Genau wie wir: Weissbüscheläffchen nehmen Rücksicht auf andere

Einzigartig bei den Weissbüscheläffchen ist zudem, dass wie bei den Menschen viele Gruppenmitglieder und nicht nur die Mütter die Kinder aufziehen. Die Anthropologen Judith Burkart und Carel van Schaik gehen deshalb davon aus, dass der Übergang zur kooperativen Jungenaufzucht die Menschwerdung in Gang gebracht hat.

Während mindestens 200 Jahren glaubten Ökonomen, dass Menschen unverbesserlich egoistisch handeln würden. Allerdings zeigte in den letzten Jahren eine grosse Anzahl von Arbeiten, dass dieser propagierte „homo oeconomicus“ mehr Mythos denn Realität ist. In Tat und Wahrheit sind wir Menschen bemerkenswert kooperativ und unterscheiden uns in dieser Eigenschaft von allen Affenarten.

Menschen helfen und sind grosszügig – auch gegenüber fremden Leuten – und dies häufig in völlig anonymen Situationen. Diese Verhaltensweisen basieren auf einer Psychologie von spontaner Besorgnis um das Wohlergehen von anderen und wird von Ökonomen als „other-regarding preference“ bezeichnet, eine Prädisposition für rücksichtsvolles Verhalten.

Experimente mit Schimpansen haben unlängst überraschenderweise gezeigt, dass kooperatives Verhalten bei Schimpansen nicht wie bei uns auf der Besorgnis um das Wohlergehen des Partners beruht, sondern vielmehr der Regel „Wie-du-mir, so-ich-dir“ folgt. Die meisten Primatologen folgerten daraus, dass unser prosoziales Verhalten sich erst vor kurzem entwickelt hat und einzigartig menschlich ist. Aber warum hat sich dieses einzigartige Verhalten bei unseren Vorfahren entwickelt und nicht bei den Vorfahren von anderen Menschenaffen?

Um diese Frage zu beantworten, haben Forscherinnen und Forscher der Universität Zürich Experimente mit Weissbüscheläffchen durchgeführt. Weissbüscheläffchen sind so genannte „cooperative breeders“, d.h. sie zeichnen sich durch gemeinsame, kooperative Jungenaufzucht aus. Kooperative Jungenaufzucht bedeutet, dass alle Gruppenmitglieder massgeblich bei der Aufzucht beteiligt sind und nicht nur die Mütter wie bei den anderen Affen. „Cooperative Breeders“ kooperieren auch in den meisten anderen Bereichen ihres Lebens.

Rücksichtnahme ist nichts exklusiv Menschliches

Die Weissbüscheläffchen konnten in einem Spiel Futter für andere spenden, ohne selbst etwas dafür zu erhalten und ohne die Chance zu haben, selber im Gegenzug dafür vom Empfänger etwas zu erhalten. Anders als Schimpansen, aber ebenso wie Menschen, spenden die Weissbüscheläffchen freizügig für ihre Artgenossen. Diese Resultate zeigen zum ersten Mal, dass echte Besorgnis um das Wohlergehen von anderen nicht etwas exklusiv Menschliches ist, und unterstützen die Hypothese, dass prosoziales Verhalten eine Folge von kooperativer Jungenaufzucht ist. Die Studie, durchgeführt von Dr. Judith Burkart und Prof. Carel van Schaik vom Anthropologischen Institut in Zusammenarbeit mit Prof. Ernst Fehr und Dr. Charles Efferson vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung, alle von der Universität Zürich, ist am 3.12.2007 in „The Proceedings of the National Academy of Sciences USA (PNAS)“ publiziert worden.

Prosoziales Verhalten und grosses Gehirn

Aus der Studie ergibt sich folgendes evolutionäre Szenario: Irgendwann haben unsere Vorfahren begonnen, sich gemeinsam um das Grossziehen der Kinder zu kümmern, was einen tief greifenden Bruch mit dem typischen Lebensstil von anderen Affen darstellte. Obwohl die Vorfahren der Weissbüscheläffchen eine ähnliche Veränderung ihres Lebensstils vornahmen und sie wie die Menschen das zugehörige prosoziale Verhalten entwickelten, gibt es einen wichtigen Unterschied, der weit reichende Folgen für die Menschwerdung hatte. Während das prosoziale Verhalten bei den Weissbüscheläffchen auf ein typisches Tieraffenhirn traf, besassen die Vorfahren des Menschen bereits ein sehr grosses Hirn. Dieses war mindestens so gross wie bei den heutigen Menschenaffen und zu sehr komplexen kognitiven Leistungen fähig. Dieses einzigartige Zusammentreffen von Prosozialität und fortgeschrittener kognitiver Leistungsfähigkeit dürfte eine Kettenreaktion von weiteren Entwicklungen ausgelöst haben, die zu unserer ausschliesslich menschlichen kognitiven Ausstattung geführt hat.

Nehmen wir als Beispiel die entscheidende Rolle, die Erwachsene für die intellektuelle Entwicklung von Kindern spielen. Wenn das Bedürfnis, den Kindern Essen zukommen zu lassen, sich auch auf Information ausbreitet, d.h. wenn Erwachsene ein intrinsisches Bedürfnis haben, Kindern wichtige Informationen zuzuführen, würde dies automatisch die Evolution von gemeinsamer Aufmerksamkeit, von Lehren und möglicherweise sogar Sprache begünstigen. Kurz, der Übergang zur kooperativen Jungenaufzucht dürfte der springende Punkt gewesen sein, der die Menschwerdung in Gang gebracht hat.

Kontakt:
Dr. Judith Burkart, Anthropologisches Institut, Universität Zürich
Tel. +41 44 63 55432
judith.burkart@aim.uzh.ch

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Beat Müller idw

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