Blinder Höhlenkrebs mit komplexem Gehirn

Neue Einblicke in die Verwandtschaftsbeziehungen der Gliederfüßer

Für die Wissenschaftler, die sich mit der Biologie der Krebstiere befassen, gehört die Entdeckung der Remipedia im Jahre 1979 ohne Zweifel zu den bemerkenswertesten Ereignissen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Remipeden sind zentimetergroße augenlose Krebse, die im Meerwasser von Karsthöhlen an der Küste vorkommen. In solchen Höhlen der Bahamas hatte Yill Yager vom Antioch College/Ohio diese Kreaturen 1979 entdeckt. Inzwischen wurden sie auch in den schwer zugänglichen Höhlengewässern zum Beispiel Yukatans und Lanzarotes gefunden.

Die stammesgeschichtliche Zugehörigkeit der Remipedia ist umstritten, die taxonomische Zuordnung wird kontrovers diskutiert. Eine Lösung des Problems war bislang nicht in Sicht. Bei den meisten Crustaceologen galten die Remipedia aufgrund ihres gleichförmigen Körperbaus (Segmentierung) und ihrer trägen Fortbewegungsweise als sehr ursprüngliche Vertreter der Krebstiere.

Biologen von der Fakultät für Naturwissenschaften der Universität Ulm und von der Ruhr-Universität Bochum haben jetzt in den „Proceedings“ der Nationalen Akademie der Wissenschaften USA (PNAS, Ausgabe 16. März 2004) eine Studie publiziert, die ein neues Licht auf die Herkunft der Remipedia wirft. In dieser histologischen Arbeit zum Remipeden „Godzilliognomus frondosus“ (benannt nach dem japanischen Kinomonster Godzilla) zeigt der Ulmer Neurobiologe und Evolutionsforscher PD Dr. Steffen Harzsch gemeinsam mit den Bochumer Zoologen Prof. Dr. Johann Wolfgang Wägele und Dr. Martin Fanenbruck, daß die Gehirnstrukturen dieser Tiere hochkomplex und den Gehirnen von höheren Krebsen und sogar Insekten frappierend ähnlich sind. Dies trifft insbesondere auf diejenigen Gehirnstrukturen zu, die chemosensorische Geruchs- und Geschmacksinformationen verarbeiten. Beim Aufspüren von Nahrung ist den Remipedia in ihrem völlig lichtlosen Lebensraum ein hochdifferenziertes Riechzentrum behilflich. Ihre Antennen sind mit einer Vielzahl chemorezeptiver Sinneshaare ausgestattet, über die ein stetiger Wasserstrom geleitet wird und die auf diese Weise geringste Konzentrationen von im Wasser gelösten Geruchsstoffen analysieren können. Es ist besonders die Architektur dieses Riechsystems, die erstaunliche Übereinstimmungen aufweist mit derjenigen des Riechsystems höherer Krebse, der sogenannten Malacostraca (Krabben, Hummer, Langusten und Verwandte), aber auch mit der von Insekten.

„Für die Zoologie könnte dies bedeuten, daß die Stammesgeschichte der Arthropoda (Gliederfüßer) neu überdacht werden muß“, so Dr. Steffen Harzsch und Dr. Martin Fanenbruck. Im Gegensatz zu den traditionellen Verwandtschaftshypothesen ist ein Teil der Krebse – Remipedia und Malacostraca – möglicherweise mit den Insekten näher verwandt als mit den übrigen, ursprünglichen Krebsen (zum Beispiel Ruderfußkrebse, Rankenfüßer oder Wasserflöhe). Die Autoren arbeiten daran, diese neue Theorie zur Stammesgeschichte der Arthropoda zu überprüfen und mit den bisherigen Meinungen zur Evolution der Tiergruppe abzugleichen.

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Peter Pietschmann idw

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