Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Brachten Pilze den Sex in die Welt?

13.05.2003


Mikrobiologin der Uni Jena erforscht entwicklungsbiologische Zusammenhänge an Jochpilzen


Die Leiterin des Pilz-Referenz-Zentrums der Uni Jena, Dr. Kerstin Voigt. (Foto: Günther/FSU)


Sex unter Jochpilzen: Ähnlich wie bei der Verschmelzung von Ei und Samenzelle interagiert die Pilzart Syszygites megalocarpus sexuell und bildet eine Zygospore aus. (Foto: Voigt/FSU)



Wie viel Mensch steckt im Pilz und umgekehrt? Bei Pilzen fallen den Meisten spontan der lästige Fußpilz oder Schimmelpilze ein. Nützlich erscheinen sie uns lediglich für die Herstellung von Camembert oder wenn sie als Champignon oder Trüffel kulinarischen Genuss versprechen. Das sieht Dr. Kerstin Voigt von der Friedrich-Schiller-Universität anders. Für sie sind Pilze ein offenes Buch, in dem wir etwas über unsere eigene Entwicklung nachlesen können. "Wahrscheinlich liefern Pilze sogar den Schlüssel zur Frage, wie der Sex (die sexuelle Fortpflanzung) auf die Welt kam", berichtet die Biologin, die am Pilzreferenzzentrum der Uni Jena forscht.

... mehr zu:
»Fortpflanzung »Immunsystem »Jochpilze »Sex »Wirt


Viele Pilzarten zeichnen sich durch eine parasitische Lebensweise aus. Sexualität soll sich aus parasitären Systemen entwickelt haben. Ihre kürzlich vorgelegte Habilitation über Jochpilze - in der sie mittels genetischer Untersuchungen sowohl den verwandtschaftlichen Beziehungen der Pilze untereinander als auch zwischen Pilz und Mensch nachgeht - ist ein kleiner Baustein der verblüffenden Beweisführung, dass Pilze unsere Vorfahren sind.

"Rein evolutionsgenetisch sind Pilze dem Reich der Tiere, nicht dem der Pflanzen zuzuordnen", berichtet Voigt. Sie sind quasi "stationäre Tiere". Dabei stellen gerade die von ihr untersuchten Jochpilze entwicklungsbiologisch gesehen innerhalb der Pilze ein Bindeglied zu sich geschlechtlich fortpflanzenden Lebewesen dar. Ihre Vertreter leben parasitisch auf anderen Pilzen, auf Pflanzen und in Menschen mit schwachem Immunsystem. "Die Mechanismen, mit denen die Pilze ihren jeweiligen Wirt dazu "überreden", sie auf ihm leben zu lassen und nicht gleich zu vernichten sind dieselben, die sie auch zur geschlechtlichen Fortpflanzung untereinander befähigen", berichtet die Jenaer Mikrobiologin.

Die Pilze hatten ihren jeweiligen Wirt "zum Fressen gern" und wollten ihn daher möglichst lange am Leben erhalten. Indem die Urpilze auf Pilzen lebten, also auch ihre nächsten Verwandten ausnutzten, "erfanden sie den Sex". Denn sie begannen untereinander genetisches Material auszutauschen - sozusagen als Gastgeschenk, um den Wirt milde zu stimmen. Damit legten sie zum einen den Grundstein für ihre eigene weite Verbreitung. Im Lauf der Jahrhunderte überlebten sie in teils parasitisch, teils symbiotischen Lebensgemeinschaften. In Gemeinschaft mit Algen, nämlich als Flechten, konnten sie sogar die Gipfel des Himalaja stürmen. Zum anderen, so die Theorie der Evolutionsbiologen, wiesen sie den Weg aus der wenig flexiblen ungeschlechtlichen Reproduktionsmisere hin zur Artenvielfalt höher entwickelter Lebewesen durch geschlechtliche Fortpflanzung.

