Demografische Entwicklung: Afrika am Scheideweg

2050 werden mindestens neun Milliarden Menschen auf der Erde Leben, so die aktuellen Prognosen der Vereinten Nationen. Der größte Teil des Bevölkerungswachstums findet in den Entwicklungsländern statt – vor allem in den Ländern südlich der Sahara.

Der Zuwachs stellt eine enorme Herausforderung dar, denn immer mehr Menschen konkurrieren um knappe Ressourcen wie Ackerland, Nahrung, Wasser, aber auch um Bildung, Gesundheitsversorgung und vor allem um Arbeitsplätze.

Trotzdem sehen viele Experten in der demografischen Entwicklung eine große Chance für die Region. So auch Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: „Wenn alles gut geht, kann in vielen afrikanischen Ländern schon bald ein sogenannter demografischer Bonus entstehen.“

Dieser bildet sich heraus, wenn die Geburtenraten sinken und die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter schneller wächst als die Gesamtbevölkerung. Viele Erwerbsfähige stehen dann relativ wenigen jungen oder alten abhängigen Menschen gegenüber. Dieses Verhältnis habe in den 1980er Jahren gemeinsam mit Verbesserungen in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt zum enormen Wirtschaftswachstum der asiatischen Tigerstaaten geführt.

Doch die Mehrheit der Staaten Subsahara-Afrikas ist von diesem Bonus noch Jahre entfernt. Vor allem, weil mit durchschnittlich fünf Kindern pro Frau die Fertilitätsraten noch auf sehr hohem Niveau liegen. Und selbst wenn die Region den Bonus einmal erreicht, ist ein wirtschaftlicher Aufschwung nach asiatischem Vorbild nicht programmiert. „Subsahara-Afrika könnte anstatt eines Booms ein Desaster erwarten“, so Klingholz.

Denn um die günstige Altersstruktur in eine sogenannte demografische Dividende zu verwandeln, müssten die Länder vor allem für ausreichend Jobs sorgen. Und das, so der Forscher, sei eine gewaltige Herausforderung.

Prognosen zufolge wird zwischen 2010 und 2020 die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte der Region um 120 Millionen Menschen anwachsen. 2050 werden eine Milliarde Menschen im erwerbsfähigen Alter südlich der Sahara leben – mehr als in Indien oder China. „Doch schon heute können die Arbeitsmärkte die wachsende Schar an Arbeitskräften nicht aufnehmen“, gibt Klingholz zu bedenken.

Davon seien vor allem junge Menschen betroffen. „Nur jeder vierte Mann und jede zehnte Frau unter 30 haben einen Job im formalen Sektor. Der Rest muss sich meist lebenslang mit Gelegenheitsjobs zufrieden geben“, erklärt der Demografie-Experte. Bliebe es bei dieser Lage und nähme gleichzeitig die Bevölkerung wie prognostiziert zu, würde die Zahl junger Afrikaner ohne jegliche Perspektive bedrohlich wachsen.

Klingholz warnt deshalb vor einer Eskalation: „Konzepte müssen auf den Tisch, um den demografischen Wandel voranzutreiben und gleichzeitig die Arbeitsplätze von morgen zu schaffen. Sonst könnte es in der Region schon bald vermehrt zu Kriegen und Konflikten kommen. Was passieren könnte, wenn nichts geschieht, zeigen Mali und Nigeria schon heute.“ Mit Investitionen an den richtigen Stellen, vor allem in Bildung, so Klingholz weiter, erhöhe sich dagegen die Chance auf einen anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Subsahara-Afrika.

Umfangreiches Material zu den Themen Weltbevölkerung und demografische Dividende finden Sie in unserem Themenspecial

http://www.berlin-institut.org/themenspecials/demografische-dividende.html

und in unserem aktuellen Newsletter

http://www.berlin-institut.org/newsletter/175_07_Juli_2014.html

Bei Rückfragen helfen wir Ihnen gerne weiter:

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Schillerstr. 59
10627 Berlin

Ansprechpartner: Ruth Müller (mueller@berlin-institut.org, Tel.: 030 – 31 01 74 50) und Franziska Woellert (woellert@berlin-institut.org, Tel.: 030 – 31 01 74 50)

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist ein unabhängiger Thinktank, der sich mit Fragen regionaler und globaler demografischer Veränderungen beschäftigt. Das Institut wurde 2000 als gemeinnützige Stiftung gegründet und hat die Aufgabe, das Bewusstsein für den demografischen Wandel zu schärfen, nachhaltige Entwicklung zu fördern, neue Ideen in die Politik einzubringen und Konzepte zur Lösung demografischer und entwicklungspolitischer Probleme zu erarbeiten.

Das Berlin-Institut erstellt Studien, Diskussions- und Hintergrundpapiere, bereitet wissenschaftliche Informationen für den politischen Entscheidungsprozess auf und betreibt ein Online-Handbuch zum Thema Bevölkerung.

Weitere Informationen, wie auch die Möglichkeit, den kostenlosen regelmäßigen Newsletter „Demos“ zu abonnieren, finden Sie unter http://www.berlin-institut.org

http://www.berlin-institut.org/themenspecials/demografische-dividende.html
http://www.berlin-institut.org/newsletter/175_07_Juli_2014.html
http://www.berlin-institut.org

Media Contact

Stephan Sievert idw - Informationsdienst Wissenschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften

Der neueste Stand empirischer und theoretischer Erkenntnisse über Struktur und Funktion sozialer Verflechtungen von Institutionen und Systemen als auch deren Wechselwirkung mit den Verhaltensprozessen einzelner Individuen.

Der innovations-report bietet Ihnen hierzu interessante Berichte und Artikel, unter anderem zu den Teilbereichen: Demografische Entwicklung, Familie und Beruf, Altersforschung, Konfliktforschung, Generationsstudien und kriminologische Forschung.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Screeningsystem für Lungengeräuschanalyse

Ein an der TU Graz entwickeltes Mehrkanal-Aufnahmegerät für krankhafte Lungengeräusche und die dazugehörige automatische Analyse der Geräusche könnten bestehende Screening-Methoden zur Früherkennung zum Beispiel von Covid-19-Infektionen unterstützen. Hierfür benötigt es…

Digitale Technologien für den Blick in den Boden

Weltbodentag Böden sind eine empfindliche und in Folge intensiver Landwirtschaft auch häufig strapazierte Ressource. Wissenschaftler*innen des ATB entwickeln daher digitale Lösungen für eine ressourcenschonende und umweltgerechte Bodenbewirtschaftung. Mit dem Weltbodentag…

Kartierung neuronaler Schaltkreise im sich entwickelnden Gehirn

Wie kann man neuronale Netze aufbauen, die komplexer sind als alles, was uns bis heute bekannt ist? Forscher am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main haben die Entwicklung von…

Indem Sie die Website weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. mehr Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind so eingestellt, dass sie "Cookies zulassen", um Ihnen das bestmögliche Surferlebnis zu bieten. Wenn Sie diese Website weiterhin nutzen, ohne Ihre Cookie-Einstellungen zu ändern, oder wenn Sie unten auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

schließen