordination

Silberameisen gelten als schnellste Ameisen der Welt - obwohl ihre Beine verhältnismäßig kurz sind. Daher haben Forschende der Universität Ulm den besonderen Laufstil dieses "Wüstenflitzers" auf einer Ameisen-Rennstrecke ergründet. Veröffentlicht wurde diese Entdeckung jüngst im „Journal of Experimental Biology“.

Sie geht auf Nahrungssuche, wenn andere Siesta halten: Die saharische Silberameise macht vor allem in der Mittagshitze der Sahara und in den Wüsten der...

Im Focus: Fraunhofer FHR zeigt kontaktlose, zerstörungsfreie Qualitätskontrolle von Kunststoffprodukten auf der K 2019

Auf der K 2019, der Weltleitmesse für die Kunststoff- und Kautschukindustrie vom 16.-23. Oktober in Düsseldorf, demonstriert das Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik FHR das breite Anwendungsspektrum des von ihm entwickelten Millimeterwellen-Scanners SAMMI® im Kunststoffbereich. Im Rahmen des Messeauftritts führen die Wissenschaftler die vielseitigen Möglichkeiten der Millimeterwellentechnologie zur kontaktlosen, zerstörungsfreien Prüfung von Kunststoffprodukten vor.

Millimeterwellen sind in der Lage, nicht leitende, sogenannte dielektrische Materialien zu durchdringen. Damit eigen sie sich in besonderem Maße zum Einsatz in...

Im Focus: Solving the mystery of quantum light in thin layers

A very special kind of light is emitted by tungsten diselenide layers. The reason for this has been unclear. Now an explanation has been found at TU Wien (Vienna)

It is an exotic phenomenon that nobody was able to explain for years: when energy is supplied to a thin layer of the material tungsten diselenide, it begins to...

Im Focus: Rätsel gelöst: Das Quantenleuchten dünner Schichten

Eine ganz spezielle Art von Licht wird von Wolfram-Diselenid-Schichten ausgesandt. Warum das so ist, war bisher unklar. An der TU Wien wurde nun eine Erklärung gefunden.

Es ist ein merkwürdiges Phänomen, das jahrelang niemand erklären konnte: Wenn man einer dünnen Schicht des Materials Wolfram-Diselenid Energie zuführt, dann...

Im Focus: Wie sich Reibung bei topologischen Isolatoren kontrollieren lässt

Topologische Isolatoren sind neuartige Materialien, die elektrischen Strom an der Oberfläche leiten, sich im Innern aber wie Isolatoren verhalten. Wie sie auf Reibung reagieren, haben Physiker der Universität Basel und der Technischen Universität Istanbul nun erstmals untersucht. Ihr Experiment zeigt, dass die durch Reibung erzeugt Wärme deutlich geringer ausfällt als in herkömmlichen Materialien. Dafür verantwortlich ist ein neuartiger Quantenmechanismus, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift «Nature Materials».

Dank ihren einzigartigen elektrischen Eigenschaften versprechen topologische Isolatoren zahlreiche Neuerungen in der Elektronik- und Computerindustrie, aber...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Wenn der Mensch auf Künstliche Intelligenz trifft

17.10.2019 | Veranstaltungen

Verletzungen des Sprunggelenks immer ärztlich abklären lassen

16.10.2019 | Veranstaltungen

Digitalisierung trifft Energiewende

15.10.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Dehnbare Elektronik: Neues Verfahren vereinfacht Herstellung funktionaler Prototypen

17.10.2019 | Materialwissenschaften

Lumineszierende Gläser als Basis neuer Leuchtstoffe zur Optimierung von LED

17.10.2019 | Physik Astronomie

Dank Hochfrequenz wird Kommunikation ins All möglich

17.10.2019 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics