Die Evolution komplexer Grammatiken

Die weltweite Verbreitung grammatikalischer Komplexität (Fusion). Eng miteinander verwandte Sprachen ähneln einander oft auch hinsichtlich ihrer grammatikalischen Komplexität.
© Olena Shcherbakova et al., Science Advances (2023)

Bisher gingen viele Linguisten davon aus, dass Sprachen, die von vielen Nicht-Muttersprachlern gesprochen werden, in der Regel grammatikalisch weniger komplex sind. Eine neue Studie unter der Leitung eines Forschungsteams des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie stellt diese Theorie nun in Frage. Die Forschenden analysierten eine Stichprobe von 1.314 Sprachen aus der ganzen Welt und kamen zu dem Ergebnis, dass weder die Größe der Sprachgemeinschaft noch der Anteil der Zweitsprachler mit einfacheren Grammatiken in Verbindung stehen.

Die Sprachen der Welt unterscheiden sich hinsichtlich ihrer grammatikalischen Komplexität teils stark voneinander. Sogar zwischen eng verwandten Sprachen sind diese Unterschiede zu beobachten. Sprechende des Schwedischen, Dänischen und Norwegischen verwenden zum Beispiel dasselbe Wort, hunden („Hund“), um auszudrücken, dass der Hund sich im Haus befindet, jemand den Hund gefunden oder dem Hund Futter gegeben hat. Im Isländischen hingegen kommen in diesen drei Situationen auch drei verschiedene Wortformen zum Einsatz, die dem Nominativ, Akkusativ und Dativ entsprechen: hundurinn, hundinn und hundinum.

In der Verwendung des Kasussystems unterscheidet sich das Isländische so von seinen eng verwandten Schwestersprachen. „Dass einige Sprachen eine komplexere Grammatik haben als andere wurde bisher häufig mit dem sozialen Umfeld, in dem diese Sprachen verwendet werden, in Verbindung gebracht“, sagt Erstautorin Olena Shcherbakova vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. So wird zum Beispiel Isländisch in erster Linie von der lokalen Bevölkerung, also von über 350.000 Menschen, gelernt und verwendet. Solche relativ kleinen, isolierten Gemeinschaften werden auch als „Gesellschaft von Vertrauten“ (society of intimates) bezeichnet.

Im Gegensatz zu Island haben die anderen skandinavischen Länder, die einander unmittelbar benachbart sind, mehr Einwohner mit einem beträchtlichen Anteil an Nicht-Muttersprachlern. Solche Gemeinschaften werden als „Gesellschaft von Fremden“ (society of strangers) bezeichnet. Bisher waren viele Linguisten der Ansicht, dass Sprachen mit einem hohen Anteil an Nicht-Muttersprachlern weniger komplexe Grammatiken entwickelt haben, da es Erwachsenen oft schwerer fällt, komplexe grammatikalische Regeln zu erlernen, um alle Feinheiten der neuen Sprache möglichst perfekt zu beherrschen.

Aber ist das Beispiel des Isländischen repräsentativ für die Sprachen der Welt und ihre herausragende Vielfalt? Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie hat nun analysiert, ob Sprachen, die von Gesellschaften Fremder mit vielen Muttersprachlern und Nicht-Muttersprachlern gesprochen werden, grammatikalisch tatsächlich weniger komplex sind. Dafür haben sie mithilfe von Daten aus Grambank – einer kürzlich veröffentlichten Datenbank grammatikalischer Merkmale der Sprachen der Welt – die grammatikalische Komplexität von 1.314 Sprachen gemessen. Diese haben sie anschließend mit Daten zum Anteil der Nicht-Muttersprachler der jeweiligen Sprachen abgeglichen.

Komplexität neu definieren

Die Komplexität von Sprache ist ein in der Linguistik heftig diskutiertes Thema, zu dem es kontroverse Ansichten gibt. „Einige dieser Meinungsverschiedenheiten beruhen darauf, dass ‚Komplexität‘ unterschiedlich definiert wird“, sagt Hedvig Skirgård vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „In unserer Studie haben wir die Methodik verbessert, indem wir zwei unterschiedliche Maßstäbe für Komplexität herausgearbeitet haben: Fusion – wie viele Affixe (Vor- und Nachsilben) Verben und Substantive haben, und Informativität – wie viele Unterscheidungen gemacht werden.“

Die aktuelle Studie ergab, dass von Gesellschaften Vertrauter gesprochene Sprachen grammatikalisch nicht weniger komplex sind. „Im Allgemeinen nimmt die Variation von grammatikalischer Komplexität in Anpassung an das unmittelbare Umfeld sogar allmählich zu“, sagt Shcherbakova. Als Gegenbeispiel für die Behauptung, dass das soziale Umfeld die grammatikalische Komplexität prägt, wird häufig das Deutsche aufgeführt. Deutsch wird von zahlreichen Nicht-Muttersprachlern gelernt und gesprochen und hat dennoch sein Kasussystem und viele andere grammatikalische Besonderheiten beibehalten.

Die Studie untersuchte den Einfluss des sozialen Umfelds auf die grammatikalische Komplexität von Sprache und berücksichtigte dabei zu erwartende Ähnlichkeiten durch Sprachverwandtschaft und -kontakt. „Die Verwendung umfangreicher Sprachdatensätze und die Berücksichtigung von Einflüssen wie Vererbung und Sprachkontakt ist für die Beantwortung von Fragen zur Evolution von Sprache unabdingbar geworden. Mithilfe der zunehmend verfügbaren Daten aus aller Welt können gängige linguistische Lehrmeinungen einer rigorosen Prüfung unterzogen werden“, sagt Simon Greenhill von der Universität Auckland.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Olena Shcherbakova
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig olena_shcherbakova@eva.mpg.de

Originalpublikation:

Olena Shcherbakova, Susanne Maria Michaelis, Hannah J. Haynie, Sam Passmore, Volker Gast, Russell D. Gray, Simon J. Greenhill, Damián E. Blasi, Hedvig Skirgård
Societies of strangers do not speak less complex languages
Science Advances, 16 August 2023, https://doi.org/10.1126/sciadv.adf7704

https://www.eva.mpg.de/

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Sandra Jacob Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

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