Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Entwicklung mit Gefühl

15.10.2002


Emotionen im Straßenverkehr - als erster Autohersteller eröffnet DaimlerChrysler dazu ein Forschungszentrum
Autofahrer erfühlen, was Ingenieure konstruieren

... mehr zu:
»Customer


Die eigene Gefühlswelt zu analysieren ist oft schon schwierig genug. Persönliche Empfindungen von Autofahrern zu bewerten, sie sogar als technisch nutzbare Daten zu erfassen, dieses ehrgeizige Ziel hat sich die DaimlerChrysler-Forschung gesetzt. Im neuen Customer Research Center im Werk Berlin Marienfelde wollen die Wissenschaftler subjektive Beurteilungen von Autofahrern - was sie sehen, was sie hören, was sie fühlen - aufnehmen, untersuchen und in Kennzahlen ausdrücken. Diese Daten sollen Ingenieure künftig als Grundlage dienen, um Fahrzeuge zu entwickeln, die einen hochwertigen Eindruck vermitteln, und in denen die Kunden - entlastet von störenden Empfindungen - angenehmer und sicherer fahren.

Vom ehemaligen Fuhrpark zum Hightech-Labor

Jedes Auto spricht - neben der reinen Funktionalität - auch die Gefühle des Fahrers und der Insassen an. Doch jeder Autofahrer nimmt ein Fahrzeug unterschiedlich wahr: Was der eine als Spitzenqualität empfindet, ist für den anderen bestenfalls eine Minimalausstattung. Wie dieser persönliche Eindruck zustande kommt und wie Autofahrer - bewusst oder unbewusst - auf Reize vom Fahrzeug und von anderen Verkehrsteilnehmern reagieren, wird jetzt im neuen DaimlerChrysler-Forschungszentrum gemeinsam mit Kunden untersucht.

Für das 16-köpfige Team aus Psychologen und Ingenieuren wurde ein altes Industriegebäude, ehemals eine Fuhrparkhalle, zu einer modernen Laborlandschaft umgestaltet. Hinter der roten Ziegelsteinfassade entstanden in knapp einem Jahr drei große Abteilungen: Im Erdgeschoss befindet sich das Fahrzeugstudio - hier wird untersucht, welche Bestandteile von Karosserie und Innenausstattung den Autofahrer vom Verkehr ablenken. In der ersten Etage haben die Forscher ihre Labors für optische, akustische und gefühlte Sinnesreize eingerichtet. Gezieltes Hören, Sehen und Fühlen gehören hier zum Alltag. Es wird ermittelt, welcher Schalterklick für Testpersonen passend klingt oder welcher Sitzbezug sich am angenehmsten anfühlt. Nebenan sind die beiden Labore für Telematiksysteme und elektronische Dienste. Dort beobachten die Forscher, wie Autofahrer reagieren, wenn sie ein neues Serviceangebot im Fahrzeug nutzen. Hierfür stehen auch fünf Forschungsfahrzeuge der Mercedes-Benz E-Klasse bereit.

Forschung an Schalterklick und Reflexionen

Von Telematikdiensten über Details in der Innenausstattung bis hin zur Getriebetechnik - mit dem neuen Forschungszentrum können die DaimlerChrysler-Forscher eine große Bandbreite an technischen Merkmalen abdecken, die den Autofahrer emotional beeinflussen. Im Fahrzeugstudio untersucht das Team derzeit, wann sich Autofahrer durch Spiegelungen auf der Windschutzscheibe gestört fühlen. In einer Fahrzeug-Attrappe fährt eine Testperson durch eine virtuelle Landschaft, die auf eine Leinwand projiziert wird. Die Ingenieure verändern die Neigung der Windschutzscheibe und die Anordnung der Lüftungslamellen, um die Reflexionen möglichst gering zu halten. Zugleich befragen sie die Testfahrer nach ihren Eindrücken unter verschiedenen Beleuchtungsbedingungen, um das bestmögliche Zusammenspiel von Karosserie und Innenausstattung zu ermitteln.

In den Labors für Akustikuntersuchungen und Tastsinn sollen Versuchspersonen Oberflächen erfühlen - etwa das Relief unterschiedlicher Bedienhebel. Außerdem bewerten sie Geräusche rund ums Auto - von Fahrtwind und Motorbrummen bis zum Schalterklacken. "Auf dem Weg zum umweltverträglichen und sparsamen Auto werden Karosserie und Motoren technisch immer ähnlicher", erläutert Laborleiter Dr. Götz Renner die Ziele des neuen Labors. "Zukünftig wird die Markendifferenzierung über die Innenausstattung erfolgen - wie etwa über hervorragende Sitzbezüge."

Ideen von der Straße

Um die Reaktionen der Autofahrer auf neue elektronische Dienstleistungen zu beobachten, nut zen die Forscher zwei unterschiedliche Labore: Die Labors für Telematiksysteme und für elektronische Dienste direkt im Customer Research Center. Hier können Versuchspersonen unter realistischen Bedingungen neue Serviceangebote testen. Daneben gibt es die mobile C-BaSE (Customer Behaviour and Service Engineering) - die Ideenschmiede des Forschungszentrums.

Das Besondere: Anstatt sich am Schreibtisch den Kopf zu zermartern, schicken die Forscher Testpersonen auf die Straße. Die Testpersonen fahren in einer Mercedes-Benz-Limousine mit GPS-Ortung und zwei Kameras. Die eine Kamera beobachtet den Fahrer, die andere blickt auf die Straße. Kommt dem Fahrer spontan eine Idee, kann er sich per Knopfdruck mit den Wissenschaftlern im Labor austauschen und gleichzeitig die Kameras einschalten.

Psychologie für die Technik

Die Ergebnisse der psychologischen Studien dienen den Ingenieuren der DaimlerChrysler-Fahrzeugentwicklung als Arbeitsgrundlage. "Wir legen das Fundament für die Cockpit-Designer, den Karosseriebau und manchmal auch für die Getriebeingenieure", sagt Dr. Götz Renner. Tatsächlich führen die Akzeptanztests nicht nur zu Verbesserungen der Innenausstattung, sondern auch zur Optimierung von technischen Systemen.

"Im Customer Research Center wird der Kunde selbst zum Forscher." Von diesem Ansatz verspricht sich das Team um Dr. Renner wenigstens einem Teil der subjektiven Empfindungen auf die Spur zu kommen, die Autofahrer im Straßenverkehr entwickeln.

Patricia Piekenbrock | DaimlerChrysler

Weitere Berichte zu: Customer

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Verkehr Logistik:

nachricht Zur Sicherheit: Rettungsautos unterbrechen Radio
18.01.2017 | KTH Royal Institute of Technology Schweden

nachricht Hubschrauberflüge unter Extrembedingungen simulieren
27.12.2016 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Verkehr Logistik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie