Richtungswechsel in der Atherosklerosetherapie

Der kausale Zusammenhang zwischen erhöhtem Cholesterinspiegel und der Entstehung von Atherosklerose wird durch zahlreiche Studien belegt. Die Gabe von cholesterinsenkenden Medikamenten, wie Statinen, zählt neben anderen Maßnahmen zur Behandlung dieser Gefäßerkrankung zu den bewährten, jedoch nicht immer erfolgreichen Therapieoptionen.

Aktuelle Forschungsergebnisse des Teams aus dem Gentherapielabor der Univ.-Klinik für Innere Medizin I weisen nun einen neuen Weg in der Atherosklerosetherapie – mit dem Wirkungsnachweis von Schilddrüsenanaloga auf den Cholesterinspiegel und die Entwicklung von Atherosklerose.

An den Folgen krankhaft veränderter und verengter Arterien sterben die meisten Menschen in den westlichen Industrienationen. Der Entwicklung wirksamer und risikoarmer Behandlungsmethoden der Atherosklerose kommt daher ein besonderer Stellenwert zu.

Das Wissenschaftsteam um Univ.-Prof. Josef Patsch, Direktor der Univ.-Klinik für Innere Medizin I, erforscht seit rund fünf Jahren die Frage, welchen Einfluß Leber-selektive Schilddrüsenanaloga, sogenannte Thyreomimetika – eine strukturell mit den Schilddrüsenhormonen verwandte Substanzklasse – auf den Transport von überschüssigem Cholesterin aus den Zellen zur Leber haben.

Schilddrüsenanaloga können Atherosklerose vermindern

Beim Cholesterintransport wird zwischen HDL (High Density Lipoprotein)- und LDL (Low Density Lipoprotein)-Cholesterin unterschieden. HDL dient dabei dem Transport von Cholesterin vom Gewebe zur Leber (reverser Cholesterintransport), wohingegen überschüssiges LDL-Cholesterin von Makrophagen (Fresszellen) aufgenommen wird, die den Hauptbestandteil atherosklerotischer Plaques darstellen. Die Ankurbelung des reversen Cholesterintransports und eine gleichzeitige Senkung von LDL-Cholesterin führen dazu, dass im Verhältnis mehr Cholesterin von den Gefäßen zur Leber transportiert wird und sich deshalb weniger arteriosklerotische Plaques bilden können.

Im Rahmen ihrer Forschungen fanden die Innsbrucker Wissenschafter heraus, dass die Rezeptoren für HDL-Cholesterin ein ähnliches Verteilungsmuster in der Leber aufweisen wie Schilddrüsenhormone. „Dies legte ein Zusammenspiel von Schilddrüsenanaloga und reversem Cholesterintransport nahe“, begründet Studienautor Univ.- Prof. Andreas Ritsch die Ausrichtung der aktuellsten Forschungsarbeit, die kürzlich im renommierten Fachjournal PLoS one veröffentlicht wurde.

Tierexperimentelle und klinische Erprobung

Die Aufklärung der mechanistischen Grundlagen für die cholesterinsenkende Wirkung der Thyreomimetika gelang nun Mag. Egon Demetz und Dr. Ivan Tancevski vom Gentherapielabor der Univ.-Klinik für Innere Medizin I. Damit konnte weltweit erstmals demonstriert werden, dass Thyreomimetika Atherosklerose senken und den reversen Cholesterintransport ankurbeln können. „Anhand verschiedener Mausmodelle konnten wir zeigen, dass Thyreomimetika den Cholesterintransport von der Leber in den Darm ankurbeln und dadurch die Ausscheidung von Cholesterin aus atherogenen Makrophagen deutlich verstärken“, erklären Tancevski und Demetz. Mittlerweile gibt es zwei, in klinischer Erprobung befindliche Präparate, die im Menschen eine ähnlich gute Senkung des Plasmacholesterins bewirken und damit den Daten aus tierexperimentellen Studien entsprechen. „Wir hoffen, dass unsere Arbeit die weitere Entwicklung von thyreomimetischen Substanzen fördern wird, da es dringend weiterer neuer Ansätze zur Bekämpfung der Atherosklerose bedarf“, betonen die Studienautoren, die erst kürzlich für ihre Forschungsarbeiten ausgezeichnet wurden. So erhielt der im Vorjahr mit dem ALSA (Austrian Life Science Award) ausgezeichnete Dr. Ivan Tancevski nun gemeinsam mit Mag. Egon Demetz den Hauptpreis der Österreichischen Atherosklerosegesellschaft, und den Wissenschaftspreis der Österreichischen Gesellschaft für Endokrinologie und Stoffwechsel.

Innsbrucker Pionierarbeit

Bereits 2007 war es dem Forscherteam gelungen, erste Daten über den anti-atherosklerotischen Effekt von Thyreomimetika am jährlichen Meeting der American Heart Association (AHA) zu präsentieren. Damit waren die Innsbrucker Forscher die ersten, die einen protektiven Effekt für diese neue Gruppe von Lipidsenkern zeigen konnten.

Es folgte eine Publikation im renommierten Journal of Lipid Research. Eine Zusammenschau aller Ergebnisse wird demnächst auf der Homepage der International Atherosclerosis Society (IAS) erscheinen, „um die Daten allen Menschen öffentlich zugänglich zu machen“, so Prof. Scott Grundy vom Southwestern Medical Center, University of Texas, auf dessen Einladung hin ein entsprechender Beitrag erstellt wurde.

Details zur Medizinischen Universität Innsbruck

Die Medizinische Universität Innsbruck mit ihren rund 1.700 MitarbeiterInnen und ca. 3.000 Studierenden ist gemeinsam mit der Universität Innsbruck die größte Bildungs- und Forschungseinrichtung in Westösterreich und versteht sich als Landesuniversität für Tirol, Vorarlberg, Südtirol und Liechtenstein. An der Medizinischen Universität Innsbruck werden drei Studienrichtungen angeboten: Humanmedizin und Zahnmedizin als Grundlage einer akademischen medizinischen Ausbildung und das PhD-Studium (Doktorat) als postgraduale Vertiefung des wissenschaftlichen Arbeitens.

Die Medizinische Universität Innsbruck ist in zahlreiche internationale Bildungs- und Forschungsprogramme sowie Netzwerke eingebunden. In der Forschung liegen die Schwerpunkte im Bereich der Molekularen Biowissenschaften (u.a. bei dem Spezialforschungsbereich „Zellproliferation und Zelltod in Tumoren“, Proteomik-Plattform), der Neurowissenschaften, der Krebsforschung sowie der molekularen und funktionellen Bildgebung. Darüber hinaus ist die wissenschaftliche Forschung an der Medizinischen Universität Innsbruck in der hochkompetitiven Forschungsförderung sowohl national auch international sehr erfolgreich.

Kontakt
Dr. Ivan Tancevski
Univ.-Klinik für Innere Medizin I
Anichstraße 35
6020 Innsbruck Austria
Tel.: 0512 504-81602
e-Mail: ivan.tancevski@i-med.ac.at

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