Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Reform der Reform

26.05.2010
Die neu geordnete gymnasiale Oberstufe auf dem Prüfstand der empirischen Bildungsforschung

Die gymnasiale Oberstufe wird derzeit in vielen Bundesländern einer einschneidenden Reform unterzogen. In deren Zentrum steht die Stärkung der Leistungen in Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen. Baden-Württemberg hat in diesem Prozess eine Vorreiterrolle eingenommen.

Wie die Ergebnisse einer empirischen Vergleichsstudie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Universität Tübingen zeigen, ist ein moderater Anstieg der Mathematikleistungen bei den Baden-Württembergischen Abiturienten zu verzeichnen. Eine ebenfalls erhoffte Leistungssteigerung in Englisch blieb dagegen aus. Die Wissenschaftler sehen einen hohen Bedarf für weitere Untersuchungen, die alle Auswirkungen der Oberstufenreform - zum Beispiel auf andere Fächer und die allgemeine Studierfähigkeit - beleuchten.

Nahezu geräuschlos vollzieht sich derzeit in vielen Bundesländern die Reform der gymnasialen Oberstufe. Im Zentrum steht die Abkehr vom Kurssystem hin zur Wiedereinführung stärker kanonförmiger Oberstufenmodelle, die die Unterscheidung von Grund- und Leistungskursen weitgehend aufheben, die Zahl der Prüfungsfächer im Abitur heraufsetzen und Wahlfreiheiten für die Oberstufenschülerinnen und –schüler beschneiden. Ermöglicht wurden diese Veränderungen durch die Husumer Vereinbarung der Kultusministerkonferenz zur gymnasialen Oberstufe vom 22. Oktober 1999. Aber führen diese einschneidenden Veränderungen tatsächlich zur der gewünschten Stärkung und Vereinheitlichung der Kompetenzen der Abiturienten in den traditionellen Kernbereichen des Gymnasiums - Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen – sowie einer stärkeren Betonung der Naturwissenschaften? Und sind die Abiturienten jetzt besser oder schlechter auf ihre späteren Studienfächer an den Universitäten vorbereitet?

Wissenschaftler des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Universität Tübingen sind diesen Fragen nachgegangen und haben die neu geordnete gymnasiale Oberstufe einer Prüfung unterzogen. Möglich wurde der empirische Vergleich der Leistungen vor und nach der Reform durch einen besonderen Umstand. Bereits im Schuljahr 2001/2002 führte das MPI für Bildungsforschung im Abschlussjahrgang der allgemeinbildenden und beruflichen Gymnasien Baden-Württembergs eine Studie (TOSCA-2002) mit mehr als 5.000 Schülern von 150 Schulen durch, bei der unter anderem Kenntnisse in Mathematik und Englisch, die Vorbereitung auf das Studium sowie die Studienfachwahl durch die Abiturienten untersucht wurde. Durch eine Wiederholung der TOSCA-Studie im Schuljahr 2005/06 (TOSCA-2006), ließ sich die einmalige Chance nutzen, die Effekte der zwischenzeitlich erfolgten Veränderung in der Organisation der gymnasialen Oberstufe auf das Leistungsniveau und die Studierfähigkeit der Abiturienten zu untersuchen.

Moderate Leistungsanstiege in Mathematik
Die bisher vorliegen Befunde zeigen ein differenziertes Bild: Bei den Mathematikleistungen Baden-Württembergischer Abiturienten war ein moderater Anstieg bei gleichzeitiger Homogenisierung zu verzeichnen. Dagegen ließen sich die erhofften Steigerungen bei den Englischleistungen nicht nachweisen, obwohl es zu einer Abnahme von Leistungsunterschieden kam. Auch bei der naturwissenschaftlichen Grundbildung fand sich kein positiver Effekt auf die Leistung. „Eine Bewertung, inwieweit die gemessene Steigerung der Mathematikleistung auch von praktischer Bedeutung ist, ist derzeit nur begrenzt möglich“, erläutert Prof. Ulrich Trautwein von der Universität Tübingen. „Um beurteilen zu können, ob die Abiturientinnen und Abiturienten nach der Reform besser vorbereitet an die Hochschulen kommen, sind weitere empirische Untersuchungen unbedingt erforderlich.“ Trautwein weist darüber hinaus darauf hin, dass auch mögliche unerwünschte Auswirkungen, zum Beispiel auf die Fachleistungen in Gesellschaftswissenschaften und im künstlerisch-musischen Bereich, untersucht werden sollten.
Mehrheit der Abiturienten hätte die gymnasiale Oberstufe lieber unter bisherigen Bedingungen durchlaufen

Auch die Bewertung der Reform durch die betroffenen Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte fiel differenziert aus. Während Abiturienten und Mathematikfachleiter die Auswirkungen der Neuordnung insgesamt eher negativ einschätzten, fiel das Globalurteil der befragten Schulleiter deutlich positiver aus. Die Mehrheit der Abiturienten hätte jedoch die gymnasiale Oberstufe lieber unter bisherigen Bedingungen durchlaufen.

