Wie sich Jung und Alt im Risikoverhalten unterscheiden

So entscheiden Ältere risikofreudiger als Jüngere, wenn durch Lernen eigentlich ein vorsichtiges Verhalten erworben wird – und vermeiden Risiken, wenn Lernen zu forscherem Vorgehen führen würde. Zu diesem Ergebnis kommt eine Metaanalyse von Forschenden der Fakultät für Psychologie der Universität Basel, deren Arbeit in der Fachzeitschrift «Annals of the New York Academy of Sciences» erscheint.

Die stark ansteigende Lebenserwartung führt zu einer demografischen Revolution: Die über 60-Jährigen werden 2050 über 20% der Weltbevölkerung ausmachen, während ihr Anteil 1950 noch 5% betrug. Durch die höhere Lebenserwartung werden Menschen länger im Beruf bleiben und auch später im Leben risikobehaftete Entscheidungen zu treffen haben. Beispiele dafür sind der Vermögensaufbau, wenn es – angesichts einer möglichen Finanzkrise – um Geldanlagen für die Rente geht, oder die eigene Gesundheit, wenn es bei einer Erkrankung etwa abzuwägen gilt, ein Medikament trotz schweren Nebenwirkungen einzunehmen. Kompetentes Entscheidungsverhalten – und dabei die Fähigkeit, Risiken adäquat abzuschätzen und zu handhaben – spielt daher auch für ältere Menschen und ihre materiellen Lebensumstände eine zentrale Rolle.

Die Studie der Gruppe um Dr. Rui Mata von der Fakultät für Psychologie der Universität Basel ist der erste systematischen Versuch, Altersunterschiede in Risikoentscheidungen über verschiedene Aufgaben und Personengruppen hinweg in Form einer Metaanalyse zu quantifizieren. Berücksichtigt wurden 29 einschlägige Forschungsarbeiten mit insgesamt über 4000 Probanden. Die Ergebnisse zeigen, dass bei einer Anzahl von Aufgaben, die Risikopräferenzen messen, signifikante Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Erwachsenen auftreten. Das Muster dieser altersabhängigen Differenzen variiert jedoch stark, und zwar je nach den Lernanforderungen der jeweiligen Aufgabe zur Risikoabschätzung und -entscheidung.

Lernen und Gedächtnis
Vor allem bei Aufgaben, die hohe Anforderungen an Lernen und Gedächtnis stellen, zeigen sich deutliche altersabhängige Unterschiede im Risikoverhalten: Wenn Lernen eher ein vorsichtiges Verhalten nahelegen würde, tendieren Ältere zum Risiko. Dagegen entscheiden sie im Vergleich zu Jüngeren weniger risikofreudiger, wenn durch Lernen ein riskanteres Verhalten angezeigt wäre. Bei Aufgaben, die gar keine oder nur wenig Anforderungen an Lernen oder Gedächtnis stellen, fanden die Forschenden kaum Altersunterschiede im Risikoverhalten.

Die Ergebnisse der Arbeit liefern wichtige Erkenntnisse für das Verständnis des Entscheidungsverhaltens von älteren Erwachsenen und unterstreichen die Bedeutung von Lernen und Gedächtnis in Lebensbereichen, die den Umgang mit Risiko erfordern. Darüber hinaus liefern die Resultate erste Anhaltspunkte zur Notwendigkeit und Berechtigung von Interventionen – wie zum Beispiel Entscheidungshilfen und Konsultationen von Experten genutzt werden können, um mögliche Benachteiligungen von älteren Menschen bei jenen Risikoentscheidungen zu reduzieren, die hohe Lernanforderungen mit sich bringen.

Weitere Auskünfte
Dr. Rui Mata, Fakultät für Psychologie der Universität Basel, Abteilung Cognitive and Decision Sciences, Tel. ++41 (0)61 267 04 34, E-Mail: rui.mata@unibas.ch
Originalbeitrag
Mata, R., Josef, A., Samanez-Larkin, G. R., & Hertwig, R.
Age differences in risky choice: A meta-analysis.
Annals of the New York Academy of SciencesOctober 2011, Volume 1235
doi: 10.1111/j.1749-6632.2011.06200.x

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Christoph Dieffenbacher idw

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