Hitze, Hagel, Sturm – was extreme Wetterereignisse für die Land- und Forstwirtschaft bedeuten

Getreide wie Weizen leidet unter extremer Trockenheit (Thünen-Institut/Michael Welling)

Der Südosten Deutschlands versank in den letzten Wochen im Regen, im Norden litten die Äcker unter anhaltender Dürre, die Waldbrandgefahr stieg. Der Zeitpunkt, über extreme Wetterlagen und ihre Auswirkungen für die Land- und Forstwirtschaft zu sprechen, hätte nicht besser gewählt sein können.

Am 23. Juni 2015 stellten Experten auf einer Tagung in Berlin die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Agrarrelevante Extremwetterlagen und Möglichkeiten von Risikomanagementsystemen“ vor.

Starkregen, Hitze, Dürre, Sturm, Hagel oder Frost können der Land- und Forstwirtschaft erheblichen Schaden zufügen. „Während die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels relativ gut erforscht sind, lagen für die erwartete Zunahme von Extremwetterlagen kaum belastbare Erkenntnisse vor, schon gar nicht regional und nach Kulturarten differenziert“, umreißt Projektleiter Dr. Horst Gömann vom Braunschweiger Thünen-Institut für Ländliche Räume die Ausgangslage.

Die Frage, wie Wirtschaft und Staat reagieren können, veranlasste das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) vor zwei Jahren, das Forschungsprojekt in Auftrag zu geben. Unter Federführung des Thünen-Instituts und zusammen mit dem Julius Kühn-Institut, dem Deutschen Wetterdienst sowie weiteren Partnern wurden die einzelnen Aspekte untersucht und die Ergebnisse jetzt vorgestellt.

Zum Thema Niederschlag fasste der Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes, Dr. Paul Becker, die Erkenntnisse wie folgt zusammen: „Die Häufigkeit von Extremniederschlägen dürfte bis zum Jahr 2100 im Winter um etwa 50 % bis 100 %, im Sommer dagegen nur leicht zunehmen. Dieser Trend findet sich in den Beobachtungen des Deutschen Wetterdienstes für die Wintermonate zum Teil auch bereits wieder, für den Sommer lassen sich dagegen noch keine Änderungen feststellen“.

Die Auswertungen für den Zeitraum von 1961 bis 2013 sowie die Ergebnisse aus den Klimamodellen bis zum Jahr 2100 zeigen zudem: Die Zahl extremer Hitzetage ist angestiegen, dieser Trend wird sich in Zukunft fortsetzen. Ferner nahmen in den letzten 20 Jahren die Tage ohne Niederschlag im März und April zu, ebenso die Zahl extrem trockener Sommertage.

Während für die Frühjahrstrockenheit keine Aussagen zur zukünftigen Entwicklung vorliegen, soll extreme Sommertrockenheit weiter zunehmen, so die Wissenschaftler. Hitze und Trockenheit wirkt sich vor allem auf die Ertragsbildung bei einigen Ackerkulturen, z. B. Weizen, aus. Aktuell werden diese Effekte unter Freilandbedingungen vom Thünen-Institut und vom Julius Kühn-Institut näher untersucht.

Im Wald ist die Fähigkeit zur Selbstverjüngung vor allem unter Fichte und Kiefer gefährdet. Bei einigen Extremwetterlagen wie Hagel, Starkniederschlägen und Spätfrösten, die insbesondere im Acker-, Obst- und Gemüsebau hohe Schäden verursachen, besteht wegen fehlender Beobachtungsdaten bzw. nicht eindeutiger Wechselwirkungen weiterer Forschungsbedarf.

Das Forschungsprojekt kommt zu der Empfehlung, dass es angesichts vielfältiger Anpassungsoptionen in der Land- und Forstwirtschaft nicht unmittelbar notwendig sei, Risikomanagementsysteme wie etwa großflächige Versicherungslösungen gegen Dürre verstärkt staatlich zu unterstützen.

„Diese Studie leistet einen wichtigen Beitrag, sich frühzeitig auf die erwarteten Veränderungen einzustellen und über geeignete Anpassungsmaßnahmen nachzudenken“, so Jobst Jungehülsing, Ministerialrat im BMEL, zum Abschluss der Veranstaltung. Bemerkenswert sei auch, dass das Thünen-Institut, der Deutsche Wetterdienst und das Julius-Kühn-Institut mit dem Projekt eine Vorreiterrolle in der EU hätten, da eine solche Studie bislang noch nicht durchgeführt worden sei.

Die 120 Teilnehmer aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Land- und Forstwirtschaft sowie der Versicherungswirtschaft diskutierten rege die Folgerungen aus den Ergebnissen. Der Endbericht, die Vorträge der Tagung sowie weitere Informationen zum Forschungsprojekt sind unter http://www.agrarrelevante-extremwetterlagen.de zusammengestellt.

http://www.agrarrelevante-extremwetterlagen.de – Projektseite

Media Contact

Dr. Michael Welling Thünen-Institut

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften

Die Geowissenschaften befassen sich grundlegend mit der Erde und spielen eine tragende Rolle für die Energieversorgung wie die allg. Rohstoffversorgung.

Zu den Geowissenschaften gesellen sich Fächer wie Geologie, Geographie, Geoinformatik, Paläontologie, Mineralogie, Petrographie, Kristallographie, Geophysik, Geodäsie, Glaziologie, Kartographie, Photogrammetrie, Meteorologie und Seismologie, Frühwarnsysteme, Erdbebenforschung und Polarforschung.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreiben Sie einen Kommentar

Neueste Beiträge

Mit einem Klick erfahren, wo es im Wald brennt

Satellitengestützte Erkennung von Waldbränden im Waldmonitor Deutschland jetzt online. Seit heute kann jedeR BürgerInnen verfolgen, ob und wo es in Deutschlands Wäldern brennt. Der Waldmonitor Deutschland [http://Waldmonitor-deutschland.de] zeigt jetzt frei…

Komplexe Muster: Eine Brücke vom Großen ins Kleine schlagen

Ein neue Theorie ermöglicht die Simulation komplexer Musterbildung in biologischen Systemen über unterschiedliche räumliche und zeitliche Skalen. Für viele lebenswichtige Prozesse wie Zellteilung, Zellmigration oder die Entwicklung von Organen ist…

Neuartige Membran zeigt hohe Filterleistung

Partikel aus alltäglichen Wandfarben können lebende Organismen schädigen. Für Wand- und Deckenanstriche werden in Haushalten meistens Dispersionsfarben verwendet. Ein interdisziplinäres Forschungsteam der Universität Bayreuth hat jetzt zwei typische Dispersionsfarben auf…

Partner & Förderer