Demographie beeinflusst Brutfürsorge bei Regenpfeifern

Hirtenregenpfeifer (Charadrius pecuarius) aus Madagaskar Luke Eberhard-Phillips

Das Geschlechterverhältnis in einer Population wirkt sich auf die Verfügbarkeit von Paarungspartnern aus, mit Konsequenzen für das Sozialverhalten: Ist ein Geschlecht in der Überzahl, gibt es häufiger Scheidungen, Untreue oder elterlichen Antagonismus.

Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen, zusammen mit Kollegen unter anderem der Universität Bath und Bielefeldt wollten nun wissen, in welcher Lebensphase und unter welchen Bedingungen es zu solchen Verschiebungen im Geschlechterverhältnis kommt.

Dazu untersuchten sie fünf Arten von Regenpfeifern in sechs Populationen weltweit. Anhand einer einmaligen, individuellen Markierung der Tiere durch Farbringe und einer kleinen Blutprobe der Küken zur Bestimmung des Geschlechts analysierten sie die Überlebensrate, Fruchtbarkeit und das Brutverhalten von über 6.000 Individuen.

Entstehung des ungleichen Geschlechterverhältnisses

In allen sechs Populationen hinweg war das Geschlechterverhältnis der Küken beim Schlüpfen zunächst etwa gleich verteilt. Die Überlebenswahrscheinlichkeit des männlichen und weiblichen Nachwuchses variierte jedoch stark sowohl zwischen, als auch innerhalb der Arten:

„Zu Verschiebungen im Geschlechterverhältnis hin zu mehr Weibchen oder Männchen in der Population trugen jugendliche Tiere acht Mal häufiger bei als Erwachsene, und sogar 327 Mal häufiger als gerade geschlüpfte Küken“, sagt Luke Eberhard-Phillips, Erstautor der Studie. „Wir wissen nicht genau, warum ein Geschlecht das Jugendstadium besser überlebt als das andere. Dies zu untersuchen, wird der nächste Schritt unserer Forschung sein“.

Auswirkungen auf das Verhalten der Eltern

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass das Geschlechterverhältnis der adulten Population unmittelbare Auswirkungen auf die Brutfürsorge der Eltern: In ausgeglichenen Populationen ist es wahrscheinlicher, dass sich beide Elternteile um den Nachwuchs kümmern. Ist das Geschlechterverhältnis jedoch ungleich, kümmert sich eher nur ein Elternteil.

Die Wissenschaftler erwarteten, dass in diesem Falle eher das häufigere Geschlecht bei den Jungen bleibt, da die Aussichten geringer sind, einen neuen Partner für die Fortpflanzung zu finden. Tatsächlich fanden sie, dass sich eher Männchen kümmern, wenn das Geschlechterverhältnis zu ihren Gunsten verschoben ist, und dann auch mehr Männchen überleben.

Sind es mehr Weibchen, kümmern sich erstaunlicherweise jedoch auch eher die Männchen um den Nachwuchs – dann überleben aber eher die weiblichen Küken. „Eine Möglichkeit ist, dass sich in der Stammesgeschichte der Regenpfeifer schon immer eher die Väter um die Jungen gekümmert haben“, sagt Clemens Küpper, Coautor der Studie. Strategien zur Jungenaufzucht sind vermutlich angepasst an örtliche Paarungsgelegenheiten, bedingt durch das Geschlechterverhältnis in der Population. Dieses übt so unter Umständen großen Einfluss auf die Populationsdynamik und das Sozialverhalten aus.

Kontakt:
Dr. Clemens Küpper
Forschungsgruppe Verhaltensgenetik und Evolutionäre Ökologie
Eberhard-Gwinner-Strasse
82319 Seewiesen
Email: ckuepper@orn.mpg.de
Tel. 08157 932-299

Auf Englisch und per Email aufgrund von Feldforschung:
Luke J. Eberhart-Phillips, PhD
Email: luke.eberhart@orn.mpg.de

Media Contact

Dr. Sabine Spehn Max-Planck-Institut für Ornithologie

Weitere Informationen:

http://www.orn.mpg.de

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