Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Brutgeschäft im falschen Licht

17.09.2010
Nächtliches Kunstlicht verändert das Fortpflanzungsverhalten von Vögeln

Auch Licht kann zum Umweltproblem werden. Mit der globalen Verstädterung nimmt die nächtliche Lichtverschmutzung zu und bringt die Tiere durcheinander. Vögel etwa ändern unter nächtlicher Dauerbeleuchtung ihr Fortpflanzungsverhalten, wie Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen herausgefunden haben. Männchen einiger Singvogelarten fangen unter Kunstlicht morgens früher an zu singen, weibliche Blaumeisen beginnen eher mit dem Brutgeschäft. Und entgegen dem Sprichwort "im Dunkeln ist gut munkeln" haben Blaumeisen-Männchen unter Kunstlichteinfluss mehr Nachwuchs außerhalb ihrer festen Partnerschaft. (Current Biology, Veröffentlicht online am 16. September 2010)

Licht in der Nacht hat für zahlreiche Tiere tödliche Folgen. So sterben zum Beispiel jedes Jahr Milliarden von Insekten an Straßenlaternen. Zugvögel fliegen erschöpfende Umwege, da sie von künstlichem Licht verwirrt und von ihren Routen abgelenkt werden, oder sie kollidieren mit nächtlich beleuchteten Hochhäusern. Doch auch wenn das menschengemachte Licht im Dunkeln nicht immer unmittelbar zum Tode führt, kann es für Tiere erhebliche ökologische Konsequenzen haben. Dies haben Wissenschaftler um Bart Kempenaers vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen nun für Singvögel nachgewiesen.

Das Konzert mancher Singvögel beginnt 80 Minuten früher

Die Forscher untersuchten, welchen Einfluss die Straßenbeleuchtung entlang eines Waldrandes auf das Singverhalten der Männchen von fünf waldbrütenden Singvogelarten hat. Wie sie herausfanden, begannen bei vier der fünf Arten alle Männchen, die dem Kunstlicht ausgesetzt waren, früher zu singen als diejenigen, die im Wald oder an einem unbeleuchteten Waldrand lebten. Der Effekt war besonders stark ausgeprägt bei denjenigen Arten, die von Natur aus schon früh am Morgen singen. So legte zum Beispiel das im Rampenlicht lebende Rotkehlchen im Schnitt 80 Minuten vor den im Dunkeln schlafenden Artgenossen los mit seinem Gesang.

Die Forscher interessierte aber nicht nur der Zusammenhang zwischen Dunkelheit und Gesang, sondern auch, ob das künstliche Nachtlicht messbare Auswirkungen auf das Fortpflanzungsverhalten bei Singvögeln hat. Über sieben Brutsaisonen nahmen sie in einer Blaumeisenkolonie auf, zu welchem Zeitpunkt die Weibchen mit der Eiablage begannen. Unter Lichteinfluss fand sich das erste Ei im Durchschnitt eineinhalb Tage früher im Nest als bei wald- und waldrandlebenden Weibchen ohne Beleuchtung. "Normalerweise legen Weibchen, die früh mit der Eiablage beginnen, insgesamt mehr Eier. Sie sind oft in körperlich besserem Zustand als diejenigen, die später legen", erklärt Bart Kempenaers, Direktor in Seewiesen. "Weibchen, die unter Lichteinfluss früher legen, haben aber im Schnitt nicht mehr Eier". Die frühere Eiablage könnte für den Nachwuchs kritisch werden, wenn die Phase des höchsten Futterbedarfs nicht mehr mit dem Zeitpunkt der maximalen Futterverfügbarkeit zusammenfällt.

Licht beeinflusst außerpaarliche Kopulationen

Bei Blaumeisenmännchen wirkte sich nächtliches Kunstlicht unmittelbar auf den Fortpflanzungserfolg aus: So hatten männliche Vögel, die an einem beleuchteten Waldrand lebten, doppelt so viele außerpaarliche Jungen im Vergleich zu Männchen, deren Reviere nachts im Dunkeln lagen. Dieser Effekt war besonders stark ausgeprägt bei jungen Blaumeisenmännchen, die in der ersten Brutsaison normalerweise eher wenig Erfolg beim Fremdgehen haben. Sie hatten unter dem Einfluss von Licht fast ebenso viel Nachwuchs mit fremden Weibchen wie ältere Männchen aus dunklen Lebensräumen. "Es ist wahrscheinlich, dass für die Weibchen der frühe Gesang ein Signal für die Qualität eines Männchen bedeutet", sagt Bart Kempenaers. Die Lichtverschmutzung führt also bei den Weibchen zu Fehlentscheidungen in der Partnerwahl. Ob früherer Gesang, vorgezogene Eiablage und veränderte außerpaarliche Kopulationen tatsächlich Folgen für die Überlebenswahrscheinlichkeit und die genetische Qualität der Nachkommenschaft haben, wollen die Forscher in Zukunft herausfinden.

Originalveröffentlichung:

Bart Kempenaers, Pernilla Borgström, Peter Loës, Emmi Schlicht and Mihai Valcu
Artificial night lighting affects dawn song, extra-pair siring success and lay date in songbirds

Current Biology, Veröffentlicht online am 16. September 2010

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Dr. Sabine Spehn
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Seewiesen
Tel.: +49 (0)8157 932 421
E-Mail: sspehn@orn.mpg.de

Barbara Abrell | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen
20.07.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

nachricht Erwiesen: Mücken können tropisches Chikungunya-Virus auch bei niedrigen Temperaturen verbreiten
20.07.2018 | Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Future electronic components to be printed like newspapers

A new manufacturing technique uses a process similar to newspaper printing to form smoother and more flexible metals for making ultrafast electronic devices.

The low-cost process, developed by Purdue University researchers, combines tools already used in industry for manufacturing metals on a large scale, but uses...

Im Focus: Rostocker Forscher entwickeln autonom fahrende Kräne

Industriepartner kommen aus sechs Ländern

Autonom fahrende, intelligente Kräne und Hebezeuge – dieser Ingenieurs-Traum könnte in den nächsten drei Jahren zur Wirklichkeit werden. Forscher aus dem...

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Anwendungen für Mikrolaser in der Quanten-Nanophotonik

20.07.2018 | Physik Astronomie

Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen

20.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Die Gene sind nicht schuld

20.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics