Auf dem Weg zur Macht: Forscher untersuchen feierliche Rituale und alltägliche Umgangsformen

Das Augenmerk der insgesamt 16 Teilprojekte, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert werden, richtet sich dabei auf das vormoderne Europa. 2008 wird eine Ausstellung in Magdeburg Einblicke in die Arbeit des münsterschen SFB geben.

Die Geltungskraft von Machtstrukturen, Werten und Normen einer Gesellschaft beruht darauf, dass die Symbole, durch die sie repräsentiert werden, gesellschaftlich akzeptiert werden, so die Annahme der Forscher. Symbolische Kommunikation umfasst nicht nur feierliche Rituale wie Kaiserkrönungen und Bischofsweihen, sondern auch alltägliche Umgangsformen. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in Werken der Kunst und Literatur wider, die von den Wissenschaftlern analysiert werden. Wie haben sich die Formen und Wirkungsweisen symbolischer Kommunikation vom frühen Mittelalter bis zum Anbruch der Moderne verändert, und wie haben die Zeitgenossen dies reflektiert? Die SFB-Forscher wollen durch ihre Arbeit nicht nur zum Verständnis historischer Gesellschaften beitragen, sondern auch das Bewusstsein für die symbolische Kommunikation der Gegenwart schärfen.

„Im Theater kommen die Wertevorstellungen einer Zeit zur Sprache“, beschreibt Prof. Dr. Heinz Meyer einen Ort, an dem Symbolik eine wichtige Rolle spielt. Gemeinsam mit Prof. Dr. Christel Meier-Staubach leitet er ein Teilprojekt, das sich mit der symbolischen Kommunikation im europäischen Theater des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit beschäftigt. Die Forscher analysieren die Wertevorstellungen, die in Form symbolischer Darstellung auf die Bühne gebracht wurden, beispielsweise durch die Metaphern der Texte, die Bühnenausstattung oder die Spielfiguren selbst. „Im Theater stand die Moral im Vordergrund; ideale oder verwerfliche menschliche Eigenschaften wurden den gesellschaftlichen Normen entsprechend dargestellt“, so Prof. Meyer. Auch Kontroversen spiegelten sich wider, etwa in protestantischen Aufführungen, die gegen das Papsttum polemisierten.

Symbolische Kommunikation findet nicht nur auf der Bühne statt, sondern auch in der Kirche. Im Gottesdienst spielt sie eine zentrale Rolle. Die Mess-Liturgie im Mittelalter ist daher Forschungsgegenstand eines kirchengeschichtlichen Teilprojekts. „Wir konzentrieren uns auf das Opfer der Messe“, beschreibt Projektleiter Prof. Dr. Arnold Angenendt. In Darstellung und Praxis der mittelalterlichen Messliturgie gewinnen die Sachopfer Bedeutung in einer Dimension, die für uns heute kaum vorstellbar ist. „Die Bezeichnung Messe für große Verkaufsausstellungen rührt von den mittelalterlichen Gepflogenheiten her, nach denen die geopferten Gaben anschließend auf dem Markt für wohltätige Zwecke verkauft wurden“, so Prof.

Angenendt.

Einen eigenen „Mikrokosmos“, in dem die Konflikte zwischen Bevölkerung und Kirche auf engem Raum ausgetragen und kommuniziert wurden, bildeten die ländlichen Kirchhöfe Westfalens, die einerseits heilige Stätte waren, andererseits Ort des profanen Lebens: Im 17. und 18. Jahrhundert waren die Kirchhöfe nicht nur letzte Ruhestätte für die Toten, sondern sie dienten auch den Armen des Dorfes als Wohnraum, waren Marktplatz und Viehstall. „Im Zuge der Gegenreformation nach der Glaubensspaltung haben sich das religiöse und das profane Leben auf den Kirchhöfen verändert“, beschreibt Prof. Dr. Werner Freitag, dessen Arbeitsgruppe exemplarisch die symbolische Kommunikation innerhalb der Kirchhöfe im Oberstift Münster des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit untersucht.

Bei Ritualen wie Beerdigungen oder Andachten bestand die katholische Kirche auf einer strengeren Einhaltung der liturgischen Vorgaben aus Rom. „Die Bedürfnisse der Lebenden störten die Totenruhe und kollidierten mit den Interessen der Kirche – ein riesiges Konfliktpotential, das 200 Jahre lang das Leben innerhalb der Kirchhöfe beeinflusste“, so Prof. Freitag.

Sind Rituale überflüssige Spektakel? Der SFB 496 und das Kulturhistorische Museum Magdeburg präsentieren ab September 2008 eine gemeinsame Ausstellung („Spektakel der Macht – Rituale im alten Europa 800-1800“), die die Bedeutung von Ritualen unter historischen Gesichtspunkten beleuchtet.

Ausstellungsbesucher werden im Vergleich mit den Epochen des Mittelalters und der frühen Neuzeit erfahren, was Rituale sind und was sie bewirken. Sie erhalten einen Einblick in die vielfältige Forschung der münsterschen Wissenschaftler und lernen dabei auch „verkehrte Rituale“ kennen – Parodierungen, die Machtansprüche hinterfragen oder umgekehrt ablaufende Rituale. Ein Beispiel: Während Bischöfe und Päpste bei Amtsantritt feierlich angekleidet wurden, besiegelte ihre Entkleidung die Absetzung.

Zur wissenschaftlichen Vorbereitung der Ausstellung trägt eine vom SFB 496 ausgerichtete Tagung („Die Bildlichkeit symbolischer Akte“) bei, die vom 10. bis zum 12. August in Münster stattfindet.

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