Unberechenbare Korallenriffe des Anthropozäns

Coral reef off Bonetambung, an inhabited island in the Indonesian Spermonde Archipelago.
Sebastian Ferse / Leibniz Centre for Tropical Marine Research

Korallenriffe, die vom Menschen beeinflusst sind, reagieren unvorhersehbar auf Umweltstress. Das fand ein internationales Team von Riffforscher*innen unter der Leitung des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT) heraus. Die Wissenschaftler*innen untersuchten umfassende Datensätze aus über 60 Riffstandorten im Südpazifik. Für den Erhalt und das Management von Korallenriffen sind die Ergebnisse ihrer neuen Studie von grundlegender Bedeutung.

Physikalische Stressfaktoren, die mit dem Klimawandel einhergehen, wie häufige und starke Stürme oder die Erwärmung der Ozeane, können Korallenriffen extrem zusetzen und sie gravierend verändern. Anhand modellbasierter Berechnungen sagen Wissenschaftler*innen voraus, wie sich die Riffe nach derartigen Ereignissen entwickeln werden. Empfehlungen für das Management von Riffen basieren auf solchen Erkenntnissen.

Menschliche Einflüsse können Korallenriffe stark beeinträchtigen, doch wie sie die Reaktion der Riffe auf Umweltstress beeinflussen, wurde bisher kaum untersucht. Studien zu den Auswirkungen von Stressfaktoren wie Stürme oder Klimaerwärmung wurden in der Vergangenheit meist an naturbelassenen Riffen durchgeführt.

Mehr als die Hälfte aller Korallenriffe weltweit liegt jedoch in direkter Nähe zu menschlichen Siedlungen. Neue Ergebnisse eines Forscherteams unter der Leitung des Riffökologen Sebastian Ferse vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) zeigen nun, dass Riffe unter menschlichem Einfluss ganz anders als ungestörte Riffe auf Umweltveränderungen reagieren.

Für ihre Studie nutzte das Team einen umfangreichen Satz an ökologischen und sozioökonomischen Daten aus 62 Riffstandorten in 17 Inselstaaten und Territorien des Südpazifiks, wo Küstenbewohner schon seit Jahrhunderten mit und von den Riffen leben. Die Daten teilten sie in drei Kategorien: Artengemeinschaft im Riff, physikalische Einflüsse wie Stürme, Wassertemperatur oder -tiefe und menschliche Faktoren wie Besiedlungsdichte an den Küsten und die Nähe der Riffe zu Märkten.

An den verschiedenen Standorten waren die Riffe den schädigenden Einflüssen von Umwelt und Mensch in unterschiedlichem Ausmaß ausgesetzt. Es zeigte sich: je stärker ein Riff unter menschlichem Einfluss stand, desto weniger lebende Korallen waren vorhanden und desto stärker war es von feinen Turfalgen überwuchert. Die Forscher*innen überraschte, dass die Reaktion der Riffe auf physikalische Stressfaktoren unvorhersehbarer wurde, die Stressoren konnten den Zustand der Riffe nur noch zu 10% erklären.

„Menschen verändern Riffe auf lokaler Ebene: sie fangen etwa bestimmte pflanzenfressende Fische weg, die das Algenwachstum in Schach halten, oder setzen die Riffe Abwässern und Einträgen aus der Landwirtschaft aus“, erklärt Riffökologin Amanda Ford vom ZMT, Erstautorin der Studie. Empfindliche Arten verschwinden dadurch, die Artenvielfalt und der Genpool in Riffen nimmt ab und somit auch ihre Anpassungsfähigkeit an Stressfaktoren wie die Erwärmung der Ozeane.

Schätzungsweise eine halbe Milliarde Menschen profitiert von den ökologischen Dienstleistungen der Korallenriffe, sei es durch Fischerei, Tourismus oder Küstenschutz. Diese Riffe und ihre Artenvielfalt zu erhalten, ist für die jeweiligen Länder und Inselstaaten von zentraler Bedeutung. „In Anbetracht des Klimawandels, aber auch ungewöhnlicher Wettermuster und immer häufiger auftretender Stürme brauchen wir zuverlässige Prognosen über die Zukunft dieser wertvollen Ökosysteme“, so Sebastian Ferse. „Die Riffökologie des Anthropozäns muss lokale menschliche Einflüsse stärker einbeziehen als es bisher der Fall war.“

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Sebastian Ferse
Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)
Tel: 0421 / 23800-114
sebastian.ferse@leibniz-zmt.de

Originalpublikation:

Ford, A.K., Jouffray, J.-B., Norström, A.V., Moore, B.R., Nugues, M.M., Williams, G.J., Bejarano, S., Magron, F., Wild, C., Ferse, S.C.A. (2020). Local Human Impacts Disrupt Relationships Between Benthic Reef Assemblages and Environmental Predictors. Frontiers in Marine Science 7:794. (794). doi:10.3389/fmars.2020.571115

http://www.leibniz-zmt.de

Media Contact

Dr. Susanne Eickhoff Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz

Dieser Themenkomplex befasst sich primär mit den Wechselbeziehungen zwischen Organismen und den auf sie wirkenden Umweltfaktoren, aber auch im weiteren Sinn zwischen einzelnen unbelebten Umweltfaktoren.

Der innovations report bietet Ihnen interessante Berichte und Artikel, unter anderem zu den Teilbereichen: Klimaschutz, Landschaftsschutzgebiete, Ökosysteme, Naturparks sowie zu Untersuchungen der Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Was die Körnchen im Kern zusammenhält

Gerüst von Proteinflecken im Zellkern nach 100 Jahren identifiziert. Nuclear Speckles sind winzige Zusammenballungen von Proteinen im Kern der Zelle, die an der Verarbeitung genetischer Information beteiligt sind. Berliner Forschende…

Immunologie – Damit Viren nicht unter die Haut gehen

Ein Team um den LMU-Forscher Veit Hornung hat einen Mechanismus entschlüsselt, mit dem Hautzellen Viren erkennen und Entzündungen in Gang setzen. Entscheidend für die Erkennung ist eine typische Struktur der…

Kleine Moleküle steuern bakterielle Resistenz gegen Antibiotika

Sie haben die Medizin revolutioniert: Antibiotika. Durch ihren Einsatz können Infektionskrankheiten, wie Cholera, besser behandelt werden. Doch entwickeln die krankmachenden Erreger zunehmend Resistenzen gegen die angewandten Mittel. Nun sind Wissenschaftlerinnen…

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close