Erwerbsminderung: Niedrig Qualifizierte tragen bis zu 10-mal höheres Risiko als Akademiker

Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler vom Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin, des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA), des Robert Koch-Instituts (RKI) und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Ein Aufsatz zu ihrer Untersuchung ist in den WSI Mitteilungen erschienen, der Fachzeitschrift des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung.*

Fast jeder fünfte Deutsche, der heute in Rente geht, hat sein Arbeitsleben aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig beenden müssen. Knapp 20 Prozent der Neu-Ruheständler beziehen eine Erwerbsminderungsrente, nachdem in einem strengen Verfahren festgestellt wurde, dass sie zu krank sind, um regulär weiterzuarbeiten. Meist tritt eine teilweise oder vollständige Erwerbsminderung bei Beschäftigten jenseits der 50 auf. So bezogen beispielsweise im Jahr 2008 unter 1.000 aktiv Versicherten der Gesetzlichen Rentenversicherung im Alter von 45 Jahren weniger als fünf erstmals eine Erwerbsminderungsrente. Unter den 58-Jährigen waren es schon gut dreimal so viele.

Das Alter ist jedoch keineswegs der einzige Faktor, macht die aktuelle Studie von Dr. Christine Hagen, PD Dr. Ralf K. Himmelreicher, Daniel Kemptner und Dr. Thomas Lampert deutlich. Die vier Wissenschaftler haben erstmals auf umfassender empirischer Grundlage untersucht, welche Personengruppen unter abhängig Beschäftigten häufig von Erwerbsminderung betroffen sind, und welche seltener. Dazu werteten sie die anonymisierten Daten von gut 127.000 Menschen aus, die 2008 als Neuzugänge in der Erwerbsminderungsrente registriert wurden und verglichen sie mit denen der übrigen Versicherten.

Kernergebnis der Datenanalyse: Vor allem die Qualifikation, aber auch Geschlecht und Wohnort beeinflussen die Wahrscheinlichkeit, aus Gesundheitsgründen nicht bis zum regulären Rentenalter arbeiten zu können. Haupt- oder Realschulabschluss, keine Berufsausbildung, männlich, wohnhaft in Ostdeutschland – Beschäftigte mit diesem Profil tragen das höchste Risiko, arbeitsunfähig zu werden. Es liegt gut zehnmal so hoch wie bei männlichen Akademikern, die in den alten Bundesländern leben.

Qualifikation. Je höher die Bildung, desto geringer das Risiko einer Erwerbsminderung – die Qualifikation erweist sich in der Feinanalyse der Forscher als wichtigster Einflussfaktor. Das gilt in allen Altersgruppen, besonders weit öffnet sich die Bildungs-Schere aber bei den Älteren. Unter Frauen und Männern mit (Fach-)Hochschulabschluss gehen auch mit Ende 50 lediglich rund 5 von 1.000 Versicherten in die Erwerbsminderungsrente. Dagegen sind es bei niedrig qualifizierten Männern fast 25, bei niedrig qualifizierten Frauen 19. Beschäftigte mit mittlerer Qualifikation, das heißt mit abgeschlossener Berufsausbildung, liegen dazwischen. Hier verzeichnet die Statistik bei Männern rund 15 Zugänge, bei Frauen 13.

Die Forscher haben auch die Risikoverteilung bei drei Krankheitsbildern berechnet, die sehr häufig zu Erwerbsminderungen führen. Besonders hoch fallen die qualifikationsspezifischen Unterschiede bei Muskel-Skelett-Erkrankungen aus. Hier tragen Männer mit niedrigem Qualifikationsniveau ein 14-fach höheres Risiko als Akademiker. Unter Frauen liegt der Faktor je nach Qualifikation maximal beim Achtfachen. Auch bei Erkrankungen von Herz und Kreislauf ist die Differenz erheblich. Spürbar kleiner fällt der Unterschied dagegen bei psychischen Leiden aus, die insgesamt immer häufiger zu Erwerbsminderungen führen. Die Wissenschaftler erklären das so: Während vor allem Beschäftigte mit einfacher Qualifikation schwere körperliche Arbeiten leisten müssen und dadurch Schäden davontragen, könnten „durch Arbeitsverdichtung und Stress verursachte psychische Erkrankungen“ wohl „bei Beschäftigten aller Qualifikationsniveaus vorkommen.“

Männer und Frauen. Insgesamt sind Erwerbsminderungen unter Männern deutlich weiter verbreitet als unter Frauen. Und: Unter niedrig qualifizierten Beschäftigten ist die Differenz zwischen den Geschlechtern größer als bei Arbeitnehmern mit hohem Bildungsabschluss. Das ist für die Forscher ein weiteres Indiz dafür, wie sich körperliche Belastungen in eher von Männern ausgeübten Arbeiterberufen auf die Gesundheit auswirken. Zusätzlich ließen sich aber auch Befunde aus der Epidemiologie heranziehen: Frauen ignorieren beispielsweise seltener Gesundheitsbeschwerden. Höher Gebildete vermeiden eher bestimmte Risikoverhalten, sind etwa seltener Raucher.

In einem wichtigen Punkt kehrt sich das Verhältnis zwischen den Geschlechtern allerdings um: Frauen müssen häufiger als Männer wegen einer psychischen Erkrankung ihre Berufstätigkeit aufgeben. Die Studienautoren halten zwei Faktoren zur Erklärung für plausibel: Frauen sind häufiger in „emotional belastenden Berufen“ tätig, etwa in der Pflege. Zum anderen gingen Frauen und Männer unterschiedlich mit psychischen Problemen um. Letztendlich ließen sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Erwerbsminderung aber derzeit nicht abschließend erklären.

Ost und West. Ein ähnliches Muster beobachten die Wissenschaftler bei den Differenzen zwischen alten und neuen Bundesländern. Ostdeutsche tragen unter dem Strich ein spürbar erhöhtes Risiko, von einer Erwerbsminderung betroffen zu sein. Das gilt insbesondere für niedrig Qualifizierte und mit Blick auf Herz-Kreislauf-Leiden und Erkrankungen des Skelett- und Muskelsystems. Mit zunehmender Qualifikation gleichen sich die Werte in Ost und West dann jedoch tendenziell an.

*Quelle: Christine Hagen, Ralf K. Himmelreicher, Daniel Kemptner, Thomas Lampert: Soziale Ungleichheit und Risiken der Erwerbsminderung, in: WSI Mitteilungen 7/2011. Download: http://www.boeckler.de/pdf/pm_wsimit_2011_07_hagen.pdf

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