Der südliche Weg der Gerste – Herkunft der Qingke-Gerste in Tibet durch Genomsequenzierung geklärt

(a) Weltweite geographische Verteilung (b) Verteilung der Qingke-Gerste-Landrassen und tibetischen Wildgersten. (c) Verbreitungswege Verbreitungswege für Gerste und Weizen nach China und Tibet. Nature Communications

Während Gerste in Deutschland vor allem als Futtermittel und in geringeren Mengen als Braugerste zur Malzerzeugung oder auch direkt als Nahrungsbestandteil für den Menschen verwendet wird, spielt Gerste in anderen Ländern eine wesentlich bedeutsamere Rolle. So ist sie z.B. in Tibet eines der Hauptgrundnahrungsmittel.

Die dortige Gerste, Hordeum vulgare L., ist sechszeilig und spelzenfrei und wird als Qingke-Gerste bezeichnet.

Darüber, wie die landwirtschaftlich bedeutsame Kulturgerste nach Tibet kam, wird schon seit längerem diskutiert.

Die Arbeitsgruppen von Dr. Martin Mascher und Dr. Nils Stein des Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) Gatersleben beschäftigen sich mit der Aufklärung der genomischen Eigenschaften von Kulturpflanzen.

Zusammen mit Wissenschaftlern von neun chinesischen Forschungsinstituten und einer australischen Universität nahmen sich Forscher der Arbeitsgruppen der Fragestellung nach der Herkunft der Qingke-Gerste in internationaler Zusammenarbeit an.

Zur Untersuchung der Herkunft und der Domestizierung der Qingke-Gerste entschlüsselten sie die Genome von 177 verschiedenen Gersten-Akzessionen durch DNA Sequenzierung, darunter von Qingke-Gerste aus verschiedenen Regionen Tibets, östliche und westliche Gersten Genotypen und einer verwilderten tibetischen Gerste, dessen Phänotyp einer Mischung aus Wildgerste und Qingke-Gerste entspricht.

Die Analyse der Sequenzierungsdaten wurde dadurch ermöglicht, dass internationale Wissenschaftler um Nils Stein im Jahr 2017 eine Referenzsequenz für Gerste geschaffen hatten.

Die Wissenschaftler zeigten mit ihrer aktuellen Analyse, dass die Qingke-Gerste von einer im östlichen fruchtbaren Halbmond ¬– eine Region im Nahen Osten, die sich von Israel über Jordanien, Syrien, die Türkei, Irak bis nach Iran erstreckt – domestizierten Gerste abstammt.

Diese Kulturgerste wurde vermutlich vor ca. 4.500 bis 3.500 Jahren über Nord-Pakistan, Indien und Nepal nach Süd-Tibet eingeführt. Die dabei festgestellte geringe genetische Variabilität der Qingke-Gerste deutet darauf hin, dass entgegen vorheriger Vermutungen, Tibet nicht als Ursprungsort der Domestizierung der Gerste eine Rolle gespielt haben kann.

Stattdessen zeigt die Abnahme der genetischen Vielfalt von östlicher domestizierter Gerste bis hin zur Qingke-Gerste, dass vermutlich ein sogenannter Gründereffekt vor 4.500 bis 2.000 Jahren stattfand, bei dem nur eine kleine genetische Gruppe der Gerste an die Umweltbedingungen des tibetanischen Plateaus angepasst werden konnte und so zu den Vorfahren der Qingke-Gerste wurde.

Dass die Gerste eine solche genetische Vielfalt aufweist, so dass sie sich an extreme Umweltbedingungen, wie im tibetischen Hochland, anpassen und als Hauptkulturpflanze etablieren konnte, reflektiert die Dynamik des Gerstengenoms.

Somit ist Qingke-Gerste eine neue potentielle Quelle für Resistenzen gegen widrige biotische und abiotische Umweltbedingungen, die möglicherweise auch in der heimischen Züchtung genutzt werden könnte.

Zusammenfassung:

– Gerste gilt als eine der ersten von Menschen domestizierten Kulturpflanzen

– In manchen Ländern, z. B. Tibet, dient Gerste als Grundnahrungsmittel

– Mit Hilfe der Genomanalyse verschiedener Gerstenmuster wurde die bisherige Hypothese, dass für Gerste, neben dem fruchtbaren Halbmond im Nahen Osten, ein zweites Diversitäts- und Domestikationszentrum in Tibet liegt, widerlegt. Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt die tibetanische Qingke-Gerste (Hordeum vulgare L.) von einer im Osten des fruchtbaren Halbmondes domestizierten Gerste ab, welche vor ca. 4.500 bis 3.500 Jahren über eine Südroute nach Tibet eingeführt wurde
– Kooperation von Forschern aus 11 internationalen Forschungseinrichtungen
– Publikation in Nature Communications (https://www.nature.com/articles/s41467-018-07920-5)

Prof. Dr. Nils Stein
Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) Gatersleben
Tel.: +49 39482 5522,
E-mail: stein@ipk-gatersleben.de

Xingquan Zeng et al. (2018) “Origin and evolution of qingke barley in Tibet”, Nature Communications, DOI: https://doi.org/10.1038/s41467-018-07920-5

Media Contact

Regina Devrient idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Informationen:

http://www.ipk-gatersleben.de

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie

Der innovations-report bietet im Bereich der "Life Sciences" Berichte und Artikel über Anwendungen und wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Biologie, der Chemie und der Humanmedizin.

Unter anderem finden Sie Wissenswertes aus den Teilbereichen: Bakteriologie, Biochemie, Bionik, Bioinformatik, Biophysik, Biotechnologie, Genetik, Geobotanik, Humanbiologie, Meeresbiologie, Mikrobiologie, Molekularbiologie, Zellbiologie, Zoologie, Bioanorganische Chemie, Mikrochemie und Umweltchemie.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Klimawandel verursacht Artensterben im Schwarzwald

Schon heute hinterlässt der Klimawandel in den Mooren im Schwarzwald seine Spuren. Durch steigende Temperaturen und längere Trockenperioden sind dort in den vergangenen 40 Jahren bereits zwei typische Pflanzenarten ausgestorben….

Experiment bildet Elektronentransfer im Molekül ab

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena entwickeln in dem neuen Projekt „Multiskalen Pump-Pump-Probe-Spektroskopie zur Charakterisierung mehrschrittiger Elektronentransferkaskaden“ (kurz: „Multiscale P3S“) eine bisher einzigartige Untersuchungsmethode, um genau unter die Lupe zu…

Leistungstest für neuronale Schnittstellen

Freiburger Forschende entwickeln Richtlinie zur einheitlichen Analyse von Elektroden Wie sollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Leistungsfähigkeit neuronaler Elektroden messen und definieren, wenn es keinen einheitlichen Standard gibt? Die Freiburger Mikrosystemtechnikerin…

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close