Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Personal-Service-Agenturen stellen sich mit Niedrigstlöhnen selbst ein Bein

12.08.2004


Institut Arbeit und Technik zieht kritische Zwischenbilanz zu einem neuen arbeitsmarktpolitischen Ansatz

... mehr zu:
»PSA »Verleihsatz

Zeitarbeit kann Arbeitslosen durchaus helfen, durch Übernahme in den Entleihbetrieb wieder einen festen Arbeitsplatz zu finden. Dies haben Ansätze wie die START Zeitarbeit NRW GmbH in Nordrhein-Westfalen, die 1996 gegründet wurde, gezeigt. Die seit 2003 bundesweit eingerichteten Personal-Service-Agenturen (PSA) scheinen allerdings Schwierigkeiten zu haben, ausreichend betriebliche Einsätze zu organisieren und stellen ihrer Vermittlungsarbeit durch z.T. extrem niedrige Verleihsätze selbst ein Bein. Denn je billiger die PSA-Kräfte angeboten werden, desto geringer ist der Anreiz, diese in feste Beschäftigung zu übernehmen, was ja eigentlich das Ziel der PSA ist. Diese Zusammenhänge untersuchte Dr. Claudia Weinkopf, Forschungsdirektorin am Institut Arbeit und Technik/ Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen (IAT/Gelsenkirchen), in einer kritischen Zwischenbilanz des neuen arbeitsmarktpolitischen Instruments der "PSA".

Die Zahl der PSA ist - nicht zuletzt wegen der Maatwerk-Pleite - gegenüber dem Höchststand von fast 1000 Ende Februar 2004 inzwischen deutlich zurückgegangen. Ende Juni 2004 gab es nur noch 807 PSA bundesweit mit einer Gesamtzahl von 34 873 Arbeitsplätzen, von denen nur knapp 74 % tatsächlich besetzt waren. Bis zu diesem Zeitpunkt waren insgesamt 44 732 PSA-Beschäftigte bereits wieder ausgeschieden. Der Anteil derjenigen, die in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vermittelt werden konnten, lag bei knapp 31 % - und damit deutlich niedriger als bei entsprechenden Initiativen in der Vergangenheit.


Eine Ursache hierfür dürfte darin bestehen, dass die PSA-Kräfte nach vorliegenden Informationen im Jahresdurchschnitt 2003 in deutlich weniger als der Hälfte ihrer Arbeitszeit in Betrieben tätig waren. Gelingt aber die Organisation von betrieblichen Einsätzen nicht oder nur in geringem Maße, verpufft der erhoffte "Klebeeffekt" - die Übernahme auf einen festen Arbeitsplatz in einem Unternehmen. Wie der Maatwerk-Skandal gezeigt hat, ist unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen nicht grundsätzlich ausgeschlossen, dass PSA-Beschäftigte untätig zuhause sitzen, statt an Betriebe verliehen zu werden. Ob und inwieweit PSA-Betreiber Angebote zum Coaching und zur Qualifizierung bereithalten und welche Qualität diese haben, ist bislang offen. Diese können ohnehin betriebliche Arbeitseinsätze nur ergänzen, aber keinesfalls ersetzen. "Anderenfalls wären die Betreffenden in einer geeigneten Qualifizierungsmaßnahme mit einem integrierten Betriebspraktikum wohl besser aufgehoben", so Dr. Weinkopf.

Die bisherige PSA-Konstruktion beinhaltet darüber hinaus die Gefahr, dass reguläre Arbeitsplätze zugunsten des Einsatzes von PSA-Kräften abgebaut und dass bestehende Zeitarbeitsunternehmen durch besonders niedrige Verleihtarife vom Markt verdrängt werden. Arbeitsverträge mit PSA-Kräften müssen grundsätzlich für eine Dauer von neun bis zwölf Monaten abgeschlossen werden. Wenngleich diese Vorgabe aus arbeitsmarktpolitischer Sicht zu begrüßen ist, weil sie darauf abzielt, "Hire-and-Fire"-Strategien zu unterbinden, kann sie gleichzeitig erheblichen Druck auf die Höhe der Verleihsätze ausüben - insbesondere bei Schwierigkeiten, betriebliche Einsätze zu akquirieren. In diesem Fall werden Personal-Service-Agenturen ggf. versuchen, die Betroffenen durch besonders niedrige Verleihsätze doch noch in einem Betrieb "unterzubringen" - was finanziell für die PSA immer noch sinnvoller ist, als Beschäftigte untätig zuhause "rumsitzen" zu lassen und gar keine Einnahmen zu erzielen.

Dies kann jedoch gravierende Nebenwirkungen haben: Der Einsatz von PSA-Kräften wird für die Betriebe lukrativer, was zur Verdrängung bestehender Arbeitsverhältnisse führen kann. Im Extremfall könnten die Unternehmen insbesondere für gering qualifizierte Tätigkeiten nur noch PSA-Beschäftigte einsetzen - subventioniert durch öffentliche Zuschüsse. Eine große Differenz zwischen den Kosten für PSA-Arbeitskräfte und für die eigenen Beschäftigten in den Betrieben beeinträchtigt zudem auch die Übernahmechancen: Je billiger geeignete PSA-Beschäftigte angeboten werden, desto geringer ist der Anreiz der Unternehmen, sie in feste Beschäftigung zu übernehmen. Damit würde das erklärte Ziel der PSA "ausgehebelt".

Mit niedrigen Kosten für PSA-Beschäftigte wächst auch der Druck auf das Lohnniveau der Beschäftigten in den Betrieben - vor allem auf den Qualifikationsebenen, für die alternativ auch PSA-Beschäftigte ohne längere Anlernphasen eingesetzt werden können. Das Beispiel der Gebäudereinigung zeigt, dass solche Wirkungen bereits eingetreten sind: Hier sind die Tariflöhne seit April 2004 unter Verweis auf die neuen Tarifverträge in der Zeitarbeit abgesenkt worden. Auch in anderen Branchen gibt es erste Hinweise, dass eine Auslagerung bestimmter Tätigkeiten in die Arbeitnehmerüberlassung erwogen wird.
Wenn es den Personal-Service-Agenturen auch künftig nicht gelingen sollte, die Anteile von betrieblichen Einsätzen deutlich zu steigern, wird kritisch zu prüfen sein, ob das Konzept insgesamt tragfähig und arbeitsmarktpolitisch sinnvoll ist. Besonderes Augenmerk ist dabei auf Art und Umfang zusätzlicher Integrationshilfen wie z.B. Coaching und Qualifizierung zu richten und auf die Frage, inwieweit die eigentlich anvisierte Zielgruppe der "schwer vermittelbaren" Arbeitslosen erreicht wird. Anderenfalls wäre die Subventionierung der PSA in der bisherigen Höhe kaum zu rechtfertigen. Eine kostengünstigere und stärker erfolgsbezogene Alternative könnte z.B. darin bestehen, Zeitarbeitsunternehmen für die Einstellung von Arbeitslosen mit Vermittlungshemmnissen einen Lohnkostenzuschuss und bei erfolgreicher Vermittlung in feste Beschäftigung eine Prämie zu gewähren, schlägt die IAT-Wissenschaftlerin vor.

Für weitere Fragen steht Ihnen zur Verfügung:
Dr. Claudia Weinkopf, Durchwahl: 0209/1707-142

Claudia Braczko | idw
Weitere Informationen:
http://iat-info.iatge.de

Weitere Berichte zu: PSA Verleihsatz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index startet gut ins neue Jahr
22.02.2018 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht IMK-Indikator: Keine Rezessionsgefahr, keine Anzeichen für konjunkturelle Überhitzung
19.02.2018 | Hans-Böckler-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics