Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tiefseeforscher erhalten Humboldt-Gedächtnispreis für Untersuchungen zur Artenvielfalt

20.02.2013
Dr. Bodil Bluhm von der Universität Alaska Fairbanks und Tiefseeforscher des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, erhalten morgen, am Donnerstag, den 21. Februar 2013, in Frankfurt am Main den Alexander von Humboldt-Gedächtnispreis 2012.

Die Forschergruppe hatte die Lebensvielfalt in der arktischen Tiefsee untersucht und die Liste bekannter Tiefseebewohner um über 400 neue Arten erweitert. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ehrt die Wissenschaftler, weil sie mit dieser Arbeit einen wichtigen Grundstein für zukünftige Forschungsprojekte in der Arktis gelegt haben.

Auf dem arktischen Meeresboden zählt die Seegurke zu den ganz Großen. Mit einer Körpergröße von einigen Zentimetern überragt sie die meisten Tiefseebewohner um Längen. Denn viele andere Arten sind kaum größer als ein Sandkorn. Und über die Hälfte von ihnen ist so selten und die Regionen so wenig erkundet, dass Tiefseeforscher sie bisher nur an wenigen Stellen in den Weiten des Ozeans vorgefunden haben. Keine leichte Aufgabe also, die Vielfalt tierischen Lebens in der nur schwer zugänglichen, noch überwiegend eisbedeckten arktischen Tiefsee zu erfassen. Dennoch hat sich die Biologin Bodil Bluhm von der amerikanischen Universität Alaska Fairbanks mit der Hilfe von Kollegen des Alfred-Wegener-Institutes und sechs weiterer internationaler Forschungseinrichtungen an die Herausforderung gewagt.

Im Rahmen der zehnjährigen, weltweiten Artenerfassungs-Kampagne, Census of Marine Life, trug die Forschergruppe fast 6000 Aufzeichnungen aus den letzten dreißig Jahren der arktischen Tiefseeforschung zusammen und wertete diese aus. Am Ende hatten die Wissenschaftler insgesamt 1125 wirbellose Tiere gezählt und damit die bis dahin bestehende Liste um über 400 neue Arten ergänzt.

„Im zweiten Schritt wollten wir mit Hilfe der Daten herausfinden wie ähnlich oder verschieden die Bodenfauna der einzelnen Tiefseebecken und Regionen der arktischen Tiefsee ist“, sagt Bodil Bluhm, die einst am Alfred-Wegener-Institut promoviert hat. Ihr Fazit: Die Lebensformen unterscheiden sich regional kaum. „Wir konnten nachweisen, dass die massiven Gebirgszüge im Ozean keine Verbreitungsbarriere bilden. Außerdem haben wir entdeckt, dass die zentral-arktische Fauna mit der Tierwelt in der nordatlantischen Tiefsee verwandt ist, während der pazifische Einfluss nur sehr gering ist.“ Grund für die enge Verwandtschaft zwischen den Arten im Nordatlantik und der zentralen Arktis sei die Framstraße. Der Seeweg zwischen Spitzbergen und Grönland bilde eine Verbindung zwischen dem Nordatlantik und dem Arktischen Ozean.

Diese Ergebnisse stellen eine beachtliche wissenschaftliche Leistung dar, urteilte auch die Senckenberg Gesellschaft und zeichnet die Arbeit von Bodil Bluhm und Kollegen mit dem Alexander von Humboldt-Gedächtnispreis des Jahres 2012 aus. Er ist verbunden mit einem Preisgeld von 6000 Euro und wird den Preisträgern morgen bei einer Festveranstaltung im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main überreicht.

„Der Artikel zeigt wie artenreich und vielfältig das Leben am Meeresboden der arktischen Tiefsee wirklich ist. Dieses Wissen ist eine wichtige Grundlage für zukünftige Arbeiten darüber, wie sich der Klimawandel auf unsere Artenvielfalt auswirkt“, erklärt Prof. Volker Mosbrugger, Direktor der Senckenberg Gesellschaft.

Für den Tiefseeökologen und Mitautor Dr. Thomas Soltwedel vom Alfred-Wegener-Institut stellen die Erkenntnisse der Studie eine bisherige Momentaufnahme der Lebensvielfalt in der arktischen Tiefsee dar. „Es gibt sicherlich Hunderte von Arten, die wir noch nicht erfasst haben. Jedes Mal, wenn wir in die Arktis fahren und Proben sammeln, finden wir neue Arten, die noch nicht beschrieben worden sind“, sagt er.

Die Ergebnisse der Studie dienen als Grundlage für weiterführende Untersuchungen zur Entwicklung eines polaren, marinen Ökosystems in Zeiten globaler Umweltveränderungen. „Durch erhöhte Temperaturen und den Rückgang des Eises ist der Arktische Ozean einem erheblichen Wandel unterworfen“, erläutert der Tiefseeökologe. Ein Wandel, den er und Kollegen am Alfred-Wegener-Institut seit mehr als zehn Jahren am arktischen Tiefsee-Observatorium HAUSGARTEN erforschen. Soltwedel: „Es war eine der ersten großen Überraschungen, als wir feststellten, dass sich dieses Tiefseeökosystem viel schneller verändert, als wir uns das bis dahin vorgestellt hatten. Mit einer Verzögerung von nur ein bis zwei Jahren sehen wir in den Lebensgemeinschaften der Tiefsee Veränderungen, die wir auf den Wandel zurückführen können, den wir zuvor an der Oberfläche beobachtet haben.“