"Aber nicht nur die gemeinsamen Ursprünge von Pilzen und Menschen, sondern auch die Unterschiede hat Dr. Kerstin Voigt genauer untersucht. Denn was den Pilz zum Pilz macht und von uns Menschen unterscheidet, hilft auch bei seiner spezifischen Bekämpfung. Dabei ist die eigentliche Härte der Pilze, nämlich ihr robuster Chitinmantel, den sie mit den Krebsen und Insekten gemein haben, ihre Schwäche. Denn Substanzen, die die Bildung der "Chitin-Schutzhaut" hemmen, eignen sich als Wirkstoff für Antipilzmedikamente. Solche spezifischen Antimykotika könnten Menschen mit schwachem Immunsystem, deren Lungen von gewissen Arten der Mucorales (einer Jochpilzordnung) befallen sind, im wahrsten Sinne des Wortes aufatmen lassen. Bisher wird befallenes Gewebe chirurgisch entfernt oder mit unspezifischeren Mitteln therapiert, die auch das Lungengewebe selbst schädigen. Die breit angelegte Habilitations-Arbeit von Dr. Kerstin Voigt liefert daher neben den verblüffenden entwicklungsbiologischen Argumenten auch Ansätze für die Diagnose und Therapie von Pilzerkrankungen. Eine Symbiose von Grundlagen- und angewandter Forschung oder doch Parasitismus?

Kontakt:

PD Dr. Kerstin Voigt
Pilz-Referenz-Zentrum am Institut für Mikrobiologie der Universität Jena
Neugasse 24, 07743 Jena
Tel.: 03641 - 949321
E-Mail: b5kevo@uni-jena.de

Monika Paschwitz | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Berichte zu: Fortpflanzung Immunsystem Jochpilze Sex Wirt

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Risikofaktor für Darmkrebs entschlüsselt
13.07.2018 | Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung

nachricht Algen haben Gene fürs Landleben
13.07.2018 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Im Focus: Magnetische Wirbel: Erstmals zwei magnetische Skyrmionenphasen in einem Material entdeckt

Erstmals entdeckte ein Forscherteam in einem Material zwei unabhängige Phasen mit magnetischen Wirbeln, sogenannten Skyrmionen. Die Physiker der Technischen Universitäten München und Dresden sowie von der Universität zu Köln können damit die Eigenschaften dieser für Grundlagenforschung und Anwendungen gleichermaßen interessanten Magnetstrukturen noch eingehender erforschen.

Strudel kennt jeder aus der Badewanne: Wenn das Wasser abgelassen wird, bilden sie sich kreisförmig um den Abfluss. Solche Wirbel sind im Allgemeinen sehr...

Im Focus: Neue Steuerung der Zellteilung entdeckt

Wenn eine Zelle sich teilt, werden sämtliche ihrer Bestandteile gleichmässig auf die Tochterzellen verteilt. UZH-Forschende haben nun ein Enzym identifiziert, das sicherstellt, dass auch Zellbestandteile ohne Membran korrekt aufgeteilt werden. Ihre Entdeckung eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krebs, neurodegenerative Krankheiten, Alterungsprozessen und Virusinfektionen.

Man kennt es aus der Küche: Werden Aceto balsamico und Olivenöl miteinander vermischt, trennen sich die beiden Flüssigkeiten. Runde Essigtropfen formen sich,...

Im Focus: Magnetic vortices: Two independent magnetic skyrmion phases discovered in a single material

For the first time a team of researchers have discovered two different phases of magnetic skyrmions in a single material. Physicists of the Technical Universities of Munich and Dresden and the University of Cologne can now better study and understand the properties of these magnetic structures, which are important for both basic research and applications.

Whirlpools are an everyday experience in a bath tub: When the water is drained a circular vortex is formed. Typically, such whirls are rather stable. Similar...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

Materialien für eine Nachhaltige Wasserwirtschaft – MachWas-Konferenz in Frankfurt am Main

11.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Maschinelles Lernen: Neue Methode ermöglicht genaue Extrapolation

13.07.2018 | Informationstechnologie

Fachhochschule Südwestfalen entwickelt innovative Zinklamellenbeschichtung

13.07.2018 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics