(K)eine Kinderkrankheit

Die Krankheit beginnt mit Fieber, Bindehautentzündung, Schnupfen und Husten, ehe sich ein grobfleckiger, dunkelroter Ausschlag über den ganzen Körper ausbreitet. Bei zehn bis zwanzig Prozent der Erkrankten kommt es zu Komplikationen, die in Einzelfällen auch zu Behinderung und Tod führen können. „Masern sind daher keine leicht zu nehmende Kinderkrankheit, und die Möglichkeit der Schutzimpfung sollte unbedingt genutzt werden“, betont Reinhard Kurth, Präsident des Robert Koch-Instituts. Seit mit Beginn des Jahres gemäß dem neuen Infektionsschutzgesetz auch Verdacht und Erkrankung meldepflichtig sind, wurden dem Robert Koch-Institut bereits 5093 Meldungen von Masernerkrankungen übermittelt, darunter ein Todesfall.

Aufgrund der Meldedaten und auf Grundlage anderer Masernüberwachungsdaten der Arbeitsgemeinschaft (AG) Masern rechnet das Robert Koch-Institut mit 7.000 bis 10.000 Masernerkrankungen für dieses Jahr, das entspricht neun bis zwölf Fällen pro 100.000 Einwohner. Mit der AG Masern kooperiert ein Netzwerk von bundesweit mehr als tausend niedergelassenen Ärzten, die seit 1999 Daten zur Anzahl der Masernfälle und Merkmalen ihres Auftretens liefern und Untersuchungsmaterialien zur weiteren Analyse an das „Nationale Referenzzentrum Masern, Mumps, Röteln“ am Robert Koch-Institut senden.

Auffällig ist die überdurchschnittlich hohe Zahl an Masernerkrankungen in den westlichen Bundesländern. Die meisten Fälle pro 100.000 Einwohner (Inzidenz bzw. Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner) hatten Bayern mit 16,9 (2039 Neuerkrankungen), Schleswig-Holstein 8,5 (236 ), Nordrhein-Westfalen 7,0 (1262) und Baden-Württemberg mit 6,2 (645). Dagegen liegt die Inzidenz in den östlichen Bundesländern durchweg unter 1 pro 100.000 Einwohner. (Gesamtzahl Stand 13.8.2001: 5093). Solche regionalen Unterschiede hatte die AG Masern auch im vergangenen Jahr beobachtet.

Ursache der noch immer hohen Erkrankungszahlen in Deutschland ist eine unzureichende Nutzung der Impfung. Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut empfiehlt die erste Impfung nach dem vollendeten elften Lebensmonat und eine zweite Impfung zur Schließung von Immunitätslücken. Die STIKO empfiehlt seit kurzem, die zweite Impfung möglichst früh, das heißt noch im zweiten Lebensjahr, durchzuführen (frühestens vier Wochen nach der ersten Impfung, beide Impfungen sinnvollerweise als kombinierte Masern-Mumps-Röteln- oder MMR-Impfung). In Deutschland sind gegenwärtig selbst zu Schulbeginn nur etwa 85 Prozent der Kinder gegen Masern geimpft, und die für alle Kinder empfohlene zweite Impfung haben sogar weniger als 15 Prozent erhalten. Auch bei den geimpften Kindern erfolgt die erste Masernimpfung oft nicht rechtzeitig. In einer repräsentativen Studie haben Laubereau (Ludwig-Maximilians-Universität München) und Kollegen 1999 nachgewiesen, dass am Ende des zweiten Lebensjahres erst 73 % der Kinder die erste MMR-Impfung erhalten haben.

Die Eliminierung der Masern – erklärtes Ziel der Weltgesundheitsorganisation – ist möglich, wenn Durchimpfungsraten von mehr als 95 Prozent erreicht werden. Daher wurde Ende 1999 ein nationales Programm zur Eliminierung der Masern in Deutschland verkündet, das vom Robert Koch-Institut mit wesentlichen Akteuren im Gesundheitswesen (Bundesministerium für Gesundheit, Gesundheitsbehörden der Länder, Vertreter von Ärzten, Krankenkassen, Apothekern) gemeinsam erarbeitet worden ist. Hauptzielgruppen sind die niedergelassene Ärzteschaft, vor allem Kinderärzte, die den Impfstatus der von ihnen betreuten Kinder und Jugendlichen regelmäßig überprüfen sollten, der öffentliche Gesundheitsdienst, der vor Ort eine wichtige Moderatorenrolle einnimmt, und die Eltern und Jugendlichen selbst. Die Auswertung der Erfassungsberichte der AG Masern aus dem Zeitraum Oktober 1999 bis März 2001 mit fast 1300 Masernfällen hat gezeigt, dass unter den Ungeimpften der Anteil derjenigen, die eine Impfung nicht gewünscht hatten, mit 35 Prozent sehr hoch war. „Dies unterstreicht, dass eine fachlich fundierte Aufklärung und Information – zum Beispiel über das Verhältnis der Risiken bei Erkrankung und Impfung – verstärkt erforderlich ist“, sagt Reinhard Kurth.

Die Empfänglichkeit des Menschen – einziger Wirt des Masernvirus – ist hoch. Die Übertragung erfolgt über die Luft durch Tröpfcheninfektion (Husten, Niesen, Sprechen). Das Masernvirus führt bereits bei kurzem Kontakt mit Erkrankten zu einer Infektion (der sogenannte Kontagionsindex liegt bei nahezu 100 Prozent) und löst bei über 95 Prozent der Infizierten Symptome aus. Bei den hiesigen Impfraten kommt es daher häufig zu Ausbrüchen, mehr als achtzig alleine dieses Jahr. Bei einem besonders großen Ausbruch mit insgesamt 167 Fällen, den die Schleswig-Holsteinischen Gesundheitsbehörden gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut untersuchten, waren bei zwanzig Prozent der untersuchten Fälle ernsthafte Komplikationen wie Lungenentzündung und Mittelohrentzündung aufgetreten. Schwerwiegende Nebenwirkungen der Impfung wie Gehirnentzündung (postvakzinale Enzephalitis) sind dagegen mit einem Fall pro ein bis zwei Millionen Impfungen extrem selten.

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