Schimpansen-Tod durch Menschen-Virus

Die Öffnung von Gorilla- und Schimpansen-Reservaten für den Tourismus wird oft als Schlüssel für die Bewahrung dieser gefährdeten Menschenaffen angesehen. Allerdings gibt es Bedenken, dass Touristen die Tiere durch die Übertragung von Krankheitserregern gefährden.

Neue Forschungsergebnisse des Robert Koch-Instituts und des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie bestätigen nun die Bedrohung: die Forscher fanden erstmals einen direkten Beleg für die Virusübertragung von Menschen auf Menschenaffen. Allerdings zeigt die in der Fachzeitschrift Current Biology 18/08 veröffentlichte Studie von Sophie Köndgen und Kollegen auch, dass Forschung und Tourismus illegale Wilderei verringern. Dieser schützende Effekt überwiegt eindeutig die Sterblichkeit bei Schimpansen durch den Eintrag menschlicher Krankheitserreger.

„Die Ergebnisse zeigen, dass es wichtig ist, die Wechselwirkungen zwischen Krankheitserregern bei Wildtieren und Menschen intensiv zu erforschen“, sagt Reinhard Kurth, Präsident des Robert Koch-Instituts. “ Sie erinnern auch an das Potenzial bislang unbekannter Krankheitserreger im Tierreich“, unterstreicht der Virologe.

Die Studie nutzt einen multidisziplinären Ansatz, mit Methoden aus der Verhaltensökologie, Veterinärmedizin, Virologie und Populationsbiologie, um die Spuren der menschlichen Krankheitserreger in zwei Schimpansen-Gruppen im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste zu verfolgen. Gewebeproben von Schimpansen, die bei einer Serie von Krankheitsausbrüchen seit 1999 starben, testeten die Forscher positiv auf zwei typische Erreger von Atemwegserkrankungen bei Menschen, das „Respiratory Syncytal Virus“ (RSV) und das Metapneumovirus. Die Virusstämme, die die Wissenschaftler bei Schimpansen fanden, waren nah verwandt zu weltweit verbreiteten (pandemischen) Stämmen, die gegenwärtig in menschlichen Bevölkerungsgruppen zirkulieren. Daher dürfte die Übertragung auf die Tiere noch nicht lange zurückliegen. Klinische Beobachtungen und demografische Analysen geben Hinweise auf frühere Ausbrüche bei den Tieren.

Die Präsenz der Wissenschaftler hat jedoch auch starke positive Effekte. Untersuchungen zeigten, dass die Gegenwart der Forscher die Wilderer-Aktivitäten in diesen Gebieten erheblich verringerte. Die Schimpansen-Dichte sowohl im Umfeld der Forschungsaktivitäten als auch an einem nahegelegenen Tourismus-Gebiet waren daher viel höher als in den übrigen Gebieten des Nationalparks.

„Es muss stärker auf Hygiene-Maßnahmen bei Menschenaffen-Tourismus und bei Forschungsteams geachtet werden“, fordern Fabian Leendertz, Senior-Autor der Veröffentlichung, und Co-Autor Christophe Boesch, Direktor des Schimpansen-Projektes. Die beiden Wissenschaftler vom RKI beziehungsweise vom MPI in Leipzig untersuchen seit Jahren gemeinsam mit Kollegen Krankheitserreger bei Wildtieren. „Der multidisziplinäre Forschungsansatz ist nötig, um die unterschiedlichen Aspekte eines effektiven Menschenaffen-Schutzes zu vereinen“, unterstreicht Paul N`Goran, MPI und Schweizer Forschungszentrum, Elfenbeinküste.

Die Forschergruppe aus Leipzig und Berlin hatte bereits 2004 im Fachmagazin Nature die ersten jemals beobachteten Fälle von Anthrax (Milzbrand) bei wild lebenden Schimpansen vorgestellt. Anfang 2006 berichteten sie über eine bisher unbekannte Variante des Milzbranderregers, den sie bei drei Schimpansen und einem Gorilla in Kamerun entdeckt hatten (siehe RKI-Pressemitteilungen vom 21.07.04 und 01.02.06).

Herausgeber
Robert Koch-Institut
Nordufer 20
D-13353 Berlin
Das Robert Koch-Institut ist
ein Bundesinstitut im
Geschäftsbereich des
Bundesministeriums für Gesundheit
Pressestelle
Susanne Glasmacher
(Pressesprecherin)
Günther Dettweiler
(stellv. Pressesprecher)
Claudia Eitner
Heidi Golisch
Kontakt
Tel.: 030.18754-2239, -2562 und -2286
Fax: 030.18754 2265
E-Mail: presse@rki.de

Media Contact

Susanne Glasmacher idw

Weitere Informationen:

http://www.rki.de

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie

Der innovations-report bietet im Bereich der "Life Sciences" Berichte und Artikel über Anwendungen und wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Biologie, der Chemie und der Humanmedizin.

Unter anderem finden Sie Wissenswertes aus den Teilbereichen: Bakteriologie, Biochemie, Bionik, Bioinformatik, Biophysik, Biotechnologie, Genetik, Geobotanik, Humanbiologie, Meeresbiologie, Mikrobiologie, Molekularbiologie, Zellbiologie, Zoologie, Bioanorganische Chemie, Mikrochemie und Umweltchemie.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Lüftung leicht gemacht

Eine einfache Anlage entfernt 90 Prozent potenziell Corona-haltiger Aerosole aus der Raumluft Die Luft in Klassenzimmern und anderen Räumen von infektiösen Aerosolen zu befreien, wird künftig deutlich einfacher. Forschende des…

Krebsforscher trainieren weiße Blutkörperchen für Attacken gegen Tumorzellen

Wissenschaftler am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC) und der Hochschulmedizin Dresden konnten gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam erstmals zeigen, dass sich bestimmte weiße Blutkörperchen – so genannte Neutrophile Granulozyten…

CAPTN Future Zukunftscluster reicht Vollantrag ein

Autonomer öffentlicher Nahverkehr könnte in Kiel Realität werden Im Februar dieses Jahres gab das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Finalisten im Wettbewerb um die Innovationsnetzwerke der Zukunft bekannt….

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close