Vor dem Umschwung?

Deutschland ist nach der Jahresmitte 2001 in eine bislang milde Rezession geraten. Das BIP-Wachstum betrug im Jahresdurchschnitt nur noch 0,6 %. Es wird auch im ersten Halbjahr 2002 schwach bleiben, sich im zweiten aber deutlich erhöhen. Im Jahresdurchschnitt beläuft sich die Zunahme wegen der Schwäche in der ersten Jahreshälfte nur auf 0,8 %. Trotz der Erholung wird der Arbeitsmarkt zunächst noch nicht entlastet: Vielmehr erhöht sich die Zahl der Arbeitslosen um 70 000 und damit mehr, als die Beschäftigung sinkt. Der Preisauftrieb schwächt sich weiter ab (1,6 %). 2003 gewinnt die gesamtwirtschaftliche Produktion an Dynamik und Breite; auch die Bauwirtschaft trägt hierzu bei. Im Jahresdurchschnitt dürfte das BIP um 2,6 % wachsen, die Beschäftigung um 250 000 Personen zunehmen; die Zahl der Arbeitslosen sinkt um 200 000 auf 3,72 Mill. Die Teuerung zieht etwas an (1,8 %).

Das konjunkturelle Umfeld stellt sich im Prognosezeitraum insgesamt wieder günstiger dar. Ursache sind insbesondere die außenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Auch entfalten nun die expansiven Impulse der Geldpolitik des vergangenen Jahres ihre volle Wirkung. Zudem entwickeln sich die Lohnstückkosten wieder günstiger. Die Finanzpolitik hingegen wirkt restriktiv.

Allerdings ist das Risiko einer Verschärfung der Rezession in den kommenden Monaten nicht unerheblich, zumal die Prognoseunsicherheit in Umschwungphasen beträchtlich ist. Insbesondere besteht aber die Gefahr, dass sich die Abwärtstendenzen in den großen Industrieländern gegenseitig verstärken und somit die globale Nachfrage kumulativ weiter zurückgeht. Zwar hat die Wirtschaftspolitik in den Vereinigten Staaten inzwischen massiv reagiert, sowohl in der Geld- als auch in der Fiskalpolitik. Ob es damit aber gelingt, die Nachfrageschwäche sehr rasch zu überwinden, ist keineswegs sicher.

Was kann die Wirtschaftspolitik tun? Nach der Selbstverpflichtung der Bundesregierung gegenüber dem EU-Ministerrat, das öffentliche Budget bis 2004 nahezu auszugleichen, sind in der Finanzpolitik keine Möglichkeiten zur Stimulierung mehr zu sehen. Umso mehr sollte deshalb die EZB ihren durchaus vorhandenen Spielraum für Zinssenkungen – der mindestens einen halben Prozentpunkt beträgt – recht bald nutzen, zumal sich keine Inflationstendenzen abzeichnen und die Wirkungsverzögerung beträchtlich ist. Die Tarifpolitik muss weiterhin am Ziel der Beschäftigungsausweitung orientiert sein, also ihren moderaten Kurs fortsetzen. Die gegenwärtig aufgestellten Lohnforderungen werden sich zwar wiederum nur zum Teil materialisieren. Angesichts der beschriebenen Risiken sind sie aber alles andere als hilfreich.

Eckwerte der Prognose für 2002 und 2003
2001 bis 2003
Stand: Januar 2002
2001 2002 2003
Bruttoinlandsprodukt1, Veränderung in %0,6 0,8 2,6
Erwerbstätige2, in 1 000 38 761 38 750 39 000
Arbeitslose3, in 1 000 3 852 3 920 3 720
Arbeitslosenquote4, in % 9,1 9,2 8,7
Verbraucherpreise5, Veränderung in % 2,5 1,6 1,8
Lohnstückkosten6, Veränderung in % 1,2 1,5 0,6
Finanzierungssaldo des Staates7, in Mrd. E -53,9 -46 -38
Leistungsbilanzsaldo8, in Mrd. E 11,1 -5 0
Eigene Berechnungen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes, der Deutschen Bundesbank und der Bundesanstalt für Arbeit; 2002 und 2003 eigene Schätzung; Angaben gerundet; Veränderung jeweils gegenüber dem Vorjahr. – 1In Preisen von 1995. – 2Im Inland. – 3Nationale Abgrenzung. – 4Bezogen auf inländische Erwerbspersonen. – 5Preisindex für die Lebenshaltung aller privaten Haushalte. – 6Arbeitnehmerentgelt je Beschäftigten bezogen auf das reale Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen. – 7In der Abgrenzung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. – 8In der Abgrenzung der Zahlungsbilanzstatistik.

(aus: RWI-Konjunkturberichte 2/2001)
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Dr. Elke Schäfer-Jäckel, Tel.: (0201) 81 49-296
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