Krankenhausinfektionen vermeiden

In dem jetzt gestarteten Projekt sollen in den kommenden vier Jahren circa 75.000 Patienten des Uniklinikums Jena erfasst und systematisch auf Krankenhausinfektionen untersucht werden. Bestandteil dieser deutschlandweit größten Präventionsstudie zu Krankenhausinfektionen sind umfassende Fortbildungsmaßnahmen und die Bewertung der Wirksamkeit dieser Maßnahmen.

In Deutschland erkranken jährlich 400.000 bis 600.000 Menschen an nosokomialen Infektionen, an Infektionen, die sie im Zusammenhang mit einer Behandlung im Krankenhaus erwerben. Längst nicht alle dieser Infektionen sind vermeidbar: Lebensnotwendige Maßnahmen der modernen Medizin wie Beatmung oder Venenkatheter erhöhen das Infektionsrisiko, und das bei immer älteren, häufig chronisch kranken, mehrfach verletzten oder immun geschwächten Patienten. Schlimmstenfalls entwickelt sich aus der Infektion eine lebensgefährliche Sepsis. Schätzungen zufolge versterben jedes Jahr 7.500 bis 15.000 Menschen an den Folgen von Krankenhausinfektionen.

Ziel: Infektionsrate um 20% verringern

„Etwa ein Drittel der Krankenhausinfektionen gilt als vermeidbar; wir wollen ein wirksames Präventionsprogramm entwickeln und so die Rate der Krankenhausinfektionen um mindestens 20% reduzieren“, beschreibt Professor Dr. Frank Brunkhorst das Ziel der ALERTS-Studie. Der Intensivmediziner und Sepsisspezialist leitet das auf vier Jahre angelegte Großprojekt des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums für Sepsis und Sepsisfolgen CSCC am Universitätsklinikum Jena.

Zunächst werden ein Jahr lang alle Krankenhausinfektionen erfasst. „Sobald bei einem Patienten während der stationären Behandlung eine Therapie mit einem Antibiotikum begonnen wird bzw. die Art eines verschriebenen Antibiotikums geändert wird, nehmen wir ihn in unsere Untersuchung auf“, erklärt Studienleiter Dr. Stefan Hagel den Ablauf. In einem zweiten Studienabschnitt werden bewährte und neue Präventionsmaßnahmen klinikumsweit eingeführt. Dazu gehören die Optimierung von Arbeitsabläufen mit Hilfe von Checklisten, spezielle Schulungen für Ärzte und Pflegende, der Verzicht auf Katheter, wann immer es möglich ist, und natürlich eine effektive Händehygiene. „Wir wollen vor allem diejenigen Faktoren erkennen und bekämpfen, die der strengen Befolgung der meist bestens bekannten Hygieneregeln im Klinikalltag entgegenstehen “, so Stefan Hagel. „Unser Ziel sind pragmatische, auf den jeweiligen Bereich und seine Patientengruppe zugeschnittene Infektionspräventionskonzepte, die sich im Stationsalltag auch umsetzen lassen.“

Gesamtes Klinikum einbezogen

Wie wirksam diese Präventionsmaßnahmen sind, wird anschließend in einer erneuten zweijährigen Erfassung der Krankenhausinfektionen am gesamten Universitätsklinikum überprüft. Mit diesem Umfang ist die ALERTS-Studie einzigartig, bisher wurden nur jeweils einzelne Maßnahmen und spezielle Patientengruppen untersucht. Zwölf Kliniken des Universitätsklinikums nehmen an der Studie teil, alle betroffenen Berufsgruppen, Ärzte, Pflegekräfte bis hin zum Reinigungspersonal sind einbezogen. „Das zeigt die breite Unterstützung für das Projekt und welchen Stellenwert die Infektionsprävention am Universitätsklinikum Jena hat“, betont der Medizinische Vorstand, Prof. Dr. Klaus Höffken.

Ergänzt wird ALERTS von begleitenden Untersuchungen. So sollen die Jenaer Daten auch dazu genutzt werden, um zuverlässige Zahlen zu den Kosten zu erhalten, die durch Krankenhausinfektionen verursacht werden. Vorsichtige Schätzungen aus den USA beziffern die dort durch nosokomiale Infektionen entstehenden Mehrkosten auf jährlich bis zu 30 Milliarden USD. Die umfassende labordiagnostische Aufarbeitung des erhobenen Untersuchungsmaterials soll zur Prävention und Früherkennung beitragen. Die Wissenschaftler suchen nach Laborparametern, anhand derer sich Patienten mit einem besonders hohen Risiko für Infektionen und daraus entstehender Sepsis erkennen lassen, und nach Biomarkern, die auf eine beginnende Sepsis hinweisen.

ALERTS wird im Rahmen des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum für Sepsis und Sepsisfolgen mit 1,8 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und von internationalen Experten, u.a. von dem Nationalen Referenzzentrum (NRZ) für Surveillance von nosokomialen Infektionen in Berlin beratend unterstützt.

Kontakt:
Prof. Dr. med. Frank Martin Brunkhorst
Dr. med. Stefan Hagel
IFB Sepsis & Sepsisfolgen
Universitätsklinikum Jena
Tel: 03641/9 32 45 90
E-Mail: ALERTS[at]med.uni-jena.de
Center for Sepsis Control and Care CSCC
Die Ärzte und Forscher des Zentrums für Sepsis und Sepsisfolgen CSCC am Universitätsklinikum Jena arbeiten an der Verringerung von Sepsiserkrankungen, ihrer Sterblichkeit und ihrer Folgeschäden. Sie erforschen die Krankheitsmechanismen, um neue Diagnose- und Therapieverfahren zu entwickeln. In großen klinischen Studien führen sie Qualitätsstandards für die Prävention, Akut-Behandlung und Nachsorge der Sepsis ein und evaluieren diese. Das von Intensivmedizinern, Internisten, Chirurgen und Neurologen getragene Zentrum in Jena ist eines von bundesweit acht Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren. Es wird bis 2015 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 23 Millionen Euro gefördert.

Gegenwärtig gibt es im CSCC 43 Forschungsprojekte, darunter 17 klinische Studien und 11 Einzelprojekte von Nachwuchswissenschaftlern. 7 Forschergruppen wurden etabliert, 37 Doktoranden bearbeiten ein Promotionsthema im Rahmen des CSCC.

Media Contact

Dr. Uta von der Gönna Universitätsklinikum Jena

Weitere Informationen:

http://www.cscc.uniklinikum-jena.de/

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