Dinosaurier: Wachstumsstopp in schlechten Zeiten

Polierter Anschliff einer Knochenprobe von Plateosaurus mit Wachstumsmarken, die zum Rand enger aufeinander folgen. c) Dr. Martin Sander

Über einen unerklärlichen Befund berichten Paläontologen der Universität Bonn in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift Science, die am 16. Dezember erscheint: Ein von ihnen untersuchter Dinosaurier konnte seine Waschstums-Geschwindigkeit offenbar je nach Umweltbedingungen variieren. Schildkröten und Krokodile machen das zwar auch. In der Dinowelt scheint „Plateosaurus engelhardti“ damit jedoch allein zu stehen – für Saurierforscher ein Rätsel: Muss die Stammesgeschichte der Urweltechsen doch anders geschrieben werden?


„Im Prinzip wuchsen Dinosaurier wie wir“, erklärt der Bonner Paläontologe Dr. Martin Sander: „Zu jedem Alter hatten sie eine bestimmte Körpergröße.“ Spielraum gab es dabei kaum. Reptilien machen das anders: Bei knapper Nahrung wachsen sie langsamer als bei reich gedecktem Tisch. Eine Schildkröte kann daher im selben Alter 30, 40 oder auch 60 Zentimeter lang sein. „Warmblüter dagegen können ihren Stoffwechsel nicht so einfach herunterfahren“, betont der Privatdozent: „Wenn das Nahrungsangebot nicht reicht, gibt es nur eins: Sie sterben.“

Dinosaurier stehen irgendwo dazwischen: Sie stammen zwar von den Reptilien ab. Viele von ihnen waren jedoch bereits warmblütig, sind sich die meisten Forscher heute einig. Und alle wuchsen wie die heutigen Säugetiere: nach genetisch programmiertem Muster und zudem relativ schnell. „So dachte man zumindest bislang“, sagt Sander. „Unsere Ergebnisse werfen diese Vorstellung jedoch zumindest für einen Dinosaurier über den Haufen.“

Schwäbischer Lindwurm

Die Rede ist von „Plateosaurus engelhardti“, dem – gemessen an der Zahl der Fossilfunde – bedeutendsten „deutschen“ Dinosaurier. Der „Schwäbische Lindwurm“ (die Funde stammen vor allem aus Schwaben) lebte vor etwa 200 Millionen Jahren und war der erste richtig große Saurier: Er wurde bis zu 10 Meter lang und mehrere Tonnen schwer. Er zählt zur Gruppe der Prosauropoden, aus denen später die gigantischen Riesendinosaurier hervorgingen. Sander hat zusammen mit seiner Mitarbeiterin Nicole Klein Knochenfunde von Plateosaurus unter die Lupe genommen. Das Knochenwachstum verlief bei Sauriern nämlich mit kurzzeitige Unterbrechungen, so dass sich unter dem Mikroskop ähnlich wie bei Bäumen richtiggehend „Jahresringe“ ausmachen lassen.

Jahresringe im Knochen

Bei schnellem Wachstum ist der Abstand zwischen diesen Jahresringen größer. Das Knochengewebe ist dann von zahlreichen länglichen Höhlen durchzogen. „Bei vielen Tieren folgten die Jahresringe jedoch zumindest zeitweise deutlich dichter aufeinander“, erläutert der Paläontologe. „In diesen Phasen scheinen die Saurier nur langsam gewachsen zu sein.“ An dem Knochenbau lässt sich auch ablesen, wann die Tiere ausgewachsen waren: „Manche hatten ihre maximale Größe schon mit zwölf Jahren erreicht, andere wuchsen selbst mit 27 Jahren noch weiter – Funde von älteren Tieren haben wir nicht untersucht.“ Der kleinste Plateosaurus maß ausgewachsen nur 4,80 Meter – ein wahrer Liliputaner. Andere waren mehr als doppelt so lang.

Erstaunlich ist daran vor allem, dass alle anderen Dinos schön gleichmäßig zu wachsen schienen. Das gilt für die engsten Verwandten von Plateosaurus, aber auch für Saurier, die in der Evolution weit vor ihm auftauchten und denen man ein „reptilähnliches“ Wachstum daher vielleicht gerade noch zugetraut hätte. „Dieser Befund stellt uns vor ein Rätsel“, gibt Sander zu. „Natürlich kann Plateosaurus einfach nur eine Ausnahme sein. Sehr wahrscheinlich erscheint uns diese These aber nicht. Vielleicht hat man auch die bisherigen Knochenfunde nicht korrekt interpretiert. Oder der Dino-Stammbaum, wie wir ihn uns heute vorstellen, stimmt einfach nicht.“

Kontakt:
Dr. Martin Sander
Institut für Paläontologie der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-3105
E-Mail: martin.sander@uni-bonn.de

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Frank Luerweg idw

Weitere Informationen:

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