Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Tiefsee-Bilder widerlegen Lehrmeinung

05.12.2007
Auch an kalten Meeres-Quellen wimmelt das Leben

Zum ersten Mal fanden Bremer Wissenschaftler an untermeerischen kalten Quellen ähnlich hohe Biomassen wie an heißen Quellen. Bilder zeigen Tausende von weißen Krabben, die auf einem ausgedehnten Muschelfeld sitzen. Ebenfalls zum ersten Mal konnten die Wissenschaftler den Austritt von Fluiden an kalten Quellen filmen. Zudem fanden sie eine unerwartete Vielfalt unterschiedlicher Typen von kalten Quellen.

Derart reich beladen mit neuen Erkenntnissen kehrten jetzt die Meeresforscher des Exzellenzclusters MARUM an der Universität Bremen und ihre Kollegen von einer Expedition in die Gewässer südlich von Pakistan zurück. An Bord des Forschungsschiffes Meteor hatten sie vom 31. Oktober bis zum 27. November vier Wochen lang den pakistanischen Kontinentalrand untersucht.

Bisher war die Lehrmeinung, dass an den heißen Quellen, wie z. B. den "Schwarzen Raucher", wesentlich mehr Leben ist, als an kalten Quellen. Doch was im Scheinwerferkegel des Tauchroboters Quest des MARUM_Forschungszentrum Ozeanränder an der Universität Bremen zu sehen war, belehrte die Wissenschaftler eines Besseren: Muschelbänke von mehr als 30 Meter Durchmesser, dicht an dicht besetzt mit Tausender weißer Krabben. "Damit lässt sich das Credo nicht mehr halten, dass an kalten Quellen generell weniger Leben ist als an heißen Quellen", so Gerhard Bohrmann, Leiter der Expedition. "Hier scheint den Lebewesen ähnlich viel chemische Energie in Form von Methan oder Schwefelwasserstoff zur Verfügung zu stehen, wie an heißen Quellen, so dass sich auch eine hohe Biomasse entwickeln kann." Überrascht waren die Forscher auch von der Vielfalt der kalten Quellen. "Wir haben neun verschiedene Quellen genauer untersucht und keine war wie die andere. Besonders der Sauerstoffgehalt, der im Untersuchungsgebiet mit der Tiefe stark variiert, bestimmte die Lebensgemeinschaften an den Quellen", erläutert Gerhard Bohrmann.

Die großen Unterschiede der Quelltypen leiten sich vom geologischen Untergrund ab. "Auf Satellitenbildern wirkt die Küste Pakistans, nördlich des jetzt von uns untersuchten Gebietes faltig. Diese Falten setzen sich auch in der Unterwasserlandschaft fort. Dies kommt daher, dass sich die Arabische Platte mit etwa vier Zentimetern pro Jahr unter die Eurasische Platte schiebt", erläutert Gerhard Bohrmann. Beim Abtauchen der Arabischen unter die pakistanischen Landmassen werden die schlammigen Ablagerungen auf der Platte regelrecht ausgequetscht. Das in den Ablagerungen reichlich vorhandene Wasser tritt daher an kalten Quellen am Meeresboden aus. "Normalerweise sind die Ablagerungen nur etwa zwei bis vier Kilometer dick, doch hier sind es sieben. Deswegen war es für uns ein Muss dieses Gebiet zu untersuchen. Denn wo wesentlich mehr Sediment ist, können natürlich auch wesentlich mehr Fluide ausgepresst werden." Gerade diese Flüssigkeiten sind es, die die Wissenschaftler interessieren. Fluide, so bezeichnen die Wissenschaftler das veränderliche Gemisch aus Wasser, Methan, Schwefelwasserstoff, Sulfiden und einer Reihe weiterer Stoffe, die am Meeresboden an den verschiedenen Quelltypen austritt.

Zum ersten Mal konnten die Wissenschaftler reine Austritte von Flüssigkeiten ohne freies Gas an kalten Quellen direkt beobachten. "Dies verdanken wir den unglaublich scharfen Bildern, die die HD-Kameras des Tauchroboters Quest liefern. Das hat vor uns wohl noch keiner sehen können." Bis jetzt waren solche Austritte zwar vermutet, aber noch nicht beobachtet worden, da die technischen Möglichkeiten fehlten. Bisher war man darauf angewiesen, dass aufsteigende Gasblasen oder die von den Fluiden lebenden Organismen die Austrittstellen verraten.

