Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vom Kampfobjekt zum Schmuckstück. Zur Herkunftsgeschichte prähistorischer Prunkwaffen

03.09.2002


Vollgriffdolche zählen zu den ältesten Prunkwaffen Europas. Die zwischen 3600 und 4000 Jahre alten Stücke, die bis zu 45 cm lang sein können, dienten nicht nur als Waffe und Werkzeug, sondern sie waren auch Repräsentationsobjekte, mit denen sich die damalige Oberschicht schmückte. Den Luxuscharakter der Prunkdolche belegt die komplizierte Herstellung der Dolchgriffe. Ihre Griffe wurden aus Bronze gegossen. Aufwändige Gussverfahren waren nötig, um die verschiedenen Teile zu formen. In einigen Fällen wurden sogar edle Materialien wie Gold und Bernstein verwendet. Die Idee, solche Prunkwaffen herzustellen, entstand nicht - wie bisher vermutet - in Mitteleuropa, sondern in Italien. Von dort gelangte sie über die Alpen und das Rhône-Tal nach Norden. Und auch in Italien sind Vollgriffdolche nicht ohne äußeren Einfluss entstanden. Bereits um 2500 v. Chr. sind in Vorderasien Prunkdolche als Grabbeigaben in Königsgräbern belegt. Bronzemetallurgie und neue Gusstechniken sind zu dieser Zeit ebenfalls im Vorderen Orient nachzuweisen. Sie erreichten Italien über das Mittelmeer und gelangten nur wenig später in den Raum nördlich der Alpen.

Lange Zeit galten Vollgriffdolche als eine Erfindung der Aunjetitzer Kultur, einer frühbronzezeitlichen Kultur, die von etwa 2300 bis 1600/1500 v. Chr. besonders in Mitteldeutschland und Böhmen ihren Verbreitungsschwerpunkt hatte - benannt nach dem böhmischen Fundort Úntice (Aunjetitz). Tatsächlich sind in diesem Raum viele Dolche mit Metallgriff als Schatz- oder Hortfunde in den Boden gelangt. Vermutlich wurden sie im Rahmen von Opferhandlungen vergraben. Stefan Schwenzer vom Institut für Prähistorische Archäologie der Freien Universität Berlin konnte durch die technischen und archäologischen Untersuchungen im Rahmen seines Dissertationsprojekts zeigen, dass die ältesten dieser Stücke in Italien entstanden und sich die Technik des Metallgriffs von dort ausgehend sowohl über die Westschweiz als auch auf direktem Weg über die Alpen in Richtung Norden verbreitete.

Zahlreiche Röntgenuntersuchungen und Metallanalysen hat der FU-Archäologe durchgeführt. Weitere Untersuchungen befassen sich mit den Fragen der Zusammengehörigkeit von Dolchgruppen sowie der naturwissenschaftlichen und archäologischen Datierung der Stücke. Im Rahmen dieser Forschungsarbeiten, die zum Teil in Zusammenarbeit mit dem Römisch Germanischen Zentralmuseum in Mainz entstanden, konnte Schwenzer zeigen, dass bisher weder in Italien noch im Raum der Westschweiz Dolche gefunden wurden, deren Herkunft aus dem Heimatgebiet der Aunjetitzer Kultur zweifelsfrei nachzuweisen ist. Dagegen konnte er mehrfach den Einfluss südlicher Dolche auf die Produktion der Vollgriffdolche in den Werkstätten der Aunjetitzer Kultur belegen.

Entstanden sind die Vollgriffdolche in einem nach archäologischen Maßstäben relativ kurzen Zeitraum. Die ältesten Stücke wurden um 2000 v. Chr. in Italien und in der Westschweiz produziert. Nur wenig später gelangte die Technik auch in den Raum der Aunjetitzer Kultur, wo die ältesten Stücke etwa um 1900 v. Chr. entstanden sein könnten.

Schon seit längerem vermutet man den Ursprung der europäischen Zinnmetallurgie im Vorderen Orient, nachdem ältere Forschungsansätze, die eine unabhängige Entstehung in Europa vertraten, widerlegt werden konnten. Während die Zinnmetallurgie zu einem Teil über das Karpatenbecken und die Donau Mitteleuropa erreichte, wurden neue Gusstechniken und die Sitte, sich mit Prunkdolchen auszustatten, offenbar über das Mittelmeer nach Italien gebracht.

Das technische und kulturelle Phänomen der frühbronzezeitlichen Prunkdolche breitete sich anschließend rasch über große Teile Europas aus. Die Verbreitung reicht von Italien bis nach Skandinavien und von der französischen Atlantikküste bis nach Polen und Ungarn. Die relativ schnelle Ausbreitung der neuen Technik über einen so großen Raum spricht dafür, dass bereits in der Frühbronzezeit weitreichende Kommunikationsnetze bestanden. Wahrscheinlich waren es lokale Eliten, die diese Austauschbeziehungen über eine größere Entfernung unterhielten. Sie waren es auch, die sich mit solchen Prunkwaffen wie den Vollgriffdolchen schmückten, sie den Göttern opferten oder selbst mit ins Grab nahmen. Erst am Ende der Frühbronzezeit um 1600 v. Chr. wurden die prachtvollen Dolche allmählich durch die neu aufkommenden Schwerter ersetzt.

