Dem hohen Export auf der Spur

Der Präsident der USA Donald Trump hat Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte verhängt. Grund dafür sind unter anderem Deutschlands hohe Exporte und die Angst um den Verlust von weiteren Arbeitsplätzen. Und auch in der Europäischen Union (EU) steht Deutschland wegen seiner hohen Ausfuhren unter Beschuss. Denn hohe deutsche Exportzahlen bedeuten für ein anderes Land ein hohes Exportdefizit, sprich es importiert mehr als es ausführt.

„Es gibt den Irrglauben: Mehr zu exportieren als zu importieren ist gut, weil es Leistungsstärke zeigt“, sagt Professor Eric Mayer, Leiter der Arbeitsgruppe Empirische Wirtschaftsforschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). „Allerdings wird hierbei häufig übersehen, dass der Überschuss pathologische Ursachen haben kann, wie etwa eine zu geringe Inlandsnachfrage, die auf eine Investitionsschwäche im Unternehmenssektor oder aber mangelnde Lohndynamik hindeutet.“

Doch Ausfuhren sind nur ein Faktor des Leistungsbilanzsaldos. Dieser setzt sich aus allen deutschen Einnahmen und Ausgaben zusammen. Gemäß dem „Makroökonomischen Ungleichgewichtsverfahren“, das die Europäische Union als Reaktion auf die Eurokrise im Herbst 2011 etabliert hat, um gesamtwirtschaftliche Gefahrenherde in der Union frühzeitig zu identifizieren, gilt ein Überschuss von sechs Prozent als die kritische Schwelle.

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) liegt Deutschlands Überschuss seit 2011 nun schon im siebten Jahr in Folge bei deutlich über sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das entspricht für 2017 etwa 258 Milliarden Euro.

Geringe Lohnerhöhungen

Je nachdem wen man fragt, bekomme man unterschiedliche Erklärungen, weshalb die deutschen Exportzahlen so hoch sind, sagt Mayer. Ein Unternehmer würde typischerweise sagen, dass deutsche Produkte im Preis-Leistungsverhältnis so gut sind und deshalb im Ausland gerne gekauft würden. Im europäischen Ausland hingegen sehe man den lahmenden deutschen Binnenmarkt, also die Nachfrage nach eigenen Produkten, zu wenig gefördert. Vor diesem Hintergrund schlägt die Europäische Kommission staatliche Investitionen in Infrastruktur und Bildung vor, um die Binnenkonjunktur anzuschieben. Laut Mayer ist das zwar eine gute Idee und kann kurzfristig auch helfen. Allerdings erhöhen diese Maßnahmen mittelfristig die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und verschärfen das Problem weiter, anstelle es zu lösen, erklärt der Professor.

„Was die Gemüter erhitzt, ist die Frage, ob die hohen Überschüsse mit unlauteren Mitteln zustande kommen“, sagt Mayer. Unlautere Mittel sind beispielsweise staatliche Subventionen, ein unterbewerteter Euro oder nicht tarifäre und tarifäre Handelshemmnisse. „Diese Methoden werden Deutschland im Allgemeinen nicht vorgeworfen, wenngleich auch Donald Trump genau diese kritisiert. Was Deutschland aber schon seit längerem vor allen Dingen von europäischen Partnern vorgeworfen würde, seien zu geringe Lohnerhöhungen. „Zu niedrige Lohnabschlüsse führen dazu, dass Produkte vergleichsweise günstig angeboten werden können und somit Marktanteile gewinnen, zu Lasten der ausländischen Konkurrenz. Deshalb besteht auch immer die Gefahr, dass ein ausufernder Exportüberhang Arbeitsplätze im europäischen Ausland vernichtet“, erklärt Mayer.

Firmen legen mehr Geld zurück

Alternativ und ergänzend zu diesen Ansätzen konzentrieren sich die Forscher der JMU auf das veränderte Spar- und Investitionsverhalten der deutschen Firmen. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss und die damit einhergehenden Kapitalexporte ins Ausland sind zwei Seiten derselben Medaille. „Es ist heute Konsens unter Ökonomen, dass die Eurokrise von 2011 eine Verschuldungskrise war“, sagt der Würzburger Forscher. Kapitalexporte aus Kerneuropa hätten die Kreditverfügbarkeit für Staaten und Haushalte in der Peripherie Europas dramatisch erhöht und die Immobilienmärkte überhitzt. Deshalb liegt ein Hauptaugenmerk von Mayers Forschungsprojekt auf einem Hauptverursacher der deutschen Sparüberschüsse, dem deutschen Unternehmenssektor.

Typischerweise seien Unternehmen in der Volkswirtschaft Nettoschuldner, die zur Finanzierung von Investitionen insbesondere auf den Bankensektor angewiesen seien, sagt Mayer. Dies hätte sich in den letzten Jahren allerdings drastisch geändert, sagt Mayer. Die Firmen hätten sich zum Nettosparer entwickelt. Insbesondere in Deutschland war die Dynamik vom Nettoschuldner zum Nettosparer ausgeprägter als in anderen europäischen Ländern.

„Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Firmen ihre Sparüberschüsse nicht vollständig investieren, sondern vor allem als liquide Mittel in der Firma horten“, sagt Eric Mayer. Das heiße, sie zahlen ihre Überschüsse nicht an Anteilseigner aus, sondern legen sie zurück. Zwar bekommen auch die Unternehmen kaum Zinsen auf ihr Geld, doch diese Rücklagen seien „eine Art Vorsichtsparen“, sagt Mayer. Den Firmen fehle nach der Finanzkrise immer noch das Vertrauen in die Banken, deshalb sparen sie ihre Überschüsse lieber intern.

Aber auch eine Steuerreform von 2001 förderte dieses Verhalten. Diese Reform begünstige Betriebe steuerlich, die ihr Geld anhäuften anstatt es auszuschütten. „Durch dieses Geldhorten im Firmensektor schwächen die Firmen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, auch deshalb, weil sie die Überschüsse nicht im Inland investieren“, sagt Mayer. Durch diesen Nachfrageausfall ginge die Inlandsnachfrage zurück und schlage sich im Leistungsbilanzüberschuss nieder.

So viel wie möglich lernen

Welchen Anteil das veränderte Sparverhalten der Unternehmen am Überschuss hat, möchten die Forscher der JMU jetzt herausfinden. „Am Ende wollen wir dann erklären können, wie viel Prozent des Leistungsbilanzüberschusses durch das Sparverhalten der Firmen erklärt werden kann“, sagt Mayer und ergänzt: „Die Frage ist, ob Deutschland mit seinem Überhang und seinem Verhalten den Rest der EU an die Wand fährt.“

„Wir wollen bei unserem Forschungsprojekt so viel wie möglich über den Leistungsbilanzüberschuss lernen“, sagt er. Dafür betrachten die Wirtschaftswissenschaftler in den nächsten drei Jahren gesamtwirtschaftliche und firmenspezifische Daten an. „Wir schauen uns zum Beispiel Daten an, wie viel die Betriebe zurücklegen, wie sich der Lohn entwickelt hat, welche Inlandsinvestitionen gemacht wurden und natürlich auch den Leistungsbilanzsaldo.“ Eric Mayer führt das Forschungsprojekt zusammen mit dem ifo Zentrum für Konjunkturforschung und Befragungen durch. Finanzielle Förderung erhalten sie von der Deutschen Bundesbank.

Kontakt

Apl. Prof. Dr. Eric Mayer, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen, T.: +49 931 31-82948, eric.mayer@uni-wuerzburg.de

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Gunnar Bartsch idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Informationen:

http://www.uni-wuerzburg.de

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