Artenschutz auf leisen Sohlen mit Bayreuther Tierökologen

Prospekt zum Projekt


Um den Schutz von Reptilien geht es bei einem Projekt des Bundesamtes für Naturschutz, an dem Bayreuther Tierökologen maßgeblich beteiligt sind. Ziel ist die wissenschaftliche Grundlagenarbeit zur Konzeption eines Biotopenverbundes, der die Reptilienvorkommen im Lechtal langfristig sichern soll und bundesweit gültige Empfehlungen zum Reptilienschutz.

Tierökologen bei einem Projekt des Bundesamtes für Naturschutz eingebunden
Artenschutz auf leisen Sohlen –
Schlangen und andere Reptilien im Lechtal
Ziel ist ein langfristiges Konzept des Biotopenverbundes zur Sicherung der Reptilien

Bayreuth/Merching (UBT). Im Lechtal zwischen Rain und Klosterlechfeld: Zwei Schlangenkundler schleichen seit diesem Frühjahr den heimischen Kriechtieren nach. Ausgerüstet mit Maßband und Waage, Laptop und Peilantenne ermitteln sie die Anzahl der hier noch lebenden Echsen und Schlangen. Schon früh am Morgen ziehen die Forscher los, dann sind die Reptilien noch sehr träge und können bei ihrem Sonnenbad entdeckt werden. Diese Untersuchungen werden im Rahmen eines vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) geförderten Erprobungs- und Entwicklungsvorhabens durchgeführt und sollen in konkrete Maßnahmen zum Schutz der gefährdeten Kriechtiere einmünden. Mit dabei sind die Bayreuther Tierökologen Professor Dr. Klaus H. Hoffmann und Privatdozent Dr. Wolfgang Völkl mit ihren Mitarbeiter Dipl.-Biol. Daniel Käsewieter und Dipl. Forstwirt Niels Baumann. Sie sind mit der wissenschaftlichen Voruntersuchung beauftragt, was mit Fördermitteln von 350.000.- DM verbunden ist.

Im Projektrahmen sollen in den nächsten zweieinhalb Jahren die Populationsstruktur und die Mikrohabitatnutzung ausgewählter Reptilienarten im Lechtal untersucht werden. Ziel ist die wissenschaftliche Grundlagenarbeit Konzeption eines Biotopenverbundes, der die Reptilienvorkommen im Lechtal langfristig sichern soll.

79 % der in Deutschland heimischen Reptilienarten sind in der Roten Liste verzeichnet (BfN 1998). Trotz des hohen Anteils gefährdeter Arten sind naturschutzrelevante, ökologische Informationen meist nur eingeschränkt verfügbar und werden in der Naturschutzpraxis nur ausnahmsweise berücksichtigt. Gründe dafür sind z.B. Schwierigkeiten bei der Erfassung und die geringe Individuendichte einzelner Arten sowie hohe und komplexe Raum- und Habitatansprüche.
Im Lechtal zwischen Schongau und Donauwörth kommen fünf Reptilienarten regelmäßig vor. Vier dieser Arten – Schlingnatter (Coronella austriaca), Kreuzotter (Vipera berus), Zauneidechse (Lacerta agilis) und Ringelnatter (Natrix natrix) – sind in Deutschland gefährdet. Im Gegensatz zu den anderen auf der deutschen Roten Liste verzeichneten Arten erstreckt sich das potentielle Verbreitungsgebiet dieser Arten über ganz Deutschland. Das Lechtal selbst zeichnet sich durch das Nebeneinander unterschiedlichster Lebensräume aus – von Gewässern, Auen- und Feuchtlebensräumen über Magerrasen bis zu verschiedenen Waldtypen. Im Lechtal gewonnene Untersuchungsergebnisse könnten also – mit Einschränkungen – auf weite Teile der Bundesrepublik übertragen werden.

Auf der Basis bisheriger Untersuchungen und einer Bestands- und Konfliktanalyse sollen für die gefährdeten Reptilienarten Schlingnatter, Kreuzotter, Zauneidechse und Ringelnatter folgende Fragen beantwortet werden:

o Wie stellen sich aktuell Verbreitung, Populationsstruktur und Populationsdichte der Reptilienarten im Projektgebiet dar?
o Wie nutzen die einzelnen Arten die Lebensräume? Gibt es hier Spezifika für das Lechtal?
o Wie hoch ist die Beutetierdichte, speziell für die Jungtiere?
o Welches sind die Schlüsselfaktoren für das langfristige Überleben der Populationen?
o Inwieweit spielen Lebensraumkomplexität und -konnektivität (Stichwort: „Biotopverbund“) eine Rolle? Welche Rolle spielen Zerschneidungseffekte?
o Durch welche (naturschutzfachlichen) Maßnahmen sind diese Schlüsselfaktoren steuerbar?
o Lassen sich konkrete, quantitative Angaben über den Umfang sinnvoller Maßnahmen machen?

Das Vorhaben soll dazu beitragen, bundesweit gültige Empfehlungen zum Reptilienschutz zu erarbeiten und diese am konkreten Beispiel „Lechtal“ zu verifizieren. Wesentliches Ziel ist es, aktuelle Naturschutzstrategien in Hinblick auf Aspekte des Reptilienschutzes zu erweitern bzw. zu ändern. Von besonderer Bedeutung sind dabei zwei Fragen:
o Wie muss ein „Biotopverbundsystem“ tatsächlich aussehen? Wie sind die Faktoren „Lebensraumgröße“, „Isolation“ und „Komplexität der Biotope“ zu wichten und in der Umsetzung zu steuern?

o Inwieweit bestehen Verknüpfungen zu bestimmten historischen Landnutzungsformen? Inwieweit müssen diese Nutzungsformen durch landschaftspflegerische Maßnahmen imitiert werden? Bestehen Alternativen z.B. durch die Förderung der natürlichen Dynamik oder die Wiederaufnahme der historischen Nutzungsformen?

Gerade durch die Einbeziehung der Dynamik natürlicher Lebensräume soll ein innovativer Ansatz erprobt werden soll. Ziel ist es, auf Dauer einen Verbund zu schaffen, in dem Pflegemaßnahmen oder weitere Eingriffe minimiert werden. Beispielsweise soll im Rahmen des geplanten Projektes untersucht werden, ob durch die dynamischen Prozesse bei Hochwässern genügend Schwemmaterial anfällt, um natürliche Eiablagemöglichkeiten für die Ringelnatter zu schaffen. Gleiches gilt für den natürlichen Anfall von faulenden Baumstubben, die ebenfalls als Eiablagemöglichkeit dienen können. Weiterhin sollte in natürlichen Lebensräumen die Beutetierdichte aufgrund der Vielzahl der Habitatstrukturen permanent hoch sein, sodass auch hier optimale Voraussetzungen für die Reptilienpopulationen vorliegen.

Zauneidechsen, Blindschleichen und Ringelnattern protokollieren jedenfalls die Forscher im Lechtal in ihre Erfassungsbögen. Doch auch einige der selten vorkommenden Schlingnattern und Kreuzottern wurden schon gesichtet, berichtete Dr. Völkl kürzlich bei einem Pressegespräch in Merching im Lechtal. Völkl, ein Kenner der Reptilien in Deutschland, ist mit den Kreuzottern während seiner Studien im Fichtelgebirge in Tuchfühlung gekommen. „Durch gezielte Hinweise von ortsansässigen Reptilienkennern ist es uns gelungen, hier im Lechtal einige Standorte der Kreuzotter ausfindig zu machen“, resümiert Völkl die bisherigen Ergebnisse. „Kreuzottern bevorzugen ihre gewohnten Paarungs- und Überwinterungsplätze. Auch zum Sonnenbaden verziehen sie sich gerne an ihre traditionellen Plätze“, erklärt der Bayreuther Wissenschaftler.

Um übrigens Schlingnattern wieder finden und über einen längeren Zeitraum beobachten zu können, gaben die Schlangenexperten einigen erwachsenen Tieren kleine kapselförmige Sender zum Verschlucken: „So lässt sich die Schlange jederzeit und egal bei welcher Wetterlage ausfindig machen“. Den Sender würgt die Natter vor ihrer nächsten Nahrungsaufnahme wieder aus. Funktioniert die eingebaute Batterie noch, stehen die Chancen gut, entweder das Tier oder zumindest den Sender anpeilen zu können.

Media Contact

M. A. Jürgen Abel

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