Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Sozialpläne

02.08.2000


... mehr zu:
»Abfindung »Sozialplan
Statt mit Abfindung in die Arbeitslosigkeit der Beschäftigtentransfer in eine neue berufliche Zukunft - Institut Arbeit und Technik untersuchte erste praktische Erfahrungen mit den gesetzlichen
Neuregelungen

In vielen Unternehmen des Industriellen Sektors wird Personalabbau auch in den nächsten Jahren aktuell bleiben. Während traditionell die Betroffenen lediglich mit dem "goldenen Handschlag" einer mehr oder weniger hohen Abfindung in eine ungewisse Zukunft und Arbeitslosigkeit entlassen wurden, sollen jetzt die Sozialpläne stärker "aktiviert" werden und durch Arbeitsförderung und Weiterbildung den Übergang in eine neue Beschäftigung ermöglichen. Das sehen zumindest die gesetzlichen Neuregelungen vor. In der Praxis ist der Transfergedanke bei betrieblichen Umbrüchen allerdings noch unzureichend entwickelt, vor allem bei den Beschäftigten selbst ist in den nächsten Jahren noch umfangreiche Überzeugungsarbeit zu leisten. Das ergaben Untersuchungen des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen), die sich mit den neuen Möglichkeiten eines sozialverträglicheren Personalabbaus über "Beschäftigtentransfers" befassten.

Den Sinn von Transfermaßnahmen unterstreicht die Tatsache, dass zwischen 1995 und 1998 zwar die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten um etwa 1 Million zurück ging. Im gleichen Zeitraum fand ebenfalls der Abbau von etwa 7 Millionen Arbeitsplätzen statt, der jedoch durch neugeschaffene Arbeitsplätze in anderen Branchen ausgeglichen wurde. Durch die neu eingeführte Fördermöglichkeit der Zuschüsse zu Sozialplanmaßnahmen und durch erleichterte Zugangsbedingungen zum "Strukturkurzarbeitergeld" soll die Umorientierung von passiv zu konsumierenden Abfindungen zu aktiven Maßnahmen der Arbeitsförderung erleichtert werden. Eine wachsende Zahl von Transferagenturen und Transfergesellschaften bieten inzwischen ihre Dienste an, um für Betriebe Maßnahmen des Beschäftigtentransfers durchzuführen.

Abfindungszahlungen spielen aber immer noch die bedeutendste Rolle in Sozialplänen, wenn auch eine inhaltliche Entwicklung zu erkennen ist: In den 70er Jahren regelten über 50 Prozent der Sozialpläne ausschließlich das Ausscheiden aus dem Unternehmen, nur knapp 25 Prozent organisierten die Weiterbeschäftigung durch Umsetzung. In den 80er Jahren veränderte sich dieses Verhältnis auf jeweils 40 Prozent. Allerdings spielte hier vor allem der Wechsel innerhalb des Konzerns oder Betriebes eine Rolle. Nur 10 Prozent der Sozialpläne regelten den Übergang in ein anderes Unternehmen. Nach wie vor ist der größte Teil von Sozialplanmitteln - 81 bis 90 Prozent - immer noch für Abfindungen vorgesehen. Bei Großbetrieben stehen damit immerhin knapp 20 Prozent der Sozialplanmittel für Qualifizierung, interne Umsetzungen und berufliche Neuorientierungen zur Verfügung.

Eine besondere Rolle - und zentrales Problem der Rentenkassen - stellten die sog. "Vorruhestandsregelungen" dar, bei denen das Arbeitslosengeld vom entlassenden Unternehmen um die Sozialplanabfindung aufgestockt wurde: 1996 waren in Westdeutschland 36 Prozent der Männer und 11 Prozent der Frauen vor dem Eintritt in die Rente arbeitslos gemeldet. In gesamtdeutscher Betrachtung ist Arbeitslosigkeit der häufigste Zustand vor der Rente. Durch neue gesetzliche Regelungen wurde der vorzeitige Übergang in Rente durch Abschläge bis zu 18 Prozent, Anrechnung der Abfindungen bei der Bedürftigkeitsprüfung und bei Steuerentlastungen unattraktiver gestaltet - was allerdings viele nicht hindert, trotzdem am Abfindungssozialplan festzuhalten.

Die Abteilung Arbeitsmarkt des IAT untersuchte die Instrumente und Erfolgsaussichten der neuen Transfersozialpläne. Während mit Sozialplanzuschüssen eher kurzzeitige Maßnahmen wie Outplacement, Lohnkostenzuschüsse und finanzielle Hilfen zur Erleichterung der Arbeitsaufnahme sowie kurze Qualifizierungen und Weiterbildungen finanziert werden, können mit den Mitteln des Strukturkurzarbeitergeldes umfangreichere und längerfristige Qualifizierungsmaßnahmen realisiert werden, sind allerdings nicht zwingend vorgegeben. Deshalb erscheint manchen Akteuren und Betroffenen die teure Struktur-Kurzarbeit ohne Qualifizierung attraktiver als die kostengünstigeren, jedoch arbeitsmarktpolitisch wirksamen Sozialplanzuschüsse. Mit einem Erlass vom 21.06.00 ist ein Vor- bzw. Nacheinanderschalten der beiden Instrumente möglich.

Die Transfergesellschaften helfen bei der beruflichen Neuorientierung, geben psychologische und pädagogische Betreuung und konkrete Hilfestellung, etwa bei Überschuldung, unterstützen mit Bewerbungstraining und aktiver Stellensuche, bieten individuelle Qualifizierungen aller Art und stellen Kontakte zu potenziellen neuen Arbeitgebern her. Für den Erfolg der Transfermaßnahmen ausschlaggebend sind nach den Ergebnissen der IAT-Untersuchung die regionalen Infrastrukturen: fundierte Beratung für die Betriebsparteien, kompetente Dienstleister in der Region, Kontakte untereinander.

Als hemmend für Transfersozialpläne stellt sich insbesondere die Haltung der Betroffenen in den Betrieben dar. Die bewährten Wege des Abfindungssozialplans haben trotz der steuerrechtlichen Anrechnungsregelung und geringerer Freibeträge an Reiz wenig eingebüßt. Die IAT-WissenschaftlerInnen stellten fest, dass nach wie vor auf allen Ebenen das Problembewusstsein nur schwach entwickelt ist. Die Personalverantwortlichen haben oft nur die möglichst schnelle und reibungslose Trennung von Mitarbeitern im Blick. Für die von Entlassung bedrohten Arbeitskräfte ist zunächst eine hohe Abfindung von Bedeutung und damit zentrales Verhandlungsziel der Betriebsräte in Sozialplanverhandlungen. Da die eigene Position am Arbeitsmarkt unzulänglich und viel zu positiv eingeschätzt wird, fehlt das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Qualifizierungen. Eine realistischere Einschätzung der Chancen und der persönlichen Arbeitsfähigkeit werden vielfach erst nach einer längeren Phase der Arbeitslosigkeit mit allen damit verbundenen Nachteilen vorgenommen.

Bei allen Akteuren der Arbeitsmarktpolitik, Verbänden, Bildungsträgern, der Arbeitsverwaltung und allen voran bei den Betriebsparteien und den Beschäftigten selbst ist in den nächsten Jahren noch eine umfangreiche Überzeugungsarbeit, flankiert von neuen rechtlichen Regelungen, zu leisten.

Für weitere Fragen stehen
Ihnen zur Verfügung:
Dr. Sirikit Krone, Durchwahl: 0209/1707
Angelika Müller, Durchwahl: 0209/1707-333
Dr. Matthias Knuth, Durchwahl: 0209/1707-186
Johannes Kirsch, Durchwahl: 0209/1707-152
Gernot Mühge, Durchwahl: 0209/1707-340

Claudia Braczko |

Weitere Berichte zu: Abfindung Sozialplan

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht WSI-Tarifarchiv: Tariflöhne und -gehälter 2016: Reale Steigerungen von 1,9 Prozent
05.01.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: Trotz leichtem Rückgang positiver Ausblick auf 2017
29.12.2016 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie