Industrie belastet die Gesundheit

Mütter und Kinder an „Hot Spots“ untersucht / RUB-Mediziner erforschen Gefährdungspotenzial im Ruhrgebiet

Das Leben in der Nachbarschaft der Schwerindustrie im Ruhrgebiet hinterlässt im Körper seine Spuren: Schulanfänger und ihre Mütter, die an sog. „Hot Spots“ mit besonders großer Belastung durch industrielle Luftverschmutzung leben, haben ein erhöhtes Risiko für Allergien und Atemwegserkrankungen, ihr Blut weist höhere Schadstoffwerte auf als das von Kindern auf dem Land. Zu diesem Ergebnis kamen RUB-Forscher um Prof. Dr. Michael Wilhelm gemeinsam mit Kollegen der Universität Düsseldorf in einer Studie, die sie im Auftrag des Ministeriums für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz NRW durchführten.

Studie im Internet: Die Studie ist als PDF im Internet abrufbar unter http://www.munlv.nrw.de/sites/arbeitsbereiche/immission/hot-spot.htm

Hot Spots: Schmutz in der Luft

886 Mutter-Kind-Paare wurden für die Studie befragt und untersucht. Die „Hot Spot“-Gruppen lebten in Dortmund-Hörde, wo durch das Stahlwerk Krupp-Hoesch für erhöhte Chrom- und Nickelgehalte der Luft verantwortlich war, in der Umgebung der Kokerei Duisburg-Brockhausen in Duisburg Nord, wo erhöhte Werte der krebserregenden Stoffe Benzol und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) vorliegen, und in Duisburg-Süd in der Umgebung der Metallaufbereitungsfirmen MIM und BUS. Dort ist die Konzentration von Blei und Cadmium im Schwebstaub der Luft erhöht. Erhöhte Staubgehalte weisen alle drei Hot Spots auf. Die Vergleichsgruppe kam aus der ländlichen Kleinstadt Borken.

Aufwändige Untersuchungen

Die Studienteilnehmer füllten einen Fragebogen aus, in dem z. B. die Häufigkeit von Allergien, Infekten und Atemproblemen erhoben wurden. Die Forscher untersuchten dann Blut und Urin der Teilnehmer auf die Belastung mit den am jeweiligen Hot Spot vorherrschenden Schadstoffen bzw. deren Abbauprodukten. Die Nierenfunktion wurde ebenfalls überprüft. Außerdem nahmen sie eine Blutuntersuchung vor, in der sie bestimmte Faktoren des Immunsystems prüften, die u. a. für die Entstehung von allergischen Reaktionen verantwortlich sind, und Veränderungen der Erbsubstanz (DNA-Brüche) aufspürten. Ein Haut-Allergie-Test und verschiedene Lungentests komplettierte die aufwändigen Untersuchungen.

Erhöhte Belastung bei Müttern und Kindern

Bei den Müttern und Kindern aus Hörde fiel den Forschern eine Häufung von Atemwegserkrankungen und Allergien auf, die sich auf die erhöhten Chrom- und Nickelgehalte des Schwebstaubs in der Luft zurückführen ließen. In Duisburg-Nord lebende Mütter und Kinder wiesen erhöhte PAK-Belastung auf. In Duisburg-Nord wurde eine erhöhte Exposition der Erbsubstanz im Vergleich zu Borken festgestellt. Ob das Krebsrisiko in Duisburg-Nord durch die Schadstoffe aus der Industrie erhöht ist, konnte aus methodischen Gründen (Querschnittstudie) durch die Hot-Spot Studie nicht beantwortet werden. Die Kinder in Duisburg-Süd waren stärker als Borkener Kinder mit dem Schwermetall Blei belastet. Die Cadmiumgehalte der Mütter waren ebenfalls im Vergleich zu den Borkenerinnen erhöht. Eine Erhöhung des Atemwegswiderstandes der Schulanfänger in den Hot-Spot-Arealen im Vergleich zu Borken konnten die Forscher einer erhöhten Schwebstaubbelastung zuschreiben.

Umweltpolitisch bedenkenswert

Fazit: Die Nachbarschaft zur Schwerindustrie wirkt sich auf die Gesundheit aus. „Es ist durchaus ein Gefährdungspotenzial da“, zieht Prof. Wilhelm Bilanz, „wenn auch kein Bedarf einer ärztlichen Behandlung besteht. Akuter Handlungsbedarf besteht zwar nicht, aber die Auswirkungen der Schwerindustrie bleiben umweltpolitisch auf jeden Fall zu bedenken.“ So habe z.B. der Boden ein „Gedächtnis“ für die Industrie und speichere Schadstoffe auch lange, nachdem die Werke, wie inzwischen das in Dortmund-Hörde, geschlossen sind. Die Nutzung solcher Flächen etwa als Park oder Spielplatz sollte daher sorgfältig abgewogen werden.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Michael Wilhelm, Abteilung für Hygiene, Sozial- u. Umweltmedizin, Fakultät für Medizin der Ruhr-Universität Bochum, MA 1/31, Tel. 0234/32-22365, Fax: 0234/32-14199 wilhelm@hygiene.ruhr-uni-bochum.de

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Dr. Josef König idw

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