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Trend zu Einmalzahlungen kann Löhne von Preis- und Produktivitätsentwicklung abkoppeln

02.09.2010
Pauschal- und Einmalzahlungen haben im vergangenen Jahrzehnt bei Tarifabschlüssen an Bedeutung gewonnen. Verdrängen sie aber dauerhafte Lohnerhöhungen, bringt das den Beschäftigten Einkommensverluste.

Die Lohnentwicklung bleibt dann zunehmend hinter der Preis- und Produktivitätssteigerung zurück - mit negativen Wirkungen für die Konsumnachfrage der Arbeitnehmer. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung aus dem Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans Böckler-Stiftung.

Zusätzliche Einmalzahlungen und Pauschalen sind ein seit langem etabliertes Instrument der Tarifpolitik. Sie erfüllen vielfältige Funktionen, schreibt Dr. Reinhard Bispinck, Leiter des WSI-Tarifarchivs - verteilungspolitische, aber auch technische. So nutzten die Tarifparteien Einmalzahlungen, wenn sich die Verhandlungen lange hingezogen haben. Mit einer einmaligen Pauschale lässt sich dann kompensieren, dass die Beschäftigten nach dem Auslaufen des alten Vertrages länger auf eine prozentuale Tariferhöhung warten mussten. Für die so genannten "Verzögerungsmonate" gibt es einen konkreten Euro-Betrag.

Auch die von Arbeitgebern oft gewünschte lange Laufzeit eines Vertrages wird für Arbeitnehmer attraktiver, wenn die Betriebe auf die prozentuale Tariflohnerhöhung noch eine Einmalzahlung drauflegen. Zusätzliche einmalige Zahlungen sind zudem ein Weg, um die Beschäftigten an einer außergewöhnlich guten Gewinnsituation zu beteiligen. Und bisweilen bildet eine Pauschale on Top sogar eine soziale Komponente in einem Vertragswerk: Gemessen an ihrem Gesamtlohn haben Geringverdiener den höchsten Zuwachs, wenn alle Beschäftigten den gleichen Euro-Betrag erhalten.

Arbeitgeber und ihre Verbände schätzen Einmalzahlungen jedoch auch als Ersatz für dauerhafte, so genannte tabellenwirksame Tariferhöhungen - gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Je höher der Einmal-Anteil ausfällt, desto näher kommen Arbeitgeberverbände "ihrem Ziel von stärker variablen und rückholbaren Einkommenssteigerungen", analysiert Bispinck. Arbeitgeber argumentieren, dass die Beschäftigten mehr Geld im Portemonnaie haben, die Betriebe aber nicht dauerhaft belastet werden. "Doch was in einer tiefen Wirtschaftskrise seinen Sinn haben kann, taugt nicht für wirtschaftlich normale Zeiten", warnt Bispinck. Wer Einmalzahlungen zum Patentrezept stilisiere, blende eklatante Risiken für gesellschaftliche Einkommensverteilung und binnenwirtschaftliche Nachfrage aus.

Tarifabschlüsse, die ausschließlich Einmalzahlungen vorsehen, sind bislang selten. Zuletzt gab es einzelne, sie waren jedoch von der Wirtschaftskrise geprägt und oft mit qualitativen Vereinbarungen verbunden, etwa zur Beschäftigungssicherung.

Jenseits von spektakulären Ausnahmen beobachten die Experten des WSI-Tarifarchivs jedoch eine "schleichende" Verschiebung von tabellenwirksamen Erhöhungen zu einmaligen Zahlungen. Das liegt vor allem an einem Trend zu längeren Laufzeiten. Bispinck skizziert die Entwicklung so: Bis in die 1990er Jahre hinein galten Tarifverträge meist für gut ein Jahr, die tabellenwirksame Tariferhöhung trat unmittelbar oder relativ bald nach dem Abschluss in Kraft. Pauschale Zahlungen dienten lediglich dazu, die - wenigen - Verzögerungsmonate auszugleichen. Doch mittlerweile ist dieses lange Zeit typische Muster eher die Ausnahme. Zwischen 2000 und 2010 lag die durchschnittliche Laufzeit der neu abgeschlossenen Verträge meist bei mehr als 20 Monaten. In der Wirtschaftskrise stieg sie sogar auf gut zwei Jahre. Und seit 2006 ist auch die durchschnittliche Zahl der Verzögerungsmonate deutlich gestiegen. Bei den Neuabschlüssen der vergangenen Jahre dauerte es im Mittel fünf bis zehn Monate, bis die dauerhafte Prozent-Erhöhung einsetzte.

All diese Faktoren erhöhen das relative Gewicht von Einmalzahlungen am Tarifabschluss - sofern denn für die Verzögerungszeit überhaupt ein Ausgleich bezahlt wird. Selbst in den wirtschaftlich guten Jahren der letzten Dekade enthielt laut WSI-Analyse etwa jeder zehnte Neuabschluss Übergangszeiten ganz ohne Kompensation, in schlechten Jahren galt das sogar für rund die Hälfte der neuen Tarifabschlüsse.

Doch auch wenn Zahlungen fließen - auf längere Sicht erleiden Beschäftigte ohne einen tabellenwirksamen Anstieg ihrer Tarifeinkommen spürbare Einkommensverluste. Das zeigt Bispinck in einer Modellrechnung: Ein Beschäftigter mit 2000 Euro Monatsbrutto, der statt einer tabellenwirksamen Erhöhung um zwei Prozent eine Einmalzahlung von 480 Euro erhält, steht im ersten Jahr noch gleich gut da. Doch schon im zweiten Jahr fällt sein Einkommen deutlich niedriger aus. Und der Abstand vergrößert sich mit jeder weiteren Lohnerhöhung, weil Zins- und Zinseszinseffekte bei Einmalzahlungen entfallen. Die Entwicklung der Verbraucherpreise macht hingegen keine Pause - sie steigen nicht befristet, sondern kontinuierlich.

Dass derartige Einkommensrückstände zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgeholt werden könnten, erweist sich nach Erfahrung des Wissenschaftlers "regelmäßig als unrealistisch". Pauschalen und Einmalzahlungen trügen vielmehr dazu bei, die Lohnentwicklung von Preis- und Produktivitätssteigerungen zu entkoppeln, warnt Bispinck. Sie sollten daher künftig lieber eine kleinere als eine größere Rolle in der Tarifpolitik spielen und "wieder auf ihre ursprüngliche Funktion zurückgeführt werden, die (wenigen) Verzögerungsmonate zu Beginn der Laufzeit zu überbrücken."

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/320_108715.html
http://www.boeckler.de/pdf/p_ta_elemente_pauschal_und_einmalzahlungen.pdf
http://www.boeckler.de/32014_108685.html#link

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