Die vollständigen Ergebnisse der sogenannten TOSCA-Repeat-Studie erscheinen Anfang Juli 2010 unter dem Titel „Schulleistungen von Abiturienten: Die neu geordnete gymnasiale Oberstufe auf dem Prüfstand“ im VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden. Herausgeber: Ulrich Trautwein, Marko Neumann, Gabriel Nagy, Oliver Lüdtke und Kai Maaz.

ISBN 978-3-531-17586-7

Dr. Petra Fox-Kuchenbecker | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpib-berlin.mpg.de
http://www.tosca.mpg.de/tosca/anlage/tosca-repeat/index.html
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Das Schulbuch wird digital
21.08.2019 | Universität Siegen

nachricht Forschungsunterstützung durch Ghostwriter
21.08.2019 | Dr. Franke / Thoxan

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Controlling superconducting regions within an exotic metal

Superconductivity has fascinated scientists for many years since it offers the potential to revolutionize current technologies. Materials only become superconductors - meaning that electrons can travel in them with no resistance - at very low temperatures. These days, this unique zero resistance superconductivity is commonly found in a number of technologies, such as magnetic resonance imaging (MRI).

Future technologies, however, will harness the total synchrony of electronic behavior in superconductors - a property called the phase. There is currently a...

Im Focus: Ultraschneller Blick in die Photochemie der Atmosphäre

Physiker des Labors für Attosekundenphysik haben erkundet, was mit Molekülen an den Oberflächen von nanoskopischen Aerosolen passiert, wenn sie unter Lichteinfluss geraten.

Kleinste Phänomene im Nanokosmos bestimmen unser Leben. Vieles, was wir in der Natur beobachten, beginnt als elementare Reaktion von Atomen oder Molekülen auf...

Im Focus: Wie entstehen die stärksten Magnete des Universums?

Wie kommt es, dass manche Neutronensterne zu den stärksten Magneten im Universum werden? Eine mögliche Antwort auf die Frage nach der Entstehung dieser sogenannten Magnetare hat ein deutsch-britisches Team von Astrophysikern gefunden. Die Forscher aus Heidelberg, Garching und Oxford konnten mit umfangreichen Computersimulationen nachvollziehen, wie sich bei der Verschmelzung von zwei Sternen starke Magnetfelder bilden. Explodieren solche Sterne in einer Supernova, könnten daraus Magnetare entstehen.

Wie entstehen die stärksten Magnete des Universums?

Im Focus: How Do the Strongest Magnets in the Universe Form?

How do some neutron stars become the strongest magnets in the Universe? A German-British team of astrophysicists has found a possible answer to the question of how these so-called magnetars form. Researchers from Heidelberg, Garching, and Oxford used large computer simulations to demonstrate how the merger of two stars creates strong magnetic fields. If such stars explode in supernovae, magnetars could result.

How Do the Strongest Magnets in the Universe Form?

Im Focus: Wenn die Erde flüssig wäre

Eine heisse, geschmolzene Erde wäre etwa 5% grösser als ihr festes Gegenstück. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie unter der Leitung von Forschenden der Universität Bern. Der Unterschied zwischen geschmolzenen und festen Gesteinsplaneten ist wichtig bei die Suche nach erdähnlichen Welten jenseits unseres Sonnensystems und für das Verständnis unserer eigenen Erde.

Gesteinsplaneten so gross wie die Erde sind für kosmische Massstäbe klein. Deshalb ist es ungemein schwierig, sie mit Teleskopen zu entdecken und zu...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Bildung.Regional.Digital: Tagung bietet Rüstzeug für den digitalen Unterricht von heute und morgen

10.10.2019 | Veranstaltungen

Zukunft Bau Kongress 2019 „JETZT! Bauen im Wandel“

10.10.2019 | Veranstaltungen

Aktuelle Trends an den Finanzmärkten im Schnelldurchlauf

09.10.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer IZM setzt das E-Auto auf die Überholspur

11.10.2019 | Energie und Elektrotechnik

IVAM-Produktmarkt auf der COMPAMED 2019: Keine Digitalisierung in der Medizintechnik ohne Mikrotechnologien

11.10.2019 | Messenachrichten

Kryptografie für das Auto der Zukunft

11.10.2019 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics