Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Welche Sprache spricht Europa?

01.09.2010
Interdisziplinäre Forschergruppe lädt am 2. und 3. September zur Konferenz über „Normen- und Wertbegriffe in der Verständigung zwischen Ost- und Westeuropa“ an die Universität Jena ein

In Brüssel spricht man französisch. Klar. Auch niederländisch und sogar deutsch. Das ist wenig verwunderlich, leben in Belgien doch Wallonen, Flamen und eine deutschsprachige Minderheit. Doch in Brüssel spricht man ebenso finnisch, slowakisch, spanisch, irisch oder lettisch – mittlerweile 23 verschiedene Amtssprachen und mehrere Dutzend weiterer Regionalsprachen werden im Zentrum der Europäischen Union (EU) gebraucht.

„Neben der Notwendigkeit, sich auf einige wenige Arbeitssprachen festzulegen, ist auch die Einigung auf einen gemeinsamen europäischen Wertekanon eine Grundvoraussetzung für das Zusammenleben in der EU“, ist Prof. Dr. Hartmut Rosa von der Friedrich-Schiller-Universität Jena überzeugt. Schließlich träfen im geeinten Europa ganz unterschiedliche Kulturen aufeinander, so der Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie weiter. Welche Werte die Europäer einen, erklärt der Europäische Verfassungsvertrag: „Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte.“

Doch was bedeuten „Freiheit“, „Gleichheit“ oder „Demokratie“ konkret? Den Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Bedeutung dieser Begriffe innerhalb Europas sind Forscher in den vergangenen dreieinhalb Jahren an den Universitäten Jena und Halle-Wittenberg nachgegangen. Auf der morgen (2. September) beginnenden internationalen Konferenz „Normen- und Wertbegriffe in der Verständigung zwischen Ost- und Westeuropa“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena wollen die Wissenschaftler die wichtigsten Ergebnisse dieses Projekts präsentieren.

„Wenn zwei Europäer ,Gerechtigkeit’ sagen, meinen sie nicht immer dasselbe“, nennt Prof. Rosemarie Lühr von der Universität Jena ein Beispiel. Im Englischen stehe mit „Justice“ vor allem die Gerechtigkeit im justiziellen Sinne – vertreten durch den Staat und seine Institutionen – im Fokus, veranschaulicht die Inhaberin des Lehrstuhls für Indogermanistik. „Doch wenn wir Deutschen von Gerechtigkeit sprechen, meinen wir eher Aspekte, die sich mit ,Fairness’ oder ,Equality’ übersetzen lassen“, so die Sprachwissenschaftlerin, die das interdisziplinäre Forschungsprojekt gemeinsam mit Prof. Rosa und Prof. Dr. Matthias Kaufmann von der Universität Halle-Wittenberg koordiniert. Insgesamt 18 Wertbegriffe hat das Team aus Linguisten, Soziologen und Philosophen hinsichtlich ihrer Entstehung, ihres Bedeutungswandels und des Wortgebrauchs in zehn verschiedenen ost- und westeuropäischen Sprachen untersucht.

Dabei haben die Wissenschaftler nicht nur Unterschiede zwischen verschiedenen Sprachen ausgemacht. „Je nach sozialem Kontext werden Begriffe mit ganz unterschiedlichen Bedeutungsnuancen gebraucht“, erläutert Prof. Rosa. Entsprechend der politischen Einstellung werde in Deutschland etwa der Begriff „Solidarität“ mit unterschiedlichen Aspekten assoziiert, weiß der Jenaer Soziologe. Nach sozialdemokratischer Lesart beziehe sich „Solidarität“ auf die Verpflichtung der Gesellschaft, sich um ihre Mitglieder zu kümmern, während die liberal-konservative Deutungsweise gerade umgekehrt an die Pflicht des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft appelliert. „Beide Weltbilder unterscheiden sich spürbar in ihrer Auffassung bezüglich der Rolle des Staates“, ergänzt Dr. Jörg Oberthür, Mitarbeiter an Rosas Lehrstuhl und Organisator der Jenaer Konferenz. Nicht von ungefähr werde über „Solidarität“ politisch heftig gestritten.

Ähnliche Konflikte finden sich auch in anderen Sprachen. So stehen sich in der russischen Sprachgemeinschaft heute unterschiedliche Vorstellungen über den Wert „Soziale Gerechtigkeit“ gegenüber. „Seitens der Regierung sind das Merkmale wie ,leistungsbezogen’, ,liberal’ und ,demokratisch’“, sagt Dr. Bettina Bock. Die Bevölkerung, so die Indogermanistin von der Universität Jena weiter, insbesondere diejenigen, die zu den Verlierern der Reformen gehörten, beziehe „Soziale Gerechtigkeit“ hingegen auf eine gleiche Verteilung gesellschaftlicher Güter und soziale Sicherheit. „Zur Wendezeit war dies noch anders. Die Idee einer leistungsbezogenen sozialen Gerechtigkeit war damals weit verbreitet“, so Dr. Bock.

Die Internationale Konferenz „Normen- und Wertbegriffe in der Verständigung zwischen Ost- und Westeuropa“ findet vom 2. bis 3. September in den Rosensälen der Friedrich-Schiller-Universität Jena statt. Die Veranstaltung ist öffentlich. Das Programm der Konferenz sowie Informationen zum Forschungsprojekt sind zu finden unter: http://www.indogermanistik.uni-jena.de/NW.

Kontakt:
Prof. Dr. Rosemarie Lühr
Lehrstuhl für Indogermanistik der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Zwätzengasse 12
07743 Jena
Tel.: 03641 / 944381
E-Mail: rosemarie.luehr[at]uni-jena.de
Prof. Dr. Hartmut Rosa
Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Carl-Zeiß-Straße 2
07743 Jena
Tel.: 03641 / 945510
E-Mail: hartmut.rosa[at]uni-jena.de

Dr. Ute Schönfelder | idw
Weitere Informationen:
http://www.indogermanistik.uni-jena.de/NW
http://www.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein
28.03.2017 | Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT

nachricht Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle
28.03.2017 | Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Von Agenten, Algorithmen und unbeliebten Wochentagen

28.03.2017 | Unternehmensmeldung

Hannover Messe: Elektrische Maschinen in neuen Dimensionen

28.03.2017 | HANNOVER MESSE

Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome

28.03.2017 | Medizin Gesundheit