Populationen der Schmetterlinge auf Wiesen haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten halbiert

Zu den Arten, die untersucht wurden, gehört der Hauhechel-Bläuling (Polyommatus icarus), der deutlich zurückgegangen ist. Foto: Erk Dallmeyer<br>

Ursache dafür seien die Intensivierung der Landwirtschaft und ein Mangel an angemessen gemanagten Grünlandökoystemen, so ein am Dienstag von der Europäischen Umweltagentur EEA veröffentlichter Bericht.

In den Report sind die Daten des Tagfalter-Monitoring Deutschlands mit eingeflossen, das vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) wissenschaftlich betreut wird. UFZ-Wissenschaftler haben zudem an der Auswertung der Populationstrends mitgearbeitet.

Der Rückgang der Grünlandarten ist besonders besorgniserregend, so der Bericht, weil diese Schmetterlinge als repräsentative Indikatoren gelten, die Trends für die meisten anderen terrestrischen Insektenarten aufzeigen, die zusammen zwei Drittel aller Arten auf dem Planeten ausmachen. Das heißt, Schmetterlinge sind nützliche Zeigerarten für den Zustand der Biodiversität und der generellen Gesundheit der Ökosysteme. 17 Schmetterlingsarten wurden jetzt im „European Butterfly Grassland Indicator: 1990-2011“ näher untersucht.

Von den 17 Arten sind acht in Europa zurückgegangen. Lediglich bei zwei Arten sind die Populationen stabil geblieben und nur eine hat zugenommen. Für sechs Arten war kein eindeutiger Trend zu erkennen. Zu den Arten, die untersucht wurden, gehört der Hauhechel-Bläuling (Polyommatus icarus), der deutlich zurückgegangen ist, der Aurorafalter (Anthocharis cardamines), der seit 1990 stabil zu sein scheint, und der Mattscheckige Braun-Dickkopffalter (Thymelicus acteon), dessen Entwicklung über die letzten zwei Jahrzehnte unsicher ist.

„Dieser dramatische Rückgang an Grünlandschmetterlingen sollte die Alarmglocken läuten lassen. Generell schrumpfen auch die Wiesen in Europa. Wenn wir es nicht schaffen, diese Lebensräume zu erhalten, könnten wir viele dieser Arten für immer verlieren. Wir müssen uns der Bedeutung von Schmetterlingen und anderer Insekten bewusst werden, denn deren Populationen sind entscheidend für natürliche Ökosysteme und auch für die Landwirtschaft“, sagt Hans Bruyninckx, Direktor der Europäischen Umweltagentur (EEA).

Wieso gehen die Schmetterlinge zurück?
Die Intensivierung von Landwirtschaft und Brachflächen sind zwei der Haupttrends, die die Populationen von Grünlandschmetterlingen beeinflussen. Die Landwirtschaft wird dort intensiviert, wo das Land flach und leicht zu bewirtschaften ist. Auf der anderen Seite sind große Flächen an Wiesen in gebirgigen und feuchten Regionen stillgelegt worden – hauptsächlich in Ost- und Südeuropa. Beides führt zum Rückgang an Lebensräumen für Schmetterlingsarten, die auf Wiesen leben.

Die Intensivierung der Landwirtschaft führt zu einheitlichen Grünflächen, die nahezu steril für die Artenvielfalt sind. Dazu kommt, dass Schmetterlinge sehr empfindlich auf Pestizide reagieren, die intensiv in solchen Agrarsystemen eingesetzt werden.

Landwirtschaftliche Flächen werden oft aus sozio-ökonomischen Gründen stillgelegt. Wenn das Bewirtschaften von Flächen mit niedriger Produktivität nur geringe Einkommen erzielt und es wenig oder keine Unterstützung durch die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU gibt, dann geben Landwirte ihre Unternehmen auf und das Land bleibt unbestellt. Die Wiesen überwuchern schnell und werden durch Büsche und Wäldchen ersetzt.

In einigen Regionen im Nordwesten Europas sind Gründlandschmetterlinge bereits jetzt auf Straßenrandstreifen, Eisenbahnbrachen, felsige oder feuchte Orte, Städte und Naturschutzgebiete beschränkt. Gebiete mit traditioneller extensiver Landwirtschaft, bekannt als Agrarland mit hohem Naturschutzwert, sind ebenfalls wichtige Lebensräume.

Das Beobachten der Europäischen Schmetterlinge
Der vorliegende Bericht basiert auf dem Europäischen Grünlandschmetterlingsindikator (European Butterfly Grassland Indicator), der von De Vlinderstichting (Dutch Butterfly Conservation), Butterfly Conservation Europe und Statistics Netherlands aus den Daten von 1990 bis 2011 erhoben wurde. Dieser Indikator ist das Ergebnis von Informationen aus den nationalen Schmetterlingsmonitoring-Netzwerken in 19 Ländern Europas, größtenteils in der Europäischen Union. Tausende ausgebildete professionelle und freiwillige Beobachter haben dazu rund 3500 Transekte quer über Europa beobachtet. Diese freiwillige Feldarbeit (Citizen Science) ist grundlegend notwendig, um den Status und die Trends der Europäischen Schmetterlingsarten herausfinden zu können.

Auch wenn der Report auf Daten von 1990 bis 2011 basiert, so sollte dennoch bedacht werden, dass die aktuellen Landnutzungsänderungen bereits vor 1990 begonnen haben. Der Bericht vermutet daher, dass die aktuelle Halbierung der Schmetterlingszahlen nur die momentane Entwicklung auf einer viel größeren Zeitskala sein könnte.

Die EU-Biodiversitätsstrategie hat den schlechten Erhaltungszustand der Grünflächen erkannt. Grünflächen sollten angemessen gemanagt werden – sowohl innerhalb von Natura-2000-Schutzgebieten als auch innerhalb von naturschutzwürdigen Agrargebieten, schlussfolgert der Bericht und betont, dass ein neues System an Ausgleichszahlungen unter der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU ein besseres Management dieser Wiesen unterstützen würde.

Der Europäische Grünlandschmetterlingsindikator könnte als Maßstab genutzt werden, um den Umwelterfolg oder -misserfolg der Agrarpolitik zu messen. Die nachhaltige Finanzierung von solchen Indikatoren würde helfen, eine Reihe von Politikinstrumenten zu überprüfen und wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum EU-Ziel, den Rückgang der Biodiversität bis 2020 zu stoppen.

EEA/Tilo Arnhold

Publikation:
European Environment Agency (2013):
The European Grassland Butterfly Indicator: 1990–2011.
EEA Technical report No 11/2013. ISBN 978-92-9213-402-0
doi:10.2800/89760
This report presents the European Grassland Butterfly Indicator, based on national Butterfly Monitoring Schemes (BMS) in 19 countries across Europe, most of them in the European Union.

http://www.eea.europa.eu/publications/the-european-grassland-butterfly-indicator-19902011

Weitere Informationen:
Elisabeth Kühn/ Oliver Harpke/ Dr. Martin Musche
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: 0345-558-5263, -5312, -5310
http://www.ufz.de/index.php?de=10387
http://www.ufz.de/index.php?de=800
http://www.ufz.de/index.php?en=15805
und auf Englisch und Niederländisch via
Chris van Swaay
De Vlinderstichting
Postbus 506, 6700 AM Wageningen, Netherlands
T: +31 317 467346
http://www.vlinderstichting.nl/
http://www.bc-europe.eu/
oder über
Tilo Arnhold, Susanne Hufe (UFZ-Pressestelle)
Telefon: 0341-235-1635, -1630
http://www.ufz.de/index.php?de=640
Weiterführende Links:
Tagfalter-Monitoring Deutschland
http://www.tagfalter-monitoring.de/
Wie Europas am stärksten gefährdete Schmetterlinge gerettet werden könnten (Pressemitteilung vom 28. März 2012)
http://www.ufz.de/index.php?de=30346
Alarm für seltene Schmetterlinge in Europa (Pressemitteilung vom 5. Oktober 2011)
https://www.ufz.de/index.php?de=22156
Ein Drittel der Schmetterlinge Europas gefährdet (Pressemitteilung vom 18. März 2010)

https://www.ufz.de/index.php?de=19465

Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 1100 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

http://www.ufz.de/

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit über 34.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 18 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 3,8 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

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