Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Verbreitungsgebiet von Vögeln wird nur durch Länge und Form der Flügel bestimmt

17.03.2006


Neue Erkenntnisse über die Verbreitung der Arten verbindet verschiedene Forschungsrichtungen - Veröffentlichung in The American Naturalist



Wie stark sich eine Vogelart verbreitet hat, hängt nach neuen Erkenntnissen im Wesentlichen von der Länge und der Form ihrer Flügel ab. Andere Faktoren sind demgegenüber unbedeutend. Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz haben alle 26 Vogelarten der Gattung der Grasmücken (Sylvia) vermessen und die Daten mit anderen Einflussfaktoren wie dem Alter der Vogelart oder der geographischen Lage ihres Heimatgebiets verglichen. "Wir waren von dem Ergebnis selbst verblüfft", sagte Univ.-Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese vom Institut für Zoologie. "Nur das Ausbreitungsvermögen, das von der Länge und Form der Flügel abhängt, bestimmt das Verbreitungsgebiet." Dieser Befund wird nach Einschätzung der Wissenschaftlerin nicht nur die aufgefächerten Fachgebiete in der Biologie wieder näher zusammenbringen, sondern hat auch für den Natur- und Artenschutz eine große Bedeutung. Die Studie wird im April 2006 in dem renommierten Fachjournal The American Naturalist veröffentlicht und ist vorab über den Onlinedienst des Journals einzusehen (http://www.journals.uchicago.edu/cgi-bin/resolve?id=doi:10.1086/501078).



Das Verbreitungsgebiet einer Tierart ist für Ökologie und Biogeographie eines der wichtigsten Merkmale. Bei den Grasmücken, einer Gattung kleiner, schlanker und unauffälliger Singvögel, ist das Verbreitungsgebiet sehr verschieden. Die Schuppengrasmücke ist auf Zypern heimisch und nirgends sonst zu finden. Die Gartengrasmücke hat ein Verbreitungsgebiet von Spanien bis in die Mongolei. Sylvia buryi ist eine Grasmückenart, die nur im Jemen und in Saudi-Arabien vorkommt, Sylvia boehmi nur in Ostafrika. Das kleinste Verbreitungsgebiet hat die Balearengrasmücke mit 4.400 Quadratkilometern, das größte die Klappergrasmücke mit über 20 Millionen Quadratkilometern.

Die Frage, warum manche Arten ein so kleines und andere ein so großes Verbreitungsgebiet haben, wurde bislang von Ökologen, Biogeographen und Phylogenetikern unterschiedlich beantwortet. Ökologen halten die Ausbreitungseigenschaften für das entscheidende Kriterium: Können die Vögel schnell über lange Strecken fliegen? Biogeographen sehen in dem Heimatgebiet den entscheidenden Faktor: Tropische Arten haben ein kleineres Verbreitungsgebiet, Arten der gemäßigten Zonen haben ein größeres Verbreitungsgebiet. Phylogenetiker betrachten das Alter der Arten und den Stammbaum: Junge Arten haben demnach ein kleineres Verbreitungsgebiet als alte Arten. Jede dieser Denkrichtungen kann für sich betrachtet plausible und stimmige Erklärungen für die Verbreitung der Arten liefern. Ob ein Kriterium wichtiger ist als ein anderes, konnte bisher nicht gesagt werden.

Die Mainzer Zoologen haben nun erstmals die unterschiedlichen Faktoren in einem statistischen Modell zusammengefasst und kamen zu überraschend eindeutigen Ergebnissen: "Nur das Ausbreitungsvermögen ist statistisch signifikant", so Böhning-Gaese, "das heißt das Alter der Art oder das Heimatgebiet in Tropen oder Außertropen spielt keine nennenswerte Rolle." Böhning-Gaese und ihre Mitarbeiter haben in drei Museen in zwei Ländern die Flügel aller 26 Grasmückenarten vermessen. Gute Flieger verfügen über lange, spitze Flügel; diese Tiere haben ein großes Verbreitungsgebiet. Kurze, runde Flügel kommen bei schlechten Fliegern mit einem kleinen Verbreitungsgebiet vor. Natürlich haben die Mainzer Vogelkundler auch Zusammenhänge zwischen den einzelnen Faktoren feststellen können: Alte Arten, die im Norden Europas heimisch sind, haben auch eher spitze, lange Flügel. "Aber die Flügellänge und die Form der Flügel sind eindeutig das entscheidende Kriterium dafür, wie groß das Verbreitungsgebiet einer Art ist."

Für Böhning-Gaese weisen die Ergebnisse weit über das eigentliche Sachgebiet hinaus. Moderne statistische Methoden und entsprechende Rechnerkapazitäten ermöglichen es nun, bislang getrennte Forschungsrichtungen wieder zusammenzubringen. "Wir werden wieder abrücken von der Aufsplitterung in der Biologie und die Ergebnisse einzelner Fachgebiete wieder zu einer Synthese zusammenführen. In zehn Jahren werden die Fachdisziplinen dann ganz anderes aussehen als heute." Davon profitieren könnte der Natur- und Artenschutz, indem die Risiken nun konkreter fassbar werden. Arten mit schlechtem Ausbreitungsvermögen und kleinem Verbreitungsgebiet könnten beispielsweise ganz schnell aussterben, wenn sie gestört werden. Die Schuppengrasmücke auf Zypern - ihr Alter wird auf über fünf Millionen Jahre geschätzt - könnte etwa wegen des schlechten Ausbreitungsvermögens durch weitere Hotelbauten oder neue militärische Auseinandersetzungen empfindlich gestört und sogar ausgerottet werden.

Der Beitrag erscheint in The American Naturalist unter dem Titel "Range Size: Disentangling Current Traits and Phylogenetic and Biogeographic Factors" von den Autoren K. Böhning-Gaese, T. Caprano, K. van Ewijk und M. Veith.

Kontakt und Informationen:
Univ.-Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese
Institut für Zoologie, Abt. V
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tel. 06131 39-23949 oder 06131 7209804
Fax 06131 39-23731
E-Mail: boehning@uni-mainz.de

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.oekologie.biologie.uni-mainz.de/commecol/main.html
http://www.journals.uchicago.edu/AN/index.html
http://www.journals.uchicago.edu/cgi-bin/resolve?id=doi:10.1086/501078

Weitere Berichte zu: Ausbreitungsvermögen Verbreitungsgebiet Vogelart

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht „Kiss and Run“ zur Abfallverwertung in der Zelle
14.02.2020 | Universitätsmedizin Mannheim

nachricht Kurze Impulse mit großer Wirkung
14.02.2020 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente menschliche Organe ermöglichen dreidimensionale Kartierungen auf Zellebene

Erstmals gelang es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, intakte menschliche Organe durchsichtig zu machen. Mittels mikroskopischer Bildgebung konnten sie die zugrunde liegenden komplexen Strukturen der durchsichtigen Organe auf zellulärer Ebene sichtbar machen. Solche strukturellen Kartierungen von Organen bergen das Potenzial, künftig als Vorlage für 3D-Bioprinting-Technologien zum Einsatz zu kommen. Das wäre ein wichtiger Schritt, um in Zukunft künstliche Alternativen als Ersatz für benötigte Spenderorgane erzeugen zu können. Dies sind die Ergebnisse des Helmholtz Zentrums München, der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Technischen Universität München (TUM).

In der biomedizinischen Forschung gilt „seeing is believing“. Die Entschlüsselung der strukturellen Komplexität menschlicher Organe war schon immer eine große...

Im Focus: Skyrmions like it hot: Spin structures are controllable even at high temperatures

Investigation of the temperature dependence of the skyrmion Hall effect reveals further insights into possible new data storage devices

The joint research project of Johannes Gutenberg University Mainz (JGU) and the Massachusetts Institute of Technology (MIT) that had previously demonstrated...

Im Focus: Skyrmionen mögen es heiß – Spinstrukturen auch bei hohen Temperaturen steuerbar

Neue Spinstrukturen für zukünftige Magnetspeicher: Die Untersuchung der Temperaturabhängigkeit des Skyrmion-Hall-Effekts liefert weitere Einblicke in mögliche neue Datenspeichergeräte

Ein gemeinsames Forschungsprojekt der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und des Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat einen weiteren...

Im Focus: Making the internet more energy efficient through systemic optimization

Researchers at Chalmers University of Technology, Sweden, recently completed a 5-year research project looking at how to make fibre optic communications systems more energy efficient. Among their proposals are smart, error-correcting data chip circuits, which they refined to be 10 times less energy consumptive. The project has yielded several scientific articles, in publications including Nature Communications.

Streaming films and music, scrolling through social media, and using cloud-based storage services are everyday activities now.

Im Focus: Nanopartikel können Zellen verändern

Nanopartikel dringen leicht in Zellen ein. Wie sie sich dort verteilen und was sie bewirken, zeigen nun erstmals hochaufgelöste 3D-Mikroskopie-Aufnahmen an BESSY II. So reichern sich bestimmte Nanopartikel bevorzugt in bestimmten Organellen der Zelle an. Dadurch kann der Energieumsatz in der Zelle steigen. „Die Zelle sieht aus wie nach einem Marathonlauf, offensichtlich kostet es Energie, solche Nanopartikel aufzunehmen“, sagt Hauptautor James McNally.

Nanopartikel sind heute nicht nur in Kosmetikprodukten, sondern überall, in der Luft, im Wasser, im Boden und in der Nahrung. Weil sie so winzig sind, dringen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Chemnitzer Linux-Tage am 14. und 15. März 2020: „Mach es einfach!“

12.02.2020 | Veranstaltungen

4. Fachtagung Fahrzeugklimatisierung am 13.-14. Mai 2020 in Stuttgart

10.02.2020 | Veranstaltungen

Alternative Antriebskonzepte, technische Innovationen und Brandschutz im Schienenfahrzeugbau

07.02.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

„Kiss and Run“ zur Abfallverwertung in der Zelle

14.02.2020 | Biowissenschaften Chemie

Kurze Impulse mit großer Wirkung

14.02.2020 | Biowissenschaften Chemie

ESO-Teleskop sieht die Oberfläche des schwächelnden Beteigeuze

14.02.2020 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics