Wenn Stress am Kieferknochen nagt

Das man bei Stress häufiger -und nicht nur symbolisch – die Zähne zusammenbeißt, das ist bekannt. Das es aber noch sehr viel mehr Verbindungen zwischen der Psyche und den Zähnen gibt, weniger. Fragestellungen aus diesem interdisziplinären Arbeitsbereich werden in Deutschland aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert, wie eine Workshoptagung des Netzwerks Psychologie und Zahnmedizin – PsyDent- , das von PD Dr. Renate Deinzer von der hiesigen Hochschule aus koordiniert wird, deutlich machte.
„Die Zusammenarbeit von Zahnmedizinern und Psychologen hat eine lange Tradition an dieser Universität,“ erzählt Privatdozentin Dr. Renate Deinzer von der Medizinischen Psychologie, „besonders im Bereich der Angstforschung und Angstprävention.“ Das Interesse der Zahnärzte, mit Psychologen zusammenzuarbeiten, sei sehr groß, wohl nicht zuletzt deshalb, weil Zahnärzte selbst hohen psychischen Belastungen ausgesetzt sind.
Kein Wunder, wo doch kaum ein Patient gerne kommt. Neben der Erfassung und Bekämpfung von Zahnbehandlungsangst und der Verbesserung der Kommunikation zwischen Arzt und Patient, kümmern sich die Düsseldorfer Psychologen auch um die Erforschung des Zusammenhangs von Stress und Parodontitis. Das da eine Beziehung besteht, vermuten die Medizinischen Psychologen schon seit mehr als 50 Jahren. Rund 15 Prozent der erwachsenen deutschen Bevölkerung hat Parodontitis in einem Ausmaß, dass die Erhaltung einzelner Zähne gefährdet scheint und bei etwa 40 Prozent sind immerhin leichte parodontale Schädigungen nachzuweisen. Damit ist die Krankheit bei Erwachsenen weitaus verbreiteter als Karies. Aus einer einfachen Gingivitis, einer Zahnfleischentzündung, die der größte Teil der Bevölkerung immer mal wieder, oft ohne es zu merken, hat, wird unter Umständen eine Parodontitis, eine Krankheit, die den Kieferknochen angreift und regelrecht wegfrisst.
Primärer Grund für Parodontitis ist mangelhafte Mundhygiene; in Kombination mit einer geschwächten Immunabwehr oder speziellen, besonders bösartigen Keimen entsteht dann die Krankheit. Hier könnten psychologische Faktoren angreifen. „Das Problem bisheriger psychologischer Untersuchungen ist die retrospektive Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Stress und Parodontitis,“ erklärt Renate Deinzer. Denn wenn man Paradontitis-Patienten nach dem Ausbruch der Krankheit Fragebögen gibt und sie bittet, die Stresssituation vor Krankheitsbeginn zu beurteilen, erhält man schnell ein falsches Bild. Auch würde man so nichts über den Wirkmechanismus lernen, mit dem Stress den Kieferknochen angreift.
Die Psychologen gingen deshalb in einem interdisziplinären Projekt gemeinsam mit der Poliklinik für Parodontologie (Direktor: Prof. Dr. A. Herforth) und dem Institut für Hygiene (Direktorin: Prof. Dr. H. Idel) den umgekehrten Weg und schauten in die Münder von Studierenden, die im Examen stehen. Dabei konnten sie feststellen, daß Examenskandidaten häufiger Gingivitiden (Zahnfleischentzündungen) entwickeln als Kontrollpersonen, die im Untersuchungszeitraum keiner besonderen Belastung ausgesetzt waren. Auch vernachlässigten die Examenskandidaten ihre Mundhygiene und putzten insbesondere die wenig sichtbaren Innenflächen der Zähne deutlich schlechter als ihre entspannten Kommilitonen: Während sechs Wochen nach einer professionellen Zahnreinigung bei den Kontrollpersonen noch 20 Prozent der Zahnflächen plaquefrei waren, waren es bei den Examenskandidaten nur 10 Prozent, betrachtete man die Zahninnenflächen alleine, waren sogar nur 5 Prozent wirklich sauber – bei den Kontrollen dagegen auch hier 20 Prozent.
Aber nicht nur die Mundhygiene, sondern auch das Immunsystem scheint durch Stress in einer für die parodontale Gesundheit ungünstigen Weise betroffen zu werden. So steigt bei Examenskandidaten genau der Immunparameter im Bereich der Zähne an, der von den Parodontologen hautpsächlich für die Knochenzerstörung verantwortlich gemacht wird: das Interleukin-1ß. Dieser Anstieg fällt umso deutlicher aus, je schlechter die Mundhygiene an den betroffenen Zähnen ist. Gleichzeitig sinkt die Speichelkonzentration eines wichtigen protektiven Immunparameters, dem Immunglobuliun A.
Grund genug für die Zahnärzte, ihren Patienten nicht nur in den Mund zu schauen, sondern vielleicht auch mal nach dem Befinden zu fragen. Grund genug für die Düsseldorfer Wissenschaftler, dem Zusammenhang zwischen Stress und Parodontitis weiter auf den nach zu gehen.

Ansprechpartner für Medien

Dr. Victoria Stachowicz idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-duesseldorf.de/PsyDent

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