"Die Austritte am Meeresboden sind deshalb für uns von so großer Bedeutung, weil sie das Bindeglied zwischen der Erdkruste und dem Ozean bilden", so Gerhard Bohrmann über die Relevanz der Untersuchungen. "Die Stoff- und Wärmemengen, die über diese Quellen in den Ozean und so auch in die Atmosphäre gelangen sind riesig. Doch wir haben noch eine viel zu geringe Vorstellung davon, wie diese Kreisläufe wirklich aussehen und wie sie das Leben auf unserem Planeten beeinflussen." Immerhin ist Methan ein 30-Mal stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid. "Auf jeder Expedition lernen wir diese Systeme ein bisschen besser verstehen, so auch auf dieser, die uns einen großen Schritt näher an ein umfassendes Bild von kalten Quellen im Ozean herangeführt hat."

Weitere Informationen / Bildmaterial / Interviews:

Kirsten Achenbach/ Albert Gerdes
Öffentlichkeitsarbeit MARUM, Universität Bremen
Tel. 0421 - 218-65541 oder -65540
mail: achenbach@marum.de oder agerdes@marum.de
http://www.marum.de
Prof. Gerhard Bohrmann
MARUM, Universität Bremen
Tel.: 0421 218-8639
Mail: gbohrmann@marum.de
http://www.marum.de
Das MARUM_Forschungszentrum Ozeanränder entschlüsselt mit modernsten Methoden die Rolle der Ozeane im System Erde, insbesondere in Hinblick auf den globalen Wandel. Es erfasst die Wechselwirkungen zwischen geologischen und biologischen Prozessen im Meer und liefert Beiträge für eine nachhaltige Nutzung der Ozeane.

Kirsten Achenbach | idw
Weitere Informationen:
http://www.marum.de

Weitere Berichte zu: Ablagerung Expedition Meeresboden Methan Ozean Platte

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Bienen brauchen es bunt
20.08.2018 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Künstliche Enzyme aus DNA
20.08.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Mischung macht‘s: Jülicher Forscher entwickeln schnellladefähige Festkörperbatterie

Mit Festkörperbatterien sind aktuell große Hoffnungen verbunden. Sie enthalten keine flüssigen Teile, die auslaufen oder in Brand geraten könnten. Aus diesem Grund sind sie unempfindlich gegenüber Hitze und gelten als noch deutlich sicherer, zuverlässiger und langlebiger als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien. Jülicher Wissenschaftler haben nun ein neues Konzept vorgestellt, das zehnmal größere Ströme beim Laden und Entladen erlaubt als in der Fachliteratur bislang beschrieben. Die Verbesserung erzielten sie durch eine „clevere“ Materialwahl. Alle Komponenten wurden aus Phosphatverbindungen gefertigt, die chemisch und mechanisch sehr gut zusammenpassen.

Die geringe Stromstärke gilt als einer der Knackpunkte bei der Entwicklung von Festkörperbatterien. Sie führt dazu, dass die Batterien relativ viel Zeit zum...

Im Focus: It’s All in the Mix: Jülich Researchers are Developing Fast-Charging Solid-State Batteries

There are currently great hopes for solid-state batteries. They contain no liquid parts that could leak or catch fire. For this reason, they do not require cooling and are considered to be much safer, more reliable, and longer lasting than traditional lithium-ion batteries. Jülich scientists have now introduced a new concept that allows currents up to ten times greater during charging and discharging than previously described in the literature. The improvement was achieved by a “clever” choice of materials with a focus on consistently good compatibility. All components were made from phosphate compounds, which are well matched both chemically and mechanically.

The low current is considered one of the biggest hurdles in the development of solid-state batteries. It is the reason why the batteries take a relatively long...

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2018

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

IHP-Technologie darf in den Weltraum fliegen

20.08.2018 | Energie und Elektrotechnik

Eröffnung des neuen Produktionsgebäudes bei Heraeus Medical in Wehrheim

20.08.2018 | Unternehmensmeldung

Universum Studie: Internationalität und Praxisbezug sind Erfolgsfaktoren der ISM

20.08.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics