Auf die Mischung in der Stadt kommt es an

Welche Konzepte gibt es, das Wohnen in der Stadt attraktiver zu machen?


Etwa 50 Wissenschaftler und Praktiker aus acht Ländern beraten vom 14. bis 15. September in der Messestadt über Strategien der Reurbanisierung von innenstadtnahen Wohnquartieren. Reurbanisierung meint ein umfassendes Konzept, das erklärt, warum die Wohn- und Lebensbedingungen in innerstädtischen Wohngebieten für unterschiedliche Bewohnergruppen und Haushaltstypen wieder attraktiv werden. Dazu untersuchten die Wissenschaftler in den vergangenen drei Jahren neben Leipzig auch Ljubljana in Slowenien, León in Spanien und Bologna in Italien. Das von der Europäischen Union geförderte Forschungsprojekt „Re Urban Mobil“ wird vom Leipziger Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung (ASW) koordiniert. Das Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ) ist für den wissenschaftlichen Ansatz verantwortlich.

Viele Städte in Europa stehen vor dem gleichen Problem: Die Industrie schrumpft, die Arbeitslosigkeit steigt und die Menschen ziehen weg. Dazu kommt noch, dass sich nicht nur die soziale und ethnische Struktur in ganzen Stadtteilen verschiebt. Auch das Alter der Bewohner und die Größe der Haushalte ändern sich. Soziologen nennen das den demographischen Wandel. Ein Wandel, der auch optisch Spuren hinterlässt: Besonders die zentrumsnahen Altbauquartiere sind von Entleerungsprozessen betroffen. Immer mehr Menschen verlassen diese Gebiete. Ganze Viertel verlieren ihre ursprüngliche Funktion. Die wertvolle historische Baussubstanz als kulturelles Erbe und als symbolische Verbindung zwischen Stadtzentrum und Peripherie ist in ihrer Existenz gefährdet. Welche Chancen gibt es, diesen Trend aufzuhalten?

Vor diesem Hintergrund suchen immer mehr Städte nach Konzepten, wie diese Stadtviertel attraktiver gemacht und damit Menschen zum Bleiben oder gar Herziehen motiviert werden können. Weil die Probleme sehr komplex sind, kooperieren in diesem Forschungsprojekt Soziologen, Demographen, Stadtplaner, Architekten, Juristen, Ökonomen und Stadtökologen. „Anstelle der traditionellen Familie leben immer mehr Menschen lediglich auf Zeit zusammen“, erklärt Dr. Sigrun Kabisch vom UFZ. „Neue Haushaltsstrukturen verlangen auch neue Wohnungszuschnitte. Momentan gibt es einen Trend zu größeren Wohnungen, die Gemeinschaft, aber auch Rückzugsmöglichkeiten für die Einzelnen zulassen.“ Daneben sind auch moderate Preise und nahe Grünflächen ein wichtiger Grund bei der Wahl der Wohnung. Aus Sicht der UFZ-Wissenschaftler sind die neuen Haushaltstypen ein wichtiger Schlüssel, um die Probleme von Leipziger Stadtteilen wie Altlindenau oder Neustadt/Neuschönefeld in den Griff zu bekommen. Sigrun Kabisch dazu: „Bestimmte Bevölkerungsgruppen können als Stabilisatoren wirken, wenn das Wohnungsangebot und das Wohnumfeld stimmen – und dabei kommt es auf die Mischung an.“

Die Abschlusskonferenz des EU-Projektes „Re Urban Mobil“ ist eingebunden in die Aktionswoche „Leipzig: Stadt im Wandel – FreiRäume leben“, die vom 10. bis zum 18. September 2005 stattfindet. Leipzig hat in kurzer Zeit einen grundlegenden Wandlungsprozess durchlaufen. Dabei sind neue Freiräume entstanden, die es so nur in der „entdichteten Stadt“ gibt: Neue Parks, temporäres Grün und temporäre Nutzung alter Häuser, moderne Stadthäuser, Lofts oder großzügige Gründerzeitwohnungen. Diese neuen Stadtbausteine werden bei Exkursionen und Spaziergängen vorgestellt. Gleichzeitig finden eine ganze Reihe von Fachveranstaltungen zu den Themen Stadterneuerung und Stadtumbau statt. Leipzig ist eine Woche lang Treffpunkt der Fachöffentlichkeit aus dem In- und Ausland. Gleichzeitig bietet die Aktionswoche den Leipzigern einmal mehr die Gelegenheit, ihre Stadt neu zu entdecken. Tilo Arnhold

Weitere fachliche Informationen über:
Dr. Sigrun Kabisch
UFZ-Department Stadt- und Umweltsoziologie
Telefon: 0341-235-2366
Email: sigrun.kabisch@ufz.de

und

Doris Böhme
UFZ-Pressestelle
Telefon: 0341-235-2278
Email: presse@ufz.de

sowie

Ute Lennsen
Stadt Leipzig
Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung
Telefon: 0341-123-5496
Email: ulenssen@leipzig.de

Die Wissenschaftler des UFZ-Umweltforschungszentrums Leipzig-Halle (UFZ) erforschen die komplexen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt in genutzten und gestörten Landschaften. Sie entwickeln Konzepte und Verfahren, die helfen sollen, die natürlichen Lebensgrundlagen für nachfolgende Generationen zu sichern.

Das UFZ ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, die mit ihren 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2.2 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands ist. Die insgesamt 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Helmholtz-Gemeinschaft forschen in den Bereichen Struktur der Materie, Erde und Umwelt, Verkehr und Weltraum, Gesundheit, Energie sowie Schlüsseltechnologien.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften

Der neueste Stand empirischer und theoretischer Erkenntnisse über Struktur und Funktion sozialer Verflechtungen von Institutionen und Systemen als auch deren Wechselwirkung mit den Verhaltensprozessen einzelner Individuen.

Der innovations-report bietet Ihnen hierzu interessante Berichte und Artikel, unter anderem zu den Teilbereichen: Demografische Entwicklung, Familie und Beruf, Altersforschung, Konfliktforschung, Generationsstudien und kriminologische Forschung.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreiben Sie einen Kommentar

Neueste Beiträge

Neutronen-basierte Methode hilft, Unterwasserpipelines offen zu halten

Industrie und private Verbraucher sind auf Öl- und Gaspipelines angewiesen, die sich über Tausende von Kilometern unter Wasser erstrecken. Nicht selten verstopfen Ablagerungen diese Pipelines. Bisher gibt es nur wenige…

Dresdner Forscher:innen wollen PCR-Schnelltests für COVID-19 entwickeln

Noch in diesem Jahr einen PCR-Schnelltest für COVID-19 und andere Erreger zu entwickeln – das ist das Ziel einer neuen Nachwuchsforschungsgruppe an der TU Dresden. Der neuartige Test soll die…

Klimawandel und Waldbrände könnten Ozonloch vergrößern

Rauch aus Waldbränden könnte den Ozonabbau in den oberen Schichten der Atmosphäre verstärken und so das Ozonloch über der Arktis zusätzlich vergrößern. Das geht aus Daten der internationalen MOSAiC-Expedition hervor,…

Partner & Förderer