Biologen wie Bodil Bluhm und Thomas Soltwedel nutzen die Artenliste deshalb als Vergleichsmaßstab. Mit dieser ozeanweiten Erfassung der Tiefseefauna können sie in den nächsten Jahren nachvollziehen, wie sich das Leben am Boden der arktischen Tiefsee entwickelt. Doch nicht nur Wissenschaftler verfolgen den Wandel der Artenvielfalt. Auch die Wirtschaft hat ein Interesse daran zu wissen, wie es auf dem arktischen Meeresgrund aussieht und wer dort lebt. Denn die schrumpfende Eisdecke begünstigt unter anderem auch die Tiefseefischerei. „Aus diesem Grund war es uns wichtig, den Bestand der Tiefseebewohner aufzuzeichnen, bevor wir Menschen unseren ‚Fußabdruck’ am arktischen Meeresboden hinterlassen“, sagt Thomas Soltwedel.

Hinweise für Redaktionen:

Der Originaltitel des Artikels lautet „Diversity of the arctic deep-sea benthos“ und ist in der Sonderausgabe „Arctic Ocean Diversity Synthesis“ der Fachzeitschrift Marine Biodiversity im März 2011 veröffentlicht worden. DOI 10.1007/s12526-010-0078-4

Ort und Termin der Festveranstaltung:
Festsaal des Senckenberg Naturmuseums
Senckenberganlage 25
60325 Frankfurt am Main
21. Februar 2013 um 18.30 Uhr
Ihr Ansprechpartner am Alfred-Wegener-Institut ist Dr. Thomas Soltwedel, Tel. 0471 4831-1775 (E-Mail: Thomas.Soltwedel(at)awi.de). In der Abteilung Kommunikation und Medien ist Ihre Ansprechpartnerin Kristina Bär, Tel. 0471 4831-2139 (E-Mail: kristina.charlotte.baer(at)awi.de).

Folgen Sie dem Alfred-Wegener-Institut auf Twitter (https://twitter.com/AWI_de) und Facebook (http://www.facebook.com/AlfredWegenerInstitut). So erhalten Sie alle aktuellen Nachrichten sowie Informationen zu kleinen Alltagsgeschichten aus dem Institutsleben.

Das Alfred-Wegener-Institut forscht in der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der mittleren und hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in der Arktis und Antarktis für die internationale Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut ist eines der 18 Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

Ralf Röchert | idw
Weitere Informationen:
http://www.awi.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Für eine neue Generation organischer Leuchtdioden: Uni Bayreuth koordiniert EU-Forschungsnetzwerk
20.11.2018 | Universität Bayreuth

nachricht Ultraschall verbindet
13.11.2018 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste Diode für Magnetfelder

Innsbrucker Quantenphysiker haben eine Diode für Magnetfelder konstruiert und im Labor getestet. Das von den Forschungsgruppen um den Theoretiker Oriol Romero-Isart und den Experimentalphysiker Gerhard Kirchmair entwickelte Bauelement könnte eine Reihe neuer Anwendungen ermöglichen.

Elektrische Dioden sind wichtige elektronische Bauteile, die elektrischen Strom in eine Richtung leiten, die Stromleitung in der anderen Richtung aber...

Im Focus: First diode for magnetic fields

Innsbruck quantum physicists have constructed a diode for magnetic fields and then tested it in the laboratory. The device, developed by the research groups led by the theorist Oriol Romero-Isart and the experimental physicist Gerhard Kirchmair, could open up a number of new applications.

Electric diodes are essential electronic components that conduct electricity in one direction but prevent conduction in the opposite one. They are found at the...

Im Focus: Millimeterwellen für die letzte Meile

ETH-Forscher haben einen Modulator entwickelt, mit dem durch Millimeterwellen übertragene Daten direkt in Lichtpulse für Glasfasern umgewandelt werden können. Dadurch könnte die Überbrückung der «letzten Meile» bis zum heimischen Internetanschluss deutlich schneller und billiger werden.

Lichtwellen eigenen sich wegen ihrer hohen Schwingungsfrequenz hervorragend zur schnellen Übertragung von Daten.

Im Focus: Nonstop-Transport von Frachten in Nanomaschinen

Max-Planck-Forscher entdecken die Nanostruktur von molekularen Zügen und den Grund für reibungslosen Transport in den „Antennen der Zelle“

Eine Zelle bewegt sich ständig umher, tastet ihre Umgebung ab und sendet Signale an andere Zellen. Das ist wichtig, damit eine Zelle richtig funktionieren kann.

Im Focus: Nonstop Tranport of Cargo in Nanomachines

Max Planck researchers revel the nano-structure of molecular trains and the reason for smooth transport in cellular antennas.

Moving around, sensing the extracellular environment, and signaling to other cells are important for a cell to function properly. Responsible for those tasks...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Podiumsdiskussion zur 11. Internationalen MES-Tagung in Hannover hochkarätig besetzt

21.11.2018 | Veranstaltungen

Hüftprothese: Minimalinvasiv oder klassisch implantieren? Implantatmodell wichtiger als OP-Methode

21.11.2018 | Veranstaltungen

Personalisierte Implantologie – 32. Kongress der DGI

19.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neuer Blick auf molekulare Prozesse

21.11.2018 | Physik Astronomie

Wechsel zu Carbon Infrarot-Strahlern von Heraeus halbiert die Trocknungszeit für Siebdruck auf T-Shirts

21.11.2018 | Energie und Elektrotechnik

Wie aus Staub Planeten entstehen

21.11.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics