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KSZE-Prozess und mikrobielle Interaktionen: Leibniz-Nachwuchspreise verliehen

29.11.2012
Auf ihrer Jahrestagung in Berlin hat die Leibniz-Gemeinschaft die herausragenden Doktorarbeiten von Dr. Anja Hanisch vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ) und von Dr. Claudia Dziallas vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin (IGB) mit ihrem mit jeweils 3000 Euro dotierten Nachwuchspreis ausgezeichnet. Die Arbeiten befassen sich mit der DDR im KSZE-Prozess und den Interaktionen von Mikroben mit Zooplankton und Cyanobakterien.
Dr. Anja Hanisch (29) wird in der Kategorie Geistes- und Sozialwissenschaften für ihre Dissertation „Die DDR im KSZE-Prozess, 1972-1985. Zwischen Ostabhängigkeit, Westabgrenzung und Ausreisebewegung“ ausgezeichnet. Darin behandelt sie das Spannungs- und Wechselverhältnis zwischen der DDR-Innen- und Außenpolitik im Zusammenhang mit dem KSZE-Prozess – und betritt damit in weiten Teilen wissenschaftliches Neuland.

In ihrer Untersuchung kann Hanisch u.a. zeigen, dass sich die DDR sowohl bei den Vertragsverhandlungen in Genf 1972 als auch während des KSZE-Folgetreffens in Madrid 1980 trotz abweichender Interessen politischen Zielen der Sowjetunion wie etwa der territorialen Anerkennung durch den Westen oder einer europäischen Abrüstungskonferenz bedingungslos unterordnen musste.
Die widerwillig eingegangenen humanitären Zugeständnisse etwa auf dem Gebiet der Familienzusammenführung wurden somit auch zur entscheidenden Berufungsgrundlage für Ausreiseantragssteller. Die DDR-Führung sah somit in Folge der KSZE ihre Machtposition als gefährdet an und ergriff zum Teil drastische Repressionsmaßnahmen, um die Bürger zur Respektierung der Staatsmacht zu bewegen. Letztendlich führten die eingegangenen außenpolitischen Zugeständnisse zu einer Verminderung der innenpolitischen Handlungsspielräume. Hanisch legt dar, dass die Ausreisebewegung in der DDR durch die KSZE und nicht etwa durch die deutsch-deutsche Entspannung ihren entscheidenden Anstoß erhielt und zu einer Bewegung wurde, der der überforderte Staatsapparat nie wirklich Herr zu werden vermochte.

Anja Hanischs Doktorarbeit entstand von 2008 bis 2010 im Zuge des über das Leibniz-Wettbewerbsverfahren geförderten Kooperationsprojekts „Der KSZE-Prozess und seine Folgen“ des Instituts für Zeitgeschichte mit den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Paris IV. Prof. Dr. Hermann Wentker, Leiter der Berliner Abteilung des IfZ und Betreuer der Dissertation sieht in der Arbeit eine Untersuchung, die in außergewöhnlich kurzer Zeit auf hohem Niveau entstanden ist und die Forschung auf ihrem Gebiet wesentlich voranbringt.

Die Dissertation ist inzwischen im Oldenbourg Verlag als Buch erschienen (ISBN 978-3-486-70503-4).

Zurzeit sammelt Anja Hanisch praktische Erfahrungen im Bereich internationale Beziehungen – im Zuge eines sechsmonatigen Praktikums im Büro der Vereinten Nationen in Genf.

Kontakt: Dr. Anja Hanisch, anja.hanisch@gmx.net
Dr. Claudia Dziallas (31) erhält den Leibniz-Nachwuchspreis in der Kategorie Natur- und Technikwissenschaften für ihre Arbeit „Microbial interactions with cyanobacteria and zooplankton“. Darin untersucht die Biologin das Zusammenspiel von heterotrophen (d.h. in der Ernährung auf Körpersubstanz oder Stoffwechselprodukte anderer Organismen angewiesenen) Mikroorganismen mit Cyanobakterien (Blaualgen) einerseits und Zooplankton andererseits. Die Arbeit ist u.a. deshalb bemerkenswert, weil sie auf dem Gebiet der mikrobiellen Ökologie einen wesentlichen Grundstein für einen Paradigmenwechsel legt, in der organismen-assoziierte Mikroorganismen heute noch meist vernachlässigt werden, wie der Direktor des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei, Prof. Klement Tockner, betont. Die Erkenntnisse von Claudia Dziallas haben auf dem Gebiet der Gesundheit hohe gesellschaftliche Relevanz. So konnte Dziallas unter anderem zeigen, unter welchen Bedingungen das Zusammenspiel des Cyanobakteriums Microcystis sp. mit heterotrophen Bakterien die Toxizität dieser Blaualgenart beeinflusst, die das für Menschen und Tiere schädliche Lebergift Microcystin produzieren kann. Dziallas Erkenntnisse erlauben ein besseres Verständnis und eine genauere Vorhersage der Toxinbildung von Blaualgen.

In einem weiteren Aspekt ihrer Arbeit untersuchte Dziallas die Interaktion von Zooplankton und Mikroorganismen. Dabei erkannte sie, dass Bakterien den Darm oder den Chitinpanzer der Krebstiere besiedeln und somit ihre Verbreitungsreichweite vergrößern und auch auf sonst für sie unzugängliche Orte erweitern. So könnten Bakterien zum Beispiel über Zooplankton im Ballastwasser von Schiffen transportiert werden und auch die Sterilisierung dieses Wassers überstehen. Damit ist eine Ausbreitung krankheitserregender oder antiobiotika-resistenter Mikroorganismen in neue Gewässer mit negativen Auswirkungen etwa auf den dortigen Fischbestand nicht auszuschließen.

Die Forschungsergebnisse von Claudia Dziallas sind bereits in mehreren hochrangigen wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht und auf internationalen Fachkonferenzen vorgestellt worden.

Derzeit arbeitet Claudia Dziallas über ein Marie-Curie-Stipendium als Postdoktorandin an der Universität von Kopenhagen.

Ausgewählte Veröffentlichungen:

- Dziallas, C. and H.P. Grossart (2011): Increasing Oxygen Radicals and Water Temperature Select for Toxic Microcystis sp PLoS One 6: e25569. doi: 10.1371/journal.pone.0025569
- Hans-Peter Grossart, Claudia Dziallas, Franziska Leunert, and Kam W. Tang (2010): Bacterial dispersal by hitchhiking on zooplankton. PNAS 107(26): 11959 – 11964. doi: 10.1073/pnas.1000668107
- Kam Tang, Claudia Dziallas, and Hans-Peter Grossart (2011): Zooplankton and aggregates as refuge for aquatic bacteria: Protection from UV, heat and ozone stresses used for water treatments. Environmental Microbiology 13(2): 379 – 390. doi: oi: 10.1111/j.1462-2920.2010.02335.x

Kontakt: Dr. Claudia Dziallas, cdziallas@bio.ku.dk

Der Nachwuchspreis der Leibniz-Gemeinschaft wird jährlich für die besten Doktorarbeiten aus Leibniz-Instituten in den Kategorien „Geistes- und Sozialwissenschaften“ und „Natur- und Technikwissenschaften“ vergeben. Er ist mit jeweils 3000 Euro dotiert. Die Auswahl über die Preisträger trifft eine zwölfköpfige Jury unter der Leitung von Prof. Dr. Joachim Treusch (Präsident der Jacobs University Bremen) aus den Vorschlägen der wissenschaftlichen Fachsektionen der Leibniz-Gemeinschaft.

Pressefotos der beiden Preisträgerinnen sind online verfügbar:
http://www.leibniz-gemeinschaft.de/medien/presse/pressebilder/

Pressekontakt für die Leibniz-Gemeinschaft:

Christian Walther
Tel.: 030 / 20 60 49 – 42
Mobil: 0173 / 513 56 69
walther@leibniz-gemeinschaft.de

Christoph Herbort-von Loeper
Tel.: 030 / 20 60 49 – 48
Mobil: 0174 / 310 81 74
herbort@leibniz-gemeinschaft.de

Die Leibniz-Gemeinschaft

Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 86 selbständige Forschungseinrichtungen. Deren Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute bearbeiten gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante Fragestellungen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Grundlagenforschung. Sie unterhalten wissenschaft-liche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer in Richtung Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-Institute pflegen intensive Kooperationen mit den Hochschulen - u.a. in Form der WissenschaftsCampi -, mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Sie unterliegen einem maßstabsetzenden transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 16.500 Personen, darunter 7.700 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei 1,4 Milliarden Euro.

Christoph Herbort-von Loeper | idw
Weitere Informationen:
http://www.leibniz-gemeinschaft.de/

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