Schmerzfrei ohne Taubheitsgefühl – Wirkstoffkombination mit Chilipfeffer

Sie besteht aus einem Abkömmling (QX314) des lokalen Schmerzmittels Lidocain und Capsaicin, der Brennen verursachenden Substanz aus Chilischoten. Capsaicin öffnet Ionenkanäle, die nur in der Membran von Nervenzellen vorkommen, die für die Wahrnehmung von Schmerz zuständig sind.

Über die geöffneten Kanäle gelangt QX314 in die Nervenzellen und blockiert die Schmerzsensoren“, erklärte Prof. Woolf in seinem Festvortrag „Using Pain to Block Pain“ („Wie man Schmerz zur Schmerzblockade nutzt“) zur Eröffnung des internationalen Kongresses „Development and function of somatosensation and pain“ des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch. „Erstmals ist es uns gelungen, körpereigene Membrankanäle für den Medikamententransport zu nutzen, um gezielt Schmerzsensoren auszuschalten“, sagte er.

Lokalanästhetika sind Schmerzmittel, die in der Regel eingesetzt werden, um Patienten ohne Vollnarkose operieren zu können. „Diese gewöhnlichen Lokalanästhetika, Lidocain eingeschlossen, wirken jedoch auf alle Nervenzellen in dem betäubten Gebiet“, erläuterte Prof. Woolf. Sie blockieren nicht nur Schmerz-, sondern auch Tastsensoren und die motorischen Nervenzellen (Motoneurone), die Muskeln steuern. Taubheit und Bewegungseinschränkungen im dem betäubten Areal sind die Folge.

Um Schmerzsensoren gezielt auszuschalten, aber die Tastsensoren und Motoneurone unberührt zu lassen, setzten die Wissenschaftler das nicht aktive, positiv geladene QX314 ein. Das besondere an QX314 ist, dass es, im Gegensatz zu Lidocain, die Zellhülle von Nervenzellen aufgrund seiner Ladung ohne Hilfe nicht überwinden kann. Da Lokalanästhetika jedoch nur wirken, wenn sie sich in Nervenzellen befinden, bleibt eine QX314-Injektion allein wirkungslos.

Die Forscher koppelten deshalb QX314 an Capsaicin, um es in die Nervenzelle zu schleusen. Capsaicin bindet an ein Oberflächenprotein (TRPV1), das nur in der Hülle von Nervenzellen vorkommt, die für die Schmerzwahrnehmung zuständig sind. Capsaicin öffnet dadurch Membrankanäle, durch die QX314 in die Zelle strömen und die Schmerzsensoren blockieren kann. An Ratten konnten die Wissenschaftler zeigen, dass die neue Kombination aus QX314 und Capsaicin, die sie in die Hinterläufe der Tiere verabreicht hatten, ausschließlich die Schmerzwahrnehmung blockiert. Die Ratten nahmen keine Schmerzreize mehr wahr, konnten sich dennoch normal bewegen und auf Berührungen reagieren.

Die Wissenschaftler weisen aber auf einen Nachteil der aktuellen Strategie hin. Capsaicin aktiviert die Sensoren für Schmerz und Hitze. „Deshalb scheint es, als würde der Mund brennen, wenn Menschen besonders scharfe Speisen essen“, sagte Prof. Woolf. Um die Schmerzmittelkombination in der Klinik benutzen zu können, muss ein anderer Weg gefunden werden, den Capsaicin-Rezeptor TRPV1 zu aktivieren und so die Membrankanäle zu öffnen. „Denn wenn Capsaicin seinen Kanal öffnet, wird kurzzeitig der für ihn typische Hitzeschmerz ausgelöst“, erläuterte Prof. Woolf. „Wir haben versucht, dieses Problem zu lösen und kürzlich neue, schmerzfreie Wege gefunden, QX314 in Nervenzellen zu bringen. Die neue Wirkstoffkombination könnte in Zukunft zum Beispiel Zahnarztpatienten aber auch werdenden Müttern im Kreissaal helfen.“

Barbara Bachtler
Pressestelle
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch
Robert-Rössle-Straße 10
13125 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 94 06 – 38 96
Fax: +49 (0) 30 94 06 – 38 33
e-mail: presse@mdc-berlin.de

Media Contact

Barbara Bachtler Max-Delbrück-Centrum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie

Der innovations-report bietet im Bereich der "Life Sciences" Berichte und Artikel über Anwendungen und wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Biologie, der Chemie und der Humanmedizin.

Unter anderem finden Sie Wissenswertes aus den Teilbereichen: Bakteriologie, Biochemie, Bionik, Bioinformatik, Biophysik, Biotechnologie, Genetik, Geobotanik, Humanbiologie, Meeresbiologie, Mikrobiologie, Molekularbiologie, Zellbiologie, Zoologie, Bioanorganische Chemie, Mikrochemie und Umweltchemie.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Heiße Elektronen

Eine außergewöhnliche Form des Wärmetransports in Metallen Auf Nanoskalen kann beim Aufheizen einer Platinschicht Wärme mithilfe heißer Elektronen durch eine Kupferschicht an eine Nickelschicht weitergegeben werden, ohne den dazwischenliegenden Kupferfilm…

Intelligente Software zum besseren Verständnis der Entwicklung von Pflanzengewebe

Unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz haben Forscherinnen und Forscher ein neuartiges computergestütztes Verfahren der Bildverarbeitung für die Pflanzenwissenschaften entwickelt. In bisher nicht gekannter Präzision ermöglicht es die detailgetreue 3D-Darstellung aller…

RadarGlass – Vom Autoscheinwerfer zum Radarsensor

Für moderne Fahrassistenzsysteme ist die Verwendung der Radartechnologie ein unverzichtbarer Technologiebestandteil. Durch den Einbau einer stetig wachsenden Zahl von Sensoren in Kombination mit der begrenzten Verfügbarkeit exponierter Messstellen ist kaum…

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close