Viren an Multipler Sklerose beteiligt?

Endothelzellen des Gehirns: Sie kleiden das Innere der Blutgefäße aus und halten so dicht zusammen (rote Zickzacklinien), dass eine Barriere entsteht. Diese lässt nur ausgewählte Stoffe ins Gehirn gelangen. Balken = 10 Mikrometer. Bild: Ruprecht

Manche Viren haben sich im Lauf der Evolution fest ins Erbgut des Menschen integriert, wo sie allerdings meistens inaktiv sind. Nun aber gibt es Hinweise darauf, dass eine Gruppe dieser Viren möglicherweise eine Rolle bei der Multiplen Sklerose spielen könnte.

Ob dieser Verdacht stimmt, untersuchen Dr. Klemens Ruprecht und Prof. Dr. Peter Rieckmann von der Neurologischen Klinik der Uni Würzburg in einem Projekt, das von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung (Frankfurt/Main) gefördert wird.

Bei den Viren, die sich im Erbgut des Menschen eingenistet haben, handelt es sich um so genannte Humane Endogene Retroviren (HERV). Sie werden wie normale Gene vererbt und machen bis zu acht Prozent des menschlichen Erbguts aus. Die meisten von ihnen funktionieren nicht mehr, doch es gibt auch Ausnahmen: So können diese Viren zum Beispiel Proteine liefern, die in der Schwangerschaft wichtig für den Aufbau der Plazenta sind.

Eine bestimmte Familie endogener Retroviren – von der Wissenschaft mit dem Kürzel HERV-W benannt – wird offenbar im Zentralen Nervensystem aktiv. So wurde unlängst ein einschlägiges Virusprotein im Gehirn nachgewiesen, und zwar unter anderem auch in den bei der Multiplen Sklerose (MS) auftretenden akuten Entzündungsherden in Endothelzellen. Diese Zellen kleiden die Blutgefäße von innen wie eine Tapete aus und bilden damit eine Barriere, die Blut-Hirn-Schranke, deren Zerstörung für die MS charakteristisch ist.

Folglich wäre es denkbar, dass die körpereigenen Viren im Verlauf der Erkrankung fälschlicherweise aktiviert werden. Als Reaktion darauf greift dann das Immunsystem die Endothelzellen des Gehirns an – also den Ort, an dem die Virusproteine entstehen. Diese Vermutung will Dr. Ruprecht, der in der Klinischen Forschungsgruppe für Multiple Sklerose und Neuroimmunologie im Team von Prof. Rieckmann tätig ist, nun überprüfen. Sollte sie sich bewahrheiten, dann würde dies möglicherweise neuartige Therapiemöglichkeiten eröffnen.

„Wir könnten hier einen Fall von molekularer Mimikry vor uns haben“, sagt Dr. Ruprecht. Das würde bedeuten, dass die Immunzellen, welche die Virusproteine attackieren, eigentlich auf einen anderen Gegner abgerichtet sind, der den körpereigenen Viren zum Verwechseln ähnlich ist. Ein verdächtiger Kandidat hierfür ist das Retrovirus MSRV, das in den 90er-Jahren entdeckt wurde. Es ist häufiger bei MS-Patienten als bei anderen Personen zu finden und in einem hohen Grad baugleich mit den Viren aus der HERV-W-Familie.

Vor diesem Hintergrund will Dr. Ruprecht in Zellkulturen zunächst die Entstehung und Regulation von HERV-W-Proteinen in den Gehirn-Endothelzellen des Menschen untersuchen. Außerdem plant er, bei MS-Patienten diejenigen Immunzellen zu charakterisieren, die sich auf die Abwehr von MSRV/HERV-W spezialisiert haben. Dann sollen diese Zellen – es handelt sich um zytotoxische T-Lymphozyten – im Reagenzglas auf das Gehirn-Endothel losgelassen werden. Auf diese Weise will der Würzburger Mediziner das Szenario nachvollziehen, das sich in akuten MS-Entzündungsherden abspielen könnte.

Weitere Informationen:

Dr. Klemens Ruprecht
Telefon (0931) 201-24617
Fax (0931) 201-23697
E-Mail: klemens.ruprecht@mail.uni-wuerzburg.de

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Robert Emmerich idw

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