Berufliche Belastung von Lehrern ist hoch

Lehrer haben einen schlechten Ruf. Sie gelten als „faul“, freizeitverwöhnt, unterfordert. Zu unrecht, wie Bremer Schulforscher jetzt mit objektiven Fakten belegen.

In einer Studie im Auftrag des Senators für Bildung und Wissenschaft haben die Wissenschaftler vom Institut für Interdisziplinäre Schulforschung im Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen den Arbeitsalltag von Lehrern analysiert und dabei ihren Verdacht bestätigt gefunden: Lehrerinnen und Lehrer sind hohen und nicht ausreichend kompensierten psychischen und körperlichen Anforderungen ausgesetzt; über wenige Berufs-Jahrzehnte hinweg führen diese Bedingungen zu einem Verschleiß an psychischer und physischer Leistungsfähigkeit und zwingt den größeren Teil aller Lehrkräfte zur vorzeitigen Beendigung des Berufslebens.

Die Bremer Wissenschaftler Professor Jörg Berndt, Professor Hans-Georg Schönwälder, Gerhart Tiesler und Frauke Ströver haben 178 Lehrer und Lehrerinnen an fünf Bremer Schulen eine bis zwei Wochen lang in ihrem Arbeitsalltag begleitet. Sie beobachteten den Unterrichtsverlauf und nahmen bei allen Testpersonen ein Langzeit-EKG auf, aus dem Beschleunigungen und Verlangsamungen der Herztätigkeit kontinuierlich ermittelt wurden; daraus wurden Aussagen über Anspannung und Entspannung gewonnen. Lehrerinnen und Lehrer stellten sich außerdem für eine medizinisch-psychologische Testbatterie zur Verfügung und füllten einen umfassenden Fragebogen aus, der sie danach befragte, durch welche Merkmale ihres Berufe sie sich mehr oder weniger stark belastet fühlen.

Weil sich bei dieser Befragung ergab, dass einer der wichtigsten Belastungsfaktoren „…der Lärm, den Schülerinnen und Schüler machen“ ist, wurden in einigen Schulräumen (Klassenräume, Turnhalle, Pausenhalle, Lehrerzimmer) über ganze Schultage Schallpegel-Messungen während des normalen Schulbetriebs durchgeführt, um den „subjektiv empfundenen“ mit dem „physikalisch gemessenen Lärm“ vergleichen zu können.

Die Untersuchungsergebnisse zeigen vor allem eines: Die Mehrheit der Lehrer leidet unter körperlichen und seelischen Belastungsfolgen und ist gesundheitlich beeinträchtigt. Auffällig ist der geringe Erholungswert von Unterrichtspausen, so dass die psychophysische Leistungsfähigkeit der Lehrer im Laufe des Tages erheblich abnimmt. Bei der Mehrzahl der Testpersonen treten dauernde gesundheitliche Schwierigkeiten auf, wie Ernährungsstörungen, Beschwerden im Bewegungsapparat oder Kreislaufprobleme. Hinzu kommen psychische Probleme wie erhöhte Reizbarkeit, Schlafstörungen und verminderte Konzentrationsfähigkeit. Bei vielen Lehrkräften summieren sich diese Probleme zum „Burnout-Syndrom“, unter dem etliche Lehrerinnen und Lehrer so stark leiden, dass sie vor dem Eintritt in das Renten- oder Pensionsalter arbeitsunfähig sind.

Für die Bremer Uni-Forscher steht fest: Druck und unberechtigte Kritik – auch von offizieller Seite – sind ungeeignete Mittel, die berufliche Leistung von Lehrerinnen und Lehrern (also den Unterricht und seine Ergebnisse) zu verbessern. Gute pädagogische Arbeit setzt gute Arbeitsbedingungen voraus, die nach den Ergebnissen der Studie in vielen Details (zum Beispiel Organisation des Schultages, des Schuljahres und des Arbeitslebens, der Gesundheitsvorsorge, der Fort- und Weiterbildung) verbesserungsfähig und verbesserungsbedürftig sind.

Ohnehin ist es nicht besonders konstruktiv, nur die Lehrkräfte für das negative Abschneiden des gesamten Bildungssektors (PISA-Studie) verantwortlich zu machen. Allein die wenigen Untersuchungen zur Lärmbelastung, die im Rahmen der vorliegenden Studie vorgenommen wurden (eine ausführliche Analyse des „Schullärm-Problems“ wird sich anschließen) haben gezeigt, dass manche Einschränkung schulischer Lernergebnisse unter anderem auf die schlechte akustische Qualität mancher Klassenräume zurückzuführen sind.

Was ist zu tun? Es kann kaum hingenommen werden, dass in einem für Erziehung und Bildung so zentralen Berufsstand die Mehrzahl der Berufstätigen das reguläre Ende des Arbeitslebens nicht erreicht. Soweit die Gründe dafür jetzt etwas besser bekannt sind, sollten sie beseitigt werden, mit den Lehrerinnen und Lehrern gemeinsam, nicht durch Maßnahmen „von oben herab“. Dazu kann Hilfestellung notwendig sein, z.B. auf dem Gebiet des Zeitmanagements (Wie optimiert man einen Arbeitstag? Wie lange darf eine Unterrichtsstunde sein?) oder auf dem Gebiet der (psychischen und physischen) Gesundheitsvorsorge (Was muss ich tun, um meine Leistungsfähigkeit zu erhalten?).

Weitere Informationen:

Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften
Institut für interdisziplinäre Schulforschung
Universität Bremen/FB 11
Gerhart Tiesler
Tel. 0421 / 218 2900
E-Mail: tiesler@uni-bremen.de

Media Contact

Angelika Rockel idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-bremen.de

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