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Stefan Schwenzer, Tile-Wardenberg-Str. 28, 10555 Berlin, Tel.: 030 / 21 47 78 97, E-Mail: Stefan.Schwenzer@t-online.de

Ilka Seer | idw

Weitere Berichte zu: Aunjetitzer Prunkwaffe Vollgriffdolch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Künstliche Gletscher als Antwort auf den Klimawandel?
09.08.2018 | Universität Heidelberg

nachricht Arctic Ocean 2018 - Forscher untersuchen Wolken und Meereis in der Arktis
09.08.2018 | Universität Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Der Roboter als „Tankwart“: TU Graz entwickelt robotergesteuertes Schnellladesystem für E-Fahrzeuge

Eine Weltneuheit präsentieren Forschende der TU Graz gemeinsam mit Industriepartnern: Den Prototypen eines robotergesteuerten CCS-Schnellladesystems für Elektrofahrzeuge, das erstmals auch das serielle Laden von Fahrzeugen in unterschiedlichen Parkpositionen ermöglicht.

Für elektrisch angetriebene Fahrzeuge werden weltweit hohe Wachstumsraten prognostiziert: 2025, so die Prognosen, wird es jährlich bereits 25 Millionen...

Im Focus: Robots as 'pump attendants': TU Graz develops robot-controlled rapid charging system for e-vehicles

Researchers from TU Graz and their industry partners have unveiled a world first: the prototype of a robot-controlled, high-speed combined charging system (CCS) for electric vehicles that enables series charging of cars in various parking positions.

Global demand for electric vehicles is forecast to rise sharply: by 2025, the number of new vehicle registrations is expected to reach 25 million per year....

Im Focus: Der „TRiC” bei der Aktinfaltung

Damit Proteine ihre Aufgaben in Zellen wahrnehmen können, müssen sie richtig gefaltet sein. Molekulare Assistenten, sogenannte Chaperone, unterstützen Proteine dabei, sich in ihre funktionsfähige, dreidimensionale Struktur zu falten. Während die meisten Proteine sich bis zu einem bestimmten Grad ohne Hilfe falten können, haben Forscher am Max-Planck-Institut für Biochemie nun gezeigt, dass Aktin komplett von den Chaperonen abhängig ist. Aktin ist das am häufigsten vorkommende Protein in höher entwickelten Zellen. Das Chaperon TRiC wendet einen bislang noch nicht beschriebenen Mechanismus für die Proteinfaltung an. Die Studie wurde im Fachfachjournal Cell publiziert.

Bei Aktin handelt es sich um das am häufigsten vorkommende Protein in höher entwickelten Zellen, das bei Prozessen wie Zellstabilisation, Zellteilung und...

Im Focus: The “TRiC” to folding actin

Proteins must be folded correctly to fulfill their molecular functions in cells. Molecular assistants called chaperones help proteins exploit their inbuilt folding potential and reach the correct three-dimensional structure. Researchers at the Max Planck Institute of Biochemistry (MPIB) have demonstrated that actin, the most abundant protein in higher developed cells, does not have the inbuilt potential to fold and instead requires special assistance to fold into its active state. The chaperone TRiC uses a previously undescribed mechanism to perform actin folding. The study was recently published in the journal Cell.

Actin is the most abundant protein in highly developed cells and has diverse functions in processes like cell stabilization, cell division and muscle...

Im Focus: Arctic Ocean 2018 - Forscher untersuchen Wolken und Meereis in der Arktis

"Arctic Ocean 2018": So heißt die diesjährige Forschungsexpedition des schwedischen Eisbrechers ODEN in der Arktis, an der auch ein Wissenschaftler der Universität Leipzig beteiligt ist. Noch bis zum 25. September wollen die etwa 40 Forscher an Bord vor allem das mikrobiologische Leben im Ozean und im Meereis untersuchen und wie es mit der Wolkenbildung in der Arktis zusammenhängt.

Während der Fahrt durch die Arktis, die Ende Juli gestartet ist, sollen im Rahmen der Kampagne MOCCHA 2018 (Microbiology-Ocean-Cloud-Coupling in the Hight...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

EEA-ESEM Konferenz findet an der Uni Köln statt

13.08.2018 | Veranstaltungen

Digitalisierung in der chemischen Industrie

09.08.2018 | Veranstaltungen

Herausforderung China – Wissenschaftler aus der ganzen Welt diskutieren miteinander auf UW/H-Tagung

03.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Weltkleinster Transistor schaltet Strom mit einzelnem Atom in festem Elektrolyten

13.08.2018 | Energie und Elektrotechnik

Your Smartphone is Watching You: Gefährliche Sicherheitslücken in Tracker-Apps

13.08.2018 | Informationstechnologie

Was wir von Ameisen und Amöben über Koordination und Zusammenarbeit lernen können

13.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics