US-Kinder schlucken zu viele Vitaminpillen

Viele der Kinder, die in den USA regelmäßig Vitaminpräparate nehmen, brauchen diese eigentlich gar nicht. Diejenigen, bei denen der Einsatz von Pillen sinnvoll wäre, nehmen sie hingegen nicht.

Dieses Missverhältnis von Bedarf und Versorgung von Nahrungsergänzungsmitteln zeigt eine Untersuchung von 11.000 Kindern durch Kinderärzte der University of California, die im Journal „Archives of Pediatric and Adolescent Medicine“ veröffentlicht wurde. „In Europa ist die Situation anders“, betont Sonja Schwinger, Ernährungsmedizinerin mit Schwerpunkt Vitalstoffe, im pressetext-Interview.

In den USA gebe es zahlreiche eigene Geschäfte für Nahrungsergänzungsmittel und selbst Vitamintabletten neben dem Hotelfrühstücksteller seien keine Seltenheit. Europäische Eltern würden ihren Kindern jedoch kaum ohne ärztliche Rücksprache Vitamine verabreichen, so die Wiener Medizinerin.

Jedes dritte Kind in den USA schluckt regelmäßig Vitaminpillen und Minalstoffpräparate, doch sei dies laut den Forschungsleitern meistens überflüssig. Denn wer seinen Kindern zusätzlich Vitamine verabreicht, achtet in der Regel mehr auf gesunde Ernährung und aktiven Lebensstil und verfügt darüber hinaus über beste medizinische Versorgung. Besonders untergewichtige Kinder gehören in diese Gruppe. Kinder aus sozial schwachen Milieus erhalten hingegen viel seltener Nahrungsergänzungsmittel, auch wenn Vitamine für sie laut Studienautoren eine sinnvolle Ergänzung wären. „Sinnvoll wäre die Verabreichung bei Kindern, die wegen schlechter Ernährung und fehlender Bewegung schon massives Übergewicht haben und medizinisch unterversorgt sind“, so das Resümee der Studienautoren.

Besser als Vitamingabe an Kinder sei die ausgewogene Kost, betont Schwinger. „Wer auf seine Ernährung achtet, schaut auch auf die der Kinder.“ Die Gewohnheit eines Landes bestimme, ob man Vitamine verabreiche. „In Europa stellt sich oft das Problem, wie man Kindern mit einer Mangelerscheinung die vom Arzt verschriebenen Ergänzungsmittel verabreicht. Denn Kinder schlucken nicht gerne Kapseln, außerdem schmecken sie nicht gut.“ Süßigkeiten, die Vitamingehalt anpreisen, sieht Schwinger als Gewissensberuhigung der Eltern, ohne dass sie tatsächlich einen Mangel beheben könnten.

Schwinger beobachtet bei einem Großteil ihrer Patienten einen Mangel an Vitamin D und Selen. Wie auf den Mangel korrekt zu reagieren sei, sei eine Frage von Prinzipien, in Deutschland überlege man die Vitaminanreicherung von Lebensmitteln. „Man wünscht sich oft, für jeden dasselbe Patentrezept zu haben. Doch neben der Nahrung ist auch die Verdauung ein wichtiger Faktor, der bei jedem Mensch unterschiedlich ist.“ Viele Mangelzustände seien zudem hausgemacht. „Kinder mit einer hohen Infektanfälligkeit werden oft mit Antibiotika bombardiert. Diese schlagen sich jedoch schnell auf Verdauung und Magen um“, kritisiert die Wiener Ernährungsmedizinerin.

Problematisch sei auch die Einnahme von Monopräparaten über längeren Zeitraum. „Eine Kalziumeinnahme bei Osteoporose verschiebt den Mineralhaushalt des Körpers und erfordert langfristig auch mehr Magnesium. Ebenso kann die Empfehlung eines Friseurs, bei Haarausfall mehr Zink einzunehmen, zu einem Kupfermangel führen.“ Diese Folgewirkungen würde die Medizin zu wenig ernst nehmen, bemerkt Schwinger abschließend gegenüber pressetext.

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Johannes Pernsteiner pressetext.austria

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