Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Deutschland AG löst sich auf

09.07.2008
Die Entflechtung der deutschen Unternehmensbeteiligungen hält an / Finanzdienstleister weiter auf dem Rückzug

Das Netzwerk der Unternehmensbeteiligungen, die "Deutschland AG", löst sich immer weiter auf. Das geht aus dem 17. Hauptgutachten der Monopolkommission hervor, das heute veröffentlicht wird. Das unabhängige Gremium berät die Bundesregierung in Sachen Wettbewerbspolitik und Regulierung. Lothar Krempel vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung hat die aktuellen Daten der Kommission in Grafiken übersetzt. Sie belegen: Wo 1996 noch zahlreiche Querverbindungen das Netzwerk stützten, wird das Geflecht an Kapitalverbindungen 2006 immer dünner. Die Finanzunternehmen, die traditionell den Kern des Netzwerks bildeten, verlieren weiter an Bedeutung. Die stärksten Kerne im Netzwerk bilden heute die großen Energiekonzerne, die Kreditanstalt für Wiederaufbau mit Post und Telekom sowie Porsche und Volkswagen.

In den Netzwerkgrafiken, die von Lothar Krempel entwickelt wurden, werden die 100 größten Unternehmen erfasst, die über Kapitalverflechtungen mit anderen Unternehmen verbunden waren. So entstanden im Zeitraum von 1996 bis 2006 Momentaufnahmen des deutschen Unternehmensnetzwerks - jeweils in Abständen von zwei Jahren. Mit jedem Zwei-Jahres-Schritt zeigt sich: Die Kerne des Netzwerks werden kleiner, sie sind lockerer verknüpft und mit weniger Unternehmen außerhalb der Kerne verbunden.

Noch vor zehn Jahren standen die deutschen Unternehmen stark untereinander in Kontakt. Im Kern des Netzwerks befanden sich die großen Finanzdienstleister: Allianz, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Münchner Rück, Bayerische Hypo- und Vereinsbank (UniCredit) und Commerzbank. Sie besaßen in ihren Portfolios mehrprozentige Beteiligungen an den größten deutschen Industrieunternehmen. Außerdem waren sie stark untereinander verflochten und hielten gegenseitige Anteile am Grundkapital. Auch die Industrieunternehmen kontrollierten sich gegenseitig.

Im Jahr 2006 hatten nur noch 39 der 100 größten Unternehmen Kapitalverflechtungen, 62 waren es im Jahr 1996. Es gibt nur noch 50 Verbindungen zwischen den Einheiten, verglichen mit 143 im Jahr 1996. Besonders auffällig ist, dass die Finanzdienstleister sich stark aus den Unternehmensbeteiligungen zurückziehen. 1996 waren sie an 75 der 100 größten deutschen Unternehmen beteiligt, im Jahr 2006 nur noch an 26 Unternehmen. Das betrifft auch die Beteiligungen der Finanzdienstleister untereinander. Deutsche Bank und Commerzbank lösten sich fast vollständig aus dem Beteiligungsnetzwerk. Der Rückgang der Verflechtungen zwischen Industrieunternehmen ist vorwiegend auf Fusionen zurückzuführen: VEBA/VIAG, Bewag/VEAG sowie die Übernahme von Ruhrgas durch E.ON. Lediglich in der Automobilbranche gibt es deutlich mehr und intensivere Kapitalbeteiligungen als in den Jahren davor: Hier zeigt die Grafik anschaulich die Übernahmeaktivitäten zwischen Porsche und Volkswagen.

Personelle Verflechtungen

Erstmals hat Lothar Krempel auch die personellen Verflechtungen über Aufsichtsratsmitglieder in eine Grafik übersetzt. Im Zeitraum von 1996 bis 2006 haben sich die Personalverflechtungen deutlich reduziert. Während die Deutsche Bank beispielsweise 1996 noch insgesamt 32 Aufsichtsratspositionen einnahm, waren es im Jahr 2006 lediglich noch vier. Dennoch zeigt die aktuelle Grafik, dass die Finanzunternehmen über Personalverflechtungen noch stärker ins Netzwerk eingebunden sind als über ihre Kapitalbeteiligungen.

Die Auflösung der traditionellen Beteiligungs- und Kontrollstrukturen ist nicht nur durch die Neuausrichtung der Finanzunternehmen zu erklären. Vielmehr ist sie Folge von rund 30 Unternehmenskonsolidierungen, die seit 1996 unter den "100 Größten" als Übernahmen oder Unternehmensvereinigungen stattgefunden haben. Außerhalb des Berichterstattungshorizonts der Monopolkommission liegen die Wachstumsstrategien der großen Unternehmen vornehmlich auf europäischer Ebene, die in den Grafiken nur partiell repräsentiert sind.

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht IMK-Konjunkturindikator: Rezessionsgefahr nahe Null
18.01.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht WSI-Tarifarchiv: Tariflöhne und -gehälter 2016: Reale Steigerungen von 1,9 Prozent
05.